Ab Herbst 2026 soll das »Pharmacy First«-Programm in England ausgeweitet werden. / © Shutterstock/Peter_Fleming
Ende Mai kündigte die britische Regierung ein Finanzierungspaket in Höhe von 340 Millionen Pfund (umgerechnet 393 Millionen Euro) für öffentliche Apotheken in England an. Dieses sieht unter anderem die Ausweitung des »Pharmacy First«-Programms (zu Deutsch: Zuerst in die Apotheke) ab Herbst 2026 vor.
Das Programm ermöglicht es Patientinnen und Patienten, bei bestimmten alltäglichen Erkrankungen direkt in der Apotheke medizinisch beraten und mit verschreibungspflichtigen Medikamenten behandelt zu werden, ohne vorher einen Arzt aufsuchen oder einen Termin vereinbaren zu müssen. Bislang gab es für sieben akute Krankheitsbilder sogenannte Clinical Pathway Consultations: bei Sinusitis, Halsentzündungen, Mittelohrentzündungen, infizierten Insektenstichen, Impetigo, Gürtelrose und unkomplizierten Harnwegsinfekten bei Frauen.
Ab diesem Herbst sollen bis zu fünf weitere Gebiete hinzukommen. Diese stehen noch nicht fest. Laut Angaben des Verbands Community Pharmacists England zählen jedoch bakterielle Bindehautentzündung, allergische Bindehautentzündung, Mundsoor, Hautinfektionen und Infektionen der Atemwege zu den berücksichtigten Optionen. Die neuen Behandlungswege müssen demnach vor ihrer Einführung von einer klinischen Referenzgruppe genehmigt werden.
Laut dem staatlichen Gesundheitsdienst NHS dürfen Apotheken, die eine entsprechende Schulung absolviert haben, ab Herbst 2026 eigenständig Medikamente verschreiben. Bislang gab es Patientengruppenanweisungen (PGD) und Protokolle, die festlegten, welche Medikamente Apotheken ohne vorherigen Arztbesuch verschreiben durften. Dies war im Rahmen eines Pilotprojekts mit rund 200 Apotheken in England möglich. Verschreibungsberechtigte Apotheker konnten im Rahmen dessen zudem eine Dienstleistung außerhalb des NHS anbieten, die von den Patientinnen und Patienten selbst zu zahlen war.
Dies soll sich nun ändern. Apotheken dürfen dann selbst entscheiden, wann ein Medikament notwendig ist, und es bei Bedarf verschreiben. »Sie können für die sieben Erkrankungen der ›Pharmacy First‹-Behandlungspfade über die Beschränkungen der PGD hinaus verschreiben, sofern dies für die Patientin beziehungsweise den Patienten klinisch angemessen ist«, so die Antwort des Verbands der Vor-Ort-Apotheken Englands gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung.
Das »Pharmacy First«-Programm wurde 2024 in England eingeführt. Laut Angaben der britischen Regierung wurden zwischen März 2025 und Februar 2026 mehr als 3,3 Millionen »Pharmacy First«-Beratungen durchgeführt. Dies entspricht einem Anstieg von 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dabei berichteten 86 Prozent der Personen, die diesen Dienst in Anspruch nahmen, von positiven Erfahrungen.
Schottland verfügt über ein Programm, das als Vorbild für Englands »Pharmacy First« diente. In Nordirland gibt es bereits seit 2009 ein »Minor Ailment Service« und in Wales seit 2013 einen »Common Ailments Service«. Independent Prescribing ist im Vereinigten Königreich sogar bereits seit 2006 erlaubt.