| Kerstin A. Gräfe |
| 04.02.2026 09:00 Uhr |
Anästhesisten steht seit Kurzem mit Remimazolam ein weiteres Sedativum und Anästhetikum zur Verfügung. / © Getty Images/Dana Neely
Remimazolam ist ein ultrakurz wirksames intravenöses Benzodiazepin-Sedativum und -Anästhetikum. Der Wirkstoff ist das Ergebnis einer gezielten Modifikation: Das Molekül (siehe Strukturformel) verbindet die pharmakodynamischen Eigenschaften von Midazolam mit den pharmakokinetischen von Remifentanil – was sich auch im Namen widerspiegelt.
Analog zu Midazolam entfaltet Remimazolam seine Wirkung über eine Bindung an die Benzodiazepin-Bindungsstellen von Gamma-Aminobuttersäure-Typ-A-(GABAA-)Rezeptoren. Vom Remifentanil hat man sich das Prinzip der Esterbindung im Molekül abgeschaut: Im Körper wird Remimazolam organunabhängig von ubiquitär vorkommenden unspezifischen Gewebeesterasen schnell zu dem inaktiven Carboxylsäure-Metaboliten CNS7054 abgebaut, der eine etwa 300-mal geringere Affinität für GABAA-Rezeptoren hat. Daraus resultiert eine ultrakurze Wirkdauer.
Strukturformel Remimazolam / © PZ/Wurglics
Der neue Wirkstoff ist in zwei Konzentrationen verfügbar: Remimazolam (Byfavo® 20 mg Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung, Paion) ist bei Erwachsenen zur prozeduralen Sedierung indiziert. Das Präparat Byfavo® 50 mg Pulver zur Herstellung einer Injektions-/Infusionslösung wird bei Erwachsenen zur intravenösen Einleitung und Aufrechterhaltung einer Allgemeinanästhesie angewendet. Letzteres zählt aufgrund der höheren Wirkstärke zu den Betäubungsmitteln (BtM).
Die Dosis wird patientenindividuell und in der Regel körpergewichtsunabhängig titriert, um eine wirksame Menge zu erhalten, mit der die gewünschte Sedierungstiefe erreicht wird und Nebenwirkungen minimiert werden. Während der Gabe muss ein Benzodiazepin-Antagonist (Flumazenil) sofort verfügbar sein.
Ältere Patienten reagieren möglicherweise empfindlicher auf die Wirkungen von Remimazolam. Bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung können aufgrund der herabgesetzten Clearance die klinischen Wirkungen ausgeprägter sein und länger andauern. Patienten, die eine Dauertherapie mit Benzodiazepinen erhalten, benötigen aufgrund einer Toleranzentwicklung unter Umständen eine höhere kumulative Dosis, um die gewünschte Sedierung zu erreichen.
Neben einer Toleranzentwicklung kann es unter Remimazolam wie bei anderen Benzodiazepinen zu anterograder Amnesie, paradoxen Reaktionen und Suchtpotenzial kommen. Auch kardiorespiratorische Wirkungen können auftreten, einschließlich Atemdepression, Bradykardie und Hypotonie. Die gleichzeitige Anwendung mit Opioiden kann zu starker Sedierung, Atemdepression, Koma und Tod führen. Der Konsum von Alkohol und/oder ZNS-dämpfenden Substanzen sollte mindestens 24 Stunden vor der Gabe von Remimazolam unterbleiben.
Bei Patienten mit Myasthenia gravis ist besondere Vorsicht angezeigt, bei instabiler Myasthenia gravis ist die Anwendung kontraindiziert.
Aus Vorsichtsgründen soll eine Anwendung von Byfavo während der Schwangerschaft vermieden werden. Ein Risiko für gestillte Neugeborene oder Säuglinge kann nicht ausgeschlossen werden. Daher ist die Anwendung von Remimazolam bei stillenden Müttern zu vermeiden. Ist eine Anwendung dennoch notwendig, wird empfohlen, das Stillen nach der Gabe 24 Stunden lang zu unterbrechen.