| Daniela Hüttemann |
| 16.02.2026 18:00 Uhr |
Laut einer aktuellen Veröffentlichung führt die Verfügbarkeit von PDE-5-Hemmern ohne Rezept dazu, dass mehr Männer mit erektiler Dysfunktion in der Apotheke um Rat suchen und dann oft an den Arzt verwiesen werden. / © Getty Images/Westend61
Dreimal schon gab es in Deutschland Versuche, Phosphodiesterase-5-Hemmer wie Sildenafil und Tadalafil von der Rezeptpflicht in die Selbstmedikation zu bringen. Jedes Mal scheiterten die Antragsteller jedoch an den Bedenken des Sachverständigenausschusses für Verschreibungspflicht.
Demnächst könnte das Thema wieder einmal auf die Tagesordnung kommen. Denn Versorgungsforschende haben nun neue Daten aus einer Umfrage mit mehr als 10.000 Männern mit erektiler Dysfunktion (ED) aus vier europäischen Ländern vorgelegt:
Das Team um Professor Dr. Uwe May von der Fresenius Hochschule Wiesbaden und Cosima Bauer vom privaten Forschungsinstitut May und Bauer veröffentlichte die Ergebnisse kürzlich im »International Journal of Public Health«. Unterstützt wurde die Studie unter anderem von Sanofi.
Rund 10.000 Männer zwischen 18 und 75 Jahren wurden eingeschlossen. Das mediane Alter lag zwischen 44 und 46 Jahren. Es wurden jeweils rund 2500 Männer aus Deutschland, Norwegen, Polen und der Schweiz im Frühjahr 2023 befragt, unter anderem zu Problemen mit der Potenz, Konsultationen von medizinischem Fachpersonal (Arzt/Apotheker), Gründen für die Nichtkonsultation eines Arztes, die Verwendung von PDE-5-Hemmern und die Kanäle von deren Beschaffung.
Die Einstufung des Vorhandenseins einer ED erfolgte anhand des international etablierten und validierten Diagnosefragebogens IIEF-5. Die Prävalenz war hoch: In Deutschland lag sie bei 59,7 Prozent, in der Schweiz bei 65,2 Prozent, in Norwegen bei 61,9 Prozent und in Polen bei 65,9 Prozent. Von den betroffenen Männdern hatten jeweils rund 60 bis 65 Prozent eine ärztliche Diagnose. In Norwegen gab jeder dritte Befragte mit Potenzproblemen eine Eigendiagnose an; in Deutschland waren es nur rund 14 Prozent.
»Trotz ähnlicher Prävalenzraten für ED in den vier Ländern gab es erhebliche Unterschiede hinsichtlich des Anteils der Teilnehmer, die eine Therapie erhielten«, erläutert May. In Deutschland erhielten 22,2 Prozent der ED-Betroffenen einen PDE-5-Hemmer. In Polen waren es nur etwas mehr (24,1 Prozent, kein statistisch signifikanter Unterschied), in Norwegen und der Schweiz jedoch deutlich mehr: 30,4 beziehungsweise 41,5 Prozent.
In Deutschland hatten 39,3 Prozent der Männer mit ED bereits einen Arzt aufgrund ihrer Potenzstörung aufgesucht. In Polen waren es nur 25 Prozent, wohingegen es in Norwegen (59,6 Prozent) und in der Schweiz (44,3 Prozent) deutlich mehr waren. Einen Apotheker hatten 23,6 Prozent der Betroffenen in Deutschland konsultiert, 21,5 Prozent in Polen, 46,8 Prozent in Norwegen und 34,6 Prozent in der Schweiz.
Bei einem Großteil der Befragten hatten die Apotheker für einen Check-up an den Arzt verwiesen – in Norwegen und der Schweiz sogar häufiger als in Deutschland (93,8 Prozent und 85,1 versus 80,7 Prozent). In Polen geschah dies bei 70,6 Prozent der Apotheken-Konsultationen. Ein Missbrauch in Form einer Anwendung von PDE-5-Hemmern ohne ED-Symptome wurde in allen Ländern nur in Ausnahmen berichtet.
Während in Deutschland 40,9 Prozent angaben, sich schon einmal einen PDE-5-Hemmer über den Schwarzmarkt besorgt zu haben, waren es in Norwegen nur 21,7 und in Polen 18,9 Prozent. Auf der anderen Seite hatten 56,1 Prozent der schweizerischen Befragten nicht offizielle Quellen genutzt.
»In der Schweiz ist die Hürde beim Zugang zu PDE-5-Hemmern de facto immer noch sehr hoch«, so May gegenüber der PZ. Die Beratungsgebühr in der Apotheke betrage in der Schweiz umgerechnet etwa 30 Euro. Hinzu kommen sehr hohe Arzneimittelpreise. »Des Weiteren ist es weder den Patienten noch den meisten Apothekerinnen und Apothekern in der Schweiz bekannt, dass es die Möglichkeit eines Rezepts aus der Apotheke überhaupt gibt. Wir müssen die Schweiz im Ergebnis also eher mit Deutschland in die Reihe der Rx-Länder einordnen. Dementsprechend fallen auch die Befragungsergebnisse in der Schweiz aus.«
Was sich aber sagen lässt: Wer aufgrund seiner Potenzprobleme einen Arzt konsultiert hatte, griff mit deutlich niedrigerer Wahrscheinlichkeit auf den Schwarzmarkt zurück und blieb auch seltener unbehandelt als Männer mit Eigendiagnose ohne Arztkontakt.
Obwohl der einfachste Zugang zu PDE-5-Hemmern in Norwegen beobachtet wurde, wurde hier mit 54,5 Prozent auch die höchste Rate der Nutzung ärztlicher Rezepte (mit Einlösung in der Apotheke vor Ort) beobachtet. Darüber hinaus wurden häufig andere offizielle Zugangswege genutzt, darunter Online-Ärzte (33,7 Prozent) und Online-Apotheken mit Verordnung (25,5 Prozent), die jeweils den zweiten und dritten Platz der häufigsten Bezugsquellen für ED-Medikamente einnahmen. Auf Platz vier der Beschaffungswege blieben mit 21,4 Prozent die Schwarzmarktkanäle, während reine OTC-Optionen, sowohl in Apotheken vor Ort als auch in Online-Apotheken, nur von 10,1 beziehungsweise 8,2 Prozent der Teilnehmer genutzt wurden.
In Deutschland ist auffällig, dass der Schwarzmarkt mit 40,9 Prozent etwa genauso häufig genutzt wurde wie die Vor-Ort-Apotheke mit Rezept (40,6 Prozent). 34,3 Prozent hatten schon ein PDE-5-Hemmer-Rezept bei einer Online-Apotheke eingelöst und 32 Prozent sich dazu an einen Teledoktor gewandt.
In Polen wurden die OTC-Möglichkeiten off- und online häufiger genutzt als das Einlösen eines Rezeptes. Hier lag die Selbstmedikation durch die Apotheke vor Ort mit 37,3 Prozent sogar auf Platz eins der Beschaffungswege. In der Schweiz nutzten dagegen nur 12,6 Prozent der Befragten die Möglichkeit, sich einen PDE-5-Hemmer vom Apotheker verordnen zu lassen.
Insgesamt kommt die Autorengruppe zu dem Schluss, dass ein vereinfachter Zugang zu Potenzmitteln ohne ärztliche Verordnung die Versorgung verbessern kann. Im OTC-Setting besuchten mehr Männer mit ED eine Apotheke und die Mehrheit von ihnen wurde an den Arzt verwiesen. »Angesichts des hohen Vertrauens, das Patienten in die Beratung durch Apotheker setzen, sollte diese Gelegenheit genutzt werden, um mögliche Grunderkrankungen, die eine erektile Dysfunktion verursachen, frühzeitig zu erkennen«, so May.
Angesichts dieser Ergebnisse rechnen Bauer und May mit einem erneuten Versuch für einen OTC-Switch in Deutschland und hoffen, dass sich die Sachverständigen dieses Mal überzeugen lassen. Als das Thema zuletzt auf der Tagesordnung des Ausschusses stand, hätte vorab das Bundesministerium für Gesundheit mit Blick auf den Schwarzmarkt die Vorteile einer OTC-Freigabe im Sinne des Verbraucherschutzes betont, erinnert May. »Entscheidungen zur Entlassung aus der Verschreibungspflicht sollten nicht allein Risikoaspekte, sondern auch Versorgungsnutzen und soziökonomische Aspekte einbeziehen.«
Die nächste reguläre Ausschusssitzung findet im Juli statt. Eine Tagesordnung wurde noch nicht veröffentlicht. »Eine OTC-Freigabe könnte den unregulierten Gebrauch reduzieren und die Versorgung verbessern«, ist die Politikwissenschaftlerin Bauer überzeugt.