| Annette Rößler |
| 26.02.2026 09:00 Uhr |
Nur eine Tablette täglich zur Kontrolle der HIV-Infektion – das ist in vielen Fällen möglich. Sobald Resistenzen auftreten, müssen aber häufig wieder mehr Tabletten pro Tag geschluckt werden. / © Getty Images/Catherine Falls Commercial
Lenacapavir, der erste zugelassene Kapsid-Inhibitor, ist momentan sicherlich der prominenteste HIV-Wirkstoff. Die sehr lange Wirkdauer von einem halben Jahr bei subkutaner Injektion und die Quasi-Nichtexistenz von Resistenzen gegen den Neuling rechtfertigen das.
Vor zwei Jahren sorgte die Präsentation von Studienergebnissen mit Lenacapavir auf der Welt-Aids-Konferenz in München für Euphorie. Seitdem ist viel passiert: Lenacapavir zur subkutanen Injektion wurde zuerst in den USA (Yeztugo®) und dann auch in Europa (Yeytuo®) zur HIV-Präexpositionsprophylaxe (HIV-PrEP) zugelassen. Zur Therapie von Erwachsenen mit multiresistenter HIV-Infektion ist Lenacapavir s.c. in der EU bereits seit 2022 zugelassen (Sunlenca®). So langsam fragt man sich, worauf der Hersteller noch wartet, um die Präparate endlich auch auf den Markt zu bringen.
Unterdessen wird Lenacapavir offenbar fleißig weiterentwickelt. Nun erschienen im Fachjournal »The Lancet« die Ergebnisse der Phase-III-Studie ARTISTRY-1, in der Lenacapavir zusammen mit dem Integrase-Hemmer Bictegravir zur Abwechslung einmal als Tablette eingesetzt wurde. Bictegravir stammt wie Lenacapavir aus dem Hause Gilead und bildet zusammen mit Tenofoviralafenamid und Emtricitabin das häufig verordnete Single-Tablet-Regime (STR) Biktarvy®.
STR haben die antiretrovirale Therapie (ART) für viele Patienten stark vereinfacht. Resistenzen, Kontraindikationen oder Interaktionen verhindern allerdings in vielen Fällen, dass Patienten mit nur einer Tablette am Tag behandelt werden können, weshalb weiterhin ein Bedarf an neuen, wirksamen STR besteht. Ein solcher Kandidat ist die Kombination aus Bictegravir 75 mg und Lenacapavir 50 mg, die nur einmal täglich oral verabreicht wird.
ARTISTRY-1 war eine randomisierte, offene, aktiv kontrollierte Studie, in der die Nicht-Unterlegenheit von Bictegravir/Lenacapavir gegenüber komplexen ART-Regimen gezeigt werden sollte. Die Studienkohorte bestand aus 557 Personen im Alter von median 60 Jahren in 15 Ländern, von denen 371 auf Bictegravir/Lenacapavir einmal täglich umgestellt wurden. Die restlichen 186 Teilnehmenden behielten ihre bisherige ART bei, die median aus drei Tabletten täglich bestand. Nach 48 Wochen wurde kontrolliert, wie hoch der Anteil von Patienten mit unzureichender Viruskontrolle (mehr als 50 Kopien pro ml) in den beiden Gruppen war.
Das Studienziel wurde erreicht: Im Bictegravir/Lenacapavir-Arm wiesen drei Probanden eine unzureichende Viruskontrolle auf und in der Vergleichsgruppe einer; damit betrug der Anteil jeweils 1 Prozent. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen traten in beiden Gruppen mit ähnlicher Häufigkeit auf. Studienabbrüche gab es sechs in der Interventionsgruppe (2 Prozent) und einen in der Vergleichsgruppe (1 Prozent). Fünf Todesfälle, die sich während des Studienzeitraums in der Bictegravir/Lenacapavir-Gruppe ereigneten, wurden nicht in Zusammenhang mit der Medikation gebracht.
Erwartungsgemäß empfanden die Probanden das STR einfacher und angenehmer in der Anwendung als ihre bisherige ART. Die Autoren um Professor Dr. Chloe Orkin von der Queen Mary University of London weisen darauf hin, dass dies besonders für ältere Menschen mit HIV-Infektion sowie für Patienten, die bereits Resistenzen gegen andere HIV-Wirkstoffe entwickelt haben, wichtig sein könnte.