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Corona-Mutation aus England
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Neue Virusvariante 56 Prozent ansteckender

Die neue SARS-CoV-2-Variante aus England scheint deutlich ansteckender zu sein als die bisherigen Formen. Das könnte noch drastischere Eindämmungsmaßnahmen wie längere Schulschließungen erforderlich machen. Auch müsste das Impfen deutlich schneller gehen.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 28.12.2020  16:30 Uhr

Die neue SARS-CoV-2-Variante VOC 202012/01, die erstmals im November 2020 im Südosten Englands auffiel, hat mittlerweile die Gesundheitsbehörden in ganz Europa alarmiert. Ein Land nach dem anderen meldet den Nachweis dieser Variante, die zunächst als harmlos, kurze Zeit später dann aber doch als bedenklich eingestuft wurde. Auch in Deutschland wurde mindestens ein Fall bereits nachgewiesen.

Erste Analysen der Variante waren dem Forschungsbericht von »Public Health England« zu entnehmen. Danach bereitet vor allem eine Mutation mit der Bezeichnung N501Y Sorge. Diese befindet sich in der Rezeptorbindestelle des Spike-Proteins und könnte den Daten zufolge dafür sorgen, dass das Virus besser an Zielzellen andocken kann, und damit die Übertragbarkeit des Erregers erhöhen. Sorgen bereitet ebenfalls eine kleine Deletion von zwei Aminosäuren (69-70del), da diese Mutation den RT-PCR-Test zumindest teilweise stört. Dies könnte zur Folge haben, dass die Zahl der mit VOC 202012/01-Infizierten deutlich unterschätzt würde.

Die Londoner Wissenschaftler haben nun die bisher bekannten Fakten zu VOC 202012/01 in mathematischen Modellen getestet und ihre Ergebnisse in Form einer  Vorveröffentlichung publik gemacht. Als Daten dienten Covid-19-Krankenhauseinweisungen, Krankenhaus- und Intensivbettenbelegung und Todesfälle, die SARS-CoV-2-PCR- und Seroprävalenz sowie die relative Häufigkeit des Auftretens von VOC 202012/01 in den drei am stärksten betroffenen Regionen: Südostengland, Ostengland und London.

Kein Einfluss auf den Krankheitsverlauf bei Covid-19

Auf Basis dieser Modellierungen schätzen die Forscher, dass VOC 202012/01 um 56 Prozent infektiöser ist (50 bis 74 Prozent) als andere SARS-CoV-2-Varianten. Auf den Krankheitsverlauf scheint sich die Mutation dagegen nicht auszuwirken: Beruhigend ist die Erkenntnis, dass in den Modellen keine eindeutigen Hinweise zu erkennen sind, die andeuten, dass VOC 202012/01 zu schweren Verläufen von Covid-19 führt. Umgekehrt führt sie bisherigen Erkenntnissen zufolge aber auch nicht zu leichteren Erkrankungsverläufen.

Allerdings sollte man bedenken, dass es als Konsequenz der besseren Übertragbarkeit wahrscheinlich zu einem starken Anstieg der Erkrankungen kommt, sodass Covid-19-Hospitalisierungen und Todesfälle im Jahr 2021 wahrscheinlich ein höheres Niveau erreichen werden als im Jahr 2020.

Zudem deuten die Modelle an, dass die aktuellen Maßnahmen zur Kontrolle der Pandemie nicht ausreichen werden, um die effektive Reproduktionszahl Rt auf unter 1 zu drücken. Dies könnte nur gelingen, so das ernüchternde Resümee der Wissenschaftler, wenn Grundschulen, weiterführende Schulen und Universitäten über eine gewisse Zeit geschlossen würden.

Sollten die Restriktionen im öffentlichen Leben gelockert werden, werde es zu großen Wiederausbrüchen des Virus kommen, prognostizieren die Wissenschaftler auf Basis ihrer Daten.

Umfassendes Impfen wäre die Lösung

Diese ernüchternden Erkenntnisse verdeutlichen noch einmal, wie wichtig das Impfen ist, um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Dies verdeutlichen die Wissenschaftler durch unterschiedliche Szenarien:

  • Wird eine Impfung nicht in größerem Umfang zeitnah durchgeführt, könnten die Fälle, Krankenhausaufenthalte, Einweisungen auf der Intensivstation und Todesfälle im Jahr 2021 die Zahlen von 2020 übersteigen.
  • Zwar wird die Impfung die Übertragung eindämmen. Allerdings werden die Konsequenzen einer Impfung von 200.000 Menschen pro Woche, wie sie derzeit praktiziert werden, anfangs gering sein.
  • Ein beschleunigtes Impfen von zwei Millionen Personen pro Woche wird nach den Modellen erforderlich sein, um die Spitzenbelastung der Intensivstationen unter die Werte der ersten Welle zu senken.
  • Erst ab zwei Millionen Impfungen pro Woche wäre mit einem Rückgang der Belegung auf 84 Prozent (75 bis 91 Prozent) zu rechnen.

Schützt der Impfstoff auch vor der neuen Variante?

Aber wirken der frisch zugelassene Impfstoff von Biontech und Pfizer sowie die folgenden Vakzinen auch gegen diese neue Virusvariante? Dazu sollen in ein bis zwei Wochen erste Daten vorliegen.

»Nach den bisher vorliegenden Daten scheint es so zu sein, dass der Impfstoff noch wirken sollte«, sagte Professor Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert-Koch-Institut (RKI), am Montag im ZDF-»Morgenmagazin«. Es seien aber noch Untersuchungen nötig, die derzeit unter anderem Biontech durchführe. »Wir denken und hoffen, dass wir in etwa ein bis zwei Wochen die Ergebnisse haben werden, sodass man dann ganz sicher sagen kann, wie er wirkt«, so Mertens.

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