| Sven Siebenand |
| 25.09.2026 16:20 Uhr |
Schätzungsweise 400.000 Menschen in Deutschland sind von der fortgeschrittenen trockenen Form der altersbedingten Makuladegeneration betroffen. / © Getty Images/Panuwat Dangsungnoen
In Deutschland leben rund eine Million Menschen mit einer diagnostizierten altersabhängigen Makuladegeneration (AMD). Schätzungsweise 400.000 Menschen sind von der fortgeschrittenen trockenen Form betroffen, der geografischen Atrophie (GA). Während es für die Therapie der feuchten AMD bereits eine Reihe von Medikamenten gibt, stehen Augenärzte bei der trockenen AMD hierzulande mit leeren Händen da. Auf einer Pressekonferenz der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft bezeichnete Professor Dr. Lars-Olof Hattenbach, Direktor der Augenklinik am Klinikum Ludwigshafen, die bisherige Behandlung als sehr frustran.
Bei der geografischen Atrophie gehen die Photorezeptoren im Zentrum der Netzhaut zugrunde. Einmal verlorene Sehfunktion ließ sich bislang nicht wiederherstellen. Der Netzhaut-Chip PRIMA soll genau diese Funktion technisch ersetzen. Das System erhielt im Juli 2026 die europäische CE-Kennzeichnung.
Das 2×2 mm große und rund 30 µm dünne Implantat enthält 378 photovoltaische Pixel und wird unter die Netzhaut in das atrophierte Areal eingesetzt. Der Chip passe sich den anatomischen Gegebenheiten der Netzhaut perfekt an, so Hattenbach. Eine spezielle Kamerabrille, die der Patient trägt, erfasst die Umgebung und projiziert die Bildinformationen mit unsichtbarem Nahinfrarotlicht auf das Implantat. »Die photovoltaischen Elemente wandeln das Licht in elektrische Signale um und stimulieren die noch erhaltenen Nervenzellen der Netzhaut, ganz ohne Batterie oder Kabelverbindung«, sagt der Mediziner in einer begleitenden Pressemitteilung der Fachgesellschaft.
Getestet wurde das System in der multizentrischen PRIMAvera-Studie. Die Ergebnisse sind im »New England Journal of Medicine« publiziert. 38 Patienten mit fortgeschrittener GA erhielten ein Implantat. Von 32 nach zwölf Monaten untersuchten Teilnehmern erreichten 26, also 81 Prozent, eine Verbesserung um mindestens zehn ETDRS-Buchstaben, entsprechend etwa zwei zusätzlichen Zeilen auf der Sehtafel. Patienten konnten wieder Muster, Buchstaben, Zahlen und Wörter erkennen. Die noch vorhandene natürliche Sehfunktion blieb im Mittel erhalten.
Normales Sehvermögen stellt PRIMA allerdings nicht wieder her. Auflösung und Gesichtsfeld sind begrenzt, Farbsehen ist nicht möglich. Zudem müssen Patienten das künstliche Sehen über Monate in einer strukturierten Rehabilitation erlernen. Auch die Implantation erfordert spezialisierte chirurgische Expertise.
Hattenbach spricht dennoch von einem Meilenstein. »Der eigentliche Durchbruch besteht darin, dass es nach jahrzehntelanger Forschung gelungen ist, Mikroelektronik und Nervengewebe so zu verbinden, dass wir in einem bereits erblindeten Netzhautareal wieder Sehfunktion erzeugen können.«
Nach der europäischen Zulassung geht es nun vor allem um den Transfer in die Versorgung. Aus Sicht des Augenarztes profitieren Patienten, die beidseits betroffen sind und nur noch ein sehr geringes Sehvermögen aufweisen, am meisten von der Innovation. Der Zugang sei derzeit auf spezialisierte Studien- und Netzhautzentren konzentriert. Zudem fehlten noch tragfähige Erstattungsmodelle. Hattenbach informierte, dass künftige Generationen von Implantaten höhere Auflösungen und größere Gesichtsfelder ermöglichen sollen. Die Entwicklung sei schon im Gange.