| Kerstin A. Gräfe |
| 06.01.2026 07:00 Uhr |
Das familiäre Chylomikronämie-Syndrom (FCS) ist durch extrem erhöhte Triglyzeridwerte gekennzeichnet. Mit Olezarsen ist ein neuer Wirkstoff zur Behandlung verfügbar. / © Adobe Stock/syhin_stas
Das familiäre Chylomikronämie-Syndrom (FCS) ist eine sehr seltene erbliche Erkrankung des Fettstoffwechsels. Ursache sind unter anderem Mutationen der Lipoproteinlipase (LPL), wodurch die Hydrolyse von triglyzeridreichen Chylomikronen partiell oder gänzlich unmöglich ist. Die Folge ist eine ausgeprägte Hypertriglyzeridämie von Kindheit an. Typische Symptome sind starke Bauchschmerzen, Erbrechen und Durchfall. Häufig kommt es zu Pankreatitiden, die chronifizieren können.
Eine wichtige Rolle im Triglyzeridstoffwechsel sowie bei der hepatischen Clearance von Chylomikronen und anderen triglyzeridreichen Lipoproteinen spielt das Apolipoprotein C-III (ApoC-III). Hier setzt der neue Wirkstoff an: Das Antisense-Oligonukleotid Olezarsen bindet selektiv an die Boten-RNA (mRNA) von ApoC-III, sodass die Translation des Proteins und damit dessen Produktion verhindert werden. Wird ApoC-III nicht mehr produziert, ermöglicht das im Körper den Chylomikronen-Abbau über einen LPL-unabhängigen Weg. Die Folge: Der Triglyzerid-Spiegel im Blut sinkt.
Olezarsen (Tryngolza® 80 mg Injektionslösung im Fertigpen, Swedish Orphan Biovitrum) ist zugelassen zur Behandlung erwachsener Patienten mit genetisch bestätigtem FCS, ergänzend zu einer Diät. Tryngolza kann mit anderen lipidsenkenden Arzneimitteln, etwa Statinen und Fibraten, kombiniert werden.
Die empfohlene Dosis von einmal monatlich 80 mg wird subkutan verabreicht. Die Injektion soll in den Bauch oder die Oberschenkelvorderseite abgegeben werden. Wenn eine medizinische Fachperson oder eine Betreuungsperson die Injektion verabreicht, kann auch die Rückseite des Oberarms als Injektionsstelle verwendet werden.
Olezarsen darf nicht in Hautbereiche injiziert werden, an denen sich ein Hämatom befindet oder die empfindlich, gerötet oder verhärtet sind, und nicht in Narben oder geschädigte Haut. Auch der Bereich um den Nabel ist zu meiden. Nach entsprechender Einweisung kann Tryngolza von den Patienten selbst oder deren Betreuungspersonen injiziert werden.
Wird eine Dosis versäumt, ist Tryngolza so bald wie möglich zu verabreichen. Anschließend ist die monatliche Dosierung ab dem Datum der zuletzt verabreichten Dosis wieder aufzunehmen.
Zu den häufigen Nebenwirkungen gehören lokale Reaktionen an der Injektionsstelle sowie Kopfschmerz, Gelenkschmerzen und Erbrechen. Zudem wurden unter der Behandlung Überempfindlichkeitsreaktionen beobachtet, einschließlich Symptomen wie diffusem Erythem oder Schüttelfrost. Tritt eine schwerwiegende Überempfindlichkeitsreaktion auf, muss die Therapie umgehend abgebrochen und eine geeignete medizinische Behandlung eingeleitet werden.
Weitere schwerwiegende Ereignisse wie Thrombozytopenie, Hepatotoxizität oder Nephrotoxizität, die bei anderen Antisense-Oligonukleotiden aufgetreten sind, können auch für Tryngolza derzeit nicht vollständig ausgeschlossen werden. Bei Patienten mit Thrombozytenwerten unter 100.000/mm³ sollte Olezarsen nur mit besonderer Vorsicht angewendet werden.
Olezarsen wurde bei schwerer Nierenfunktionsstörung oder terminaler Niereninsuffizienz nicht untersucht und darf bei diesen Patienten nur dann angewendet werden, wenn der zu erwartende klinische Nutzen das Risiko überwiegt. Gleiches gilt für Patienten mit mittelgradiger oder schwerer Leberfunktionsstörung.
Aus Vorsichtsgründen sollte Olezarsen während der Schwangerschaft möglichst nicht angewendet werden und Frauen im gebärfähigen Alter müssen unter der Therapie zuverlässige Verhütungsmethoden verwenden. Bei Stillenden muss entschieden werden, ob das Stillen oder die Behandlung mit Olezarsen unterbrochen wird.
Die Zulassung basiert auf der randomisierten, doppelblinden Phase-III-Studie BALANCE an 66 erwachsenen Patienten mit genetisch bestätigtem FCS. Sie erhielten über einen Zeitraum von 53 Wochen randomisiert einmal monatlich subkutan entweder 80 mg Olezarsen, 50 mg Olezarsen oder Placebo. Primärer Endpunkt war die prozentuale Veränderung der Nüchterntriglyzeridwerte von Baseline bis Monat 6, verglichen mit Placebo.
Olezarsen reduzierte in der 80-mg-Dosis signifikant die Triglyzeridwerte (−44 Prozent), nicht jedoch in der 50-mg-Dosis (−22,4 Prozent). Die Wirkung hielt bis Monat 12 an (−59 Prozent). Zudem konnte ein Rückgang des Nüchtern-ApoC-III-Werts beobachtet werden: Die placebokorrigierte prozentuale Veränderung gegenüber Baseline betrug −74 beziehungsweise −81 Prozent in den Monaten 6 und 12. Unter Olezarsen trat ein Fall akuter Pankreatitis auf, unter Placebo elf Ereignisse bei sieben Patienten.
Tryngolza ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern. Das Präparat kann in der Originalverpackung außerhalb des Kühlschranks (bei bis zu 30 °C) bis zu sechs Wochen lang aufbewahrt werden.
Olezarsen kann derzeit als Schrittinnovation gesehen werden. Denn im Jahr 2019 kam mit Volanesorsen bereits ein Wirkstoff mit identischem Wirkprinzip für dieselbe Erkrankung auf den deutschen Markt. Gewisse Fortschritte bietet Olezarsen aber: Während Volanesorsen nur bei Patienten mit familiärem Chylomikronämie-Syndrom (FCS) infrage kommt, bei denen ein hohes Risiko für Pankreatitis vorliegt und die auf eine Diät und eine triglyzeridsenkende Therapie unzureichend angesprochen haben, darf Olezarsen grundsätzlich bei Erwachsenen mit FCS ergänzend zu einer Diät zum Einsatz kommen. Hinzu kommt, dass Olezarsen nur einmal pro Monat, Volanesorsen dagegen wöchentlich beziehungsweise zweiwöchentlich subkutan injiziert wird.
Auch das Thema Thrombozytopenie ist zu nennen. In der Fachinformation des Volanesorsen-haltigen Präparats Waylivra® gibt es dazu einen speziellen Warnhinweis; demnach handelt es sich um eine sehr häufige Nebenwirkung. Unter Olezarsen ist das offensichtlich kein Thema. In der Fachinformation von Tryngolza® wird lediglich darauf hingewiesen, dass schwerwiegende Risiken wie Thrombozytopenie, Hepatotoxizität oder Nierentoxizität allgemein bei Antisense-Oligonukleotiden möglich sind und »nicht vollständig ausgeschlossen« werden können. Möglicherweise bietet Olezarsen also auch hinsichtlich des Sicherheitspotenzials gegenüber Volanesorsen einen Vorteil.
Sven Siebenand, Chefredakteur