Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Europa
-
Polioviren im Abwasser weit verbreitet

Nicht nur in mehreren deutschen Städten sind Polioviren in Abwasserproben entdeckt worden, auch international findet man sie vermehrt. Prinzipiell gibt es zwei Quellen: Infizierte Personen oder Personen, die eine Polio-Schluckimpfung erhalten haben. Da Schluckimpfungen in den entwickelten Ländern nicht mehr zum Einsatz kommen, ist der Nachweis dieser pathogenen Viren nicht harmlos.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 16.12.2024  15:00 Uhr

Seit September häufen sich die Berichte positiver Nachweise von Polioviren in Abwasserproben nicht nur in Deutschland, sondern auch in Spanien, Polen und dem Vereinigten Königreich. Bisher wurden zwar noch keine Polioerkrankungen beim Menschen gemeldet und die Europäische Union beziehungsweise der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) gelten weiterhin als poliofrei, wie das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) meldet. Allerdings sind die positiven Abwasserproben »verwirrend, sehr unorthodox und sehr besorgniserregend«, wie es in einem News-Beitrag im Wissenschaftsmagazin »Science« heißt.

Shahin Huseynov, der Polio-Beauftragte für die Europäische Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO), betont, dass genetisch gesehen das Bild sehr ungewöhnlich sei. Er bezeichnet die Situation als »sehr faszinierend«, was zum Ausdruck bringt, wie viele Fragezeichen sich hinter dem Phänomen befinden.

Inzwischen ist bekannt, dass die Viren von einem in Afrika zirkulierenden Virusstamm stammen und dass es sich um pathogene Viren handelt. Zwar leiten sich die Isolate von Impfstämmen, also abgeschwächten Lebendviren, ab, die in der Schluckimpfung gegen Polio (OPV) verwendet werden. Diese sind allerdings wieder zu pathogenen Viren zurückmutiert, können also wieder die für Poliomyelitis typischen Lähmungen verursachen.

Das Bild ist allerdings nicht einheitlich. Am ehesten vergleichbar seien die hier aus den Abwässern isolierten Viren mit einem Stamm, der momentan in Algerien, Guinea und Mali zirkuliere, so die derzeitigen Schlussfolgerungen.

Weg des Virus in Europa unklar

So stehen die Experten offensichtlich vor einem Rätsel. Denn anders als üblich lässt sich die Verbreitung des Virus nicht eindeutig aus genetischen Analysen rekonstruieren. Sie zeigen aber, dass das Virus wohl seit etwa einem Jahr unentdeckt in Europa zirkuliert. Klar sei nur eines, so die Experten: Das Virus breitet sich schnell aus.

Ein sporadischer Nachweis von Polio-Impfviren in poliofreien Ländern ist keine Seltenheit. Sie werden von Menschen eingeschleppt, die aus einem Land einreisen, in dem die Menschen noch mit der Schluckimpfung immunisiert werden. Das sind vor allem Länder auf dem afrikanischen Kontinent ebenso wie Afghanistan und Pakistan, wo das Wildvirus endemisch ist.

Mehr von Avoxa