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Kräuterpädagogin Purker
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»Naturwissen macht glücklich«

Wer mit ihr durch die Natur geht, sieht mehr als nur Grün. Die Wirkstoffchemikerin und Kräuterpädagogin Dr. Patricia Purker erzählt im PZ-Interview, warum sie Menschen für Wildpflanzen begeistern möchte und weshalb wissenschaftliche Neugier ihr wichtigster Begleiter ist.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 13.10.2026  07:00 Uhr

PZ: Welche Bereiche umfasst die Arbeit einer Kräuterpädagogin?

Purker: Vor allem die Vermittlung von Wissen über Heil-, Kräuter- und Wildpflanzen. Da ich Wirkstoffchemikerin bin und in molekularer Medizin promoviert habe, ist es mein Anspruch, auch auf die Inhalts- und Wirkstoffe der Pflanzen sowie deren Anwendungen einzugehen. Und nicht nur zu sagen, das ist die Schafgarbe oder der Bärlauch.

PZ: Was fasziniert die Menschen, die einen Kurs bei Ihnen besuchen?

Purker: Viele wissen gar nicht, wie bestimmte Pflanzen in der Natur aussehen oder wachsen. Das erlebe ich zum Beispiel häufig beim Baldrian. Andere interessiert eher, wie man aus Holunder Saft oder Gelee herstellen kann oder dass ein Gänseblümchen circa zehnmal mehr Vitamin C enthält als grüner Salat. Andere finden es spannend, dass der aus der Eibe gewonnene Wirkstoff Taxol in der Krebstherapie zum Einsatz kommt. Für Teilnehmende, die noch tiefer einsteigen möchten, erkläre ich auch pharmakognostische Zusammenhänge – immer so weit, wie das Interesse reicht.

PZ: Was hat Sie dazu bewogen, sich mit der Naturakademie selbstständig zu machen?

Purker: Viele Kräuterpädagogik-Ausbildungen waren mir zu sehr am bäuerlichen Kontext verhaftet. Dort ging es oft darum, Liköre, Gewürzmischungen oder Tees für den Verkauf im Hofladen herzustellen. Dort hieß es dann: Das hilft bei Schnupfen. Mir hat immer die Erklärung gefehlt, warum etwas wirkt und welche Stoffe dahinterstecken.

Deshalb habe ich angefangen, zunächst nebenbei Kräuterwanderungen anzubieten. Die Menschen fanden es spannend, wenn ich etwa anhand der Rosskastanie zeigen konnte, wie ihre Seifenstoffe schäumen oder wie das Aesculin in ihren Ästen unter UV-Licht wie eine Spionagetinte fluoresziert. Gleichzeitig enthält die Rosskastanie mit Aescin einen ähnlich klingenden Wirkstoff, der bei chronisch venöser Insuffizienz eingesetzt wird.

Irgendwann wollte ich mein Wissen strukturiert weitergeben. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darunter auch einer Pharmazeutin, habe ich deshalb eine Ausbildung und Kurse entwickelt. Leider hört sie nun aus Zeitgründen auf – falls sich jemand berufen fühlt, suche ich also eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger.

PZ: Viele denken bei Kräuterpädagogik an Kräuterhexe, oder?

Purker: Genau diesem esoterischen Bild versuche ich mit fundiertem Wissen über Inhaltsstoffe, Wirkmechanismen und Extraktionsverfahren einen Gegenpol zu bieten. Wir sind keine Kräuterhexen. Wir verbinden traditionelles Wissen über Pflanzenheilkunde mit moderner Wissenschaft. Das ist meine Leidenschaft. Ich gehöre auch zu den Menschen, die nachts noch einmal recherchieren, wenn sie etwas gehört hat und genau wissen möchten, ob es wirklich stimmt.

PZ: Viele Frauen in den Wechseljahren interessieren sich für natürliche Alternativen. Haben Sie ein verstärktes Interesse beobachtet?

Purker: Absolut. Mir ist allerdings wichtig, dass die Datenlage stimmt, bevor ich eine Pflanze empfehle. Beispiele sind Salbei bei Hitzewallungen oder Lavendel bei Angststörungen. Bei Lavendelöl konnte gezeigt werden, dass es in einer vergleichenden Untersuchung mit einem klassischen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer tatsächlich Wirkung zeigte. Auch Rotklee wird häufig empfohlen, und eine neue Metaanalyse aus dem August 2026 zeigte, dass Rotklee-Isoflavone Hitzewallungen in den Wechseljahren signifikant reduzieren können.

Geschichten machen Wissen erlebbar.

PZ: Werden Sie auch gefragt, wie sich Beschwerden von Haustieren behandeln lassen?

Purker: Ja, natürlich. Eine Zeit lang haben wir sogar spezielle Hunde-Kräuterwanderungen angeboten. Auch bei Tieren kann Baldrian bei Unruhe hilfreich sein oder ein Kaltwasserauszug aus Eibischwurzel bei Reizhusten. Wenn Pferde müde Beine haben, kann Arnika helfen. Bei Erkältungen reicht vielleicht ein abgekochter Holunderblütentee. Wer sein Tier mit Schafgarbe einreibt, kann damit Fliegen fernhalten. Vorsicht ist allerdings bei Johanniskraut geboten. Man hat festgestellt, dass Schafe nach dem Verzehr lichtempfindlicher geworden sind und sogar auf der Weide schwere Sonnenbrände bekommen haben, aber ich kenne zum Glück keine depressiven Schafe.

PZ: Sie erzählen gerne Geschichten rund um die Pflanzenwelt …

Purker: Ja, denn Geschichten machen Wissen erlebbar. Dadurch lassen sich Inhaltsstoffe oder pharmakologische Wirkungen viel leichter verstehen und merken. Das ist wahrscheinlich ähnlich wie in der Apotheke: Ein Bezug oder eine Geschichte kann helfen, dass jemand einen weniger schmackhaften Tee trinkt. Man muss die Produkte im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft machen.

PZ: Welche Rolle spielt die Gemmotherapie in Ihrer Arbeit?

Purker: Die Studienlage zu dieser Form der Phytotherapie, bei der ausschließlich junge Pflanzenteile verwendet werden, ist bislang noch sehr begrenzt. Wir beobachten aber genau, was die Wissenschaft dazu publiziert. Grundsätzlich halte ich es für sinnvoll, eine gesunde Skepsis zu bewahren, bis Evidenz vorliegt, welche Wirkungen die Auszüge aus Knospen, Sprossen sowie Trieb- und Wurzelspitzen tatsächlich haben.

PZ: Haben Sie eine Lieblingspflanze?

Purker: Wahrscheinlich würde ich jeden Tag eine andere nennen. Ich liebe die Nachtkerze. Sie öffnet jede Nacht nur eine Blüte für Nachtfalter und bildet in ihren Samen das hochwertige Nachtkerzenöl, das gerne in der Hautpflege genutzt wird. Und dann natürlich die Linde mit ihren herzförmigen Blättern. Lindenblütentee ist bei Erkältungen einfach wunderbar. Allein das Wort »Linde« erinnert schon an »lindern«.

Man muss den grünen Vorhang lüften

PZ: Sie befassen sich auch mit Sonnendruck?

Purker: Die Cyanotypie, ein historisch-fotografisches Druckverfahren, ist inzwischen fast in Vergessenheit geraten. Damit lassen sich tolle Abbilder von Pflanzen gestalten. Besonders filigrane Pflanzenteile wie Farne wirken gut. Die Technik gefällt mir besonders, weil sie Chemie, Kreativität, Kunst und Pflanzen verbindet.

Privat gestalte ich außerdem Bilder aus Naturstoffen. Dafür verreibe ich beispielsweise Steine oder Pflanzenmaterial in einer Petrischale zu feinen Pigmenten. Mich interessiert nicht nur die Herstellung der Farben, sondern auch, wie man sie konservieren kann, damit sie lichtecht bleiben. Anschließend mische ich die Pigmente mit Gummi arabicum und heißem Wasser, sodass sie auf der Leinwand haften. Die Hanfleinwände bespanne ich selbst und verklebe sie mit Harzen.

PZ: Was treibt Sie an, jeden Tag in die Natur zu gehen?

Ich bin draußen einfach happy. Die Bewegung, die frische Luft und die Tatsache, dass man immer etwas Neues entdecken und lernen kann, begeistern mich. Untersuchungen zeigen, dass heute viele Kinder weniger Zeit im Freien verbringen als Strafgefangene. Mit meiner Arbeit versuche ich, diesem Naturdefizit etwas entgegenzusetzen und dass die Menschen die Pflanzen vor ihrer Haustür wiedererkennen.

Am Ende entdeckt jeder Mensch in der Natur etwas, das ihn anspricht, seinen eigenen grünen Freund. Man muss nur lernen, seine Wahrnehmung zu schärfen. Ich sage gerne: Man muss den grünen Vorhang lüften. Naturwissen macht eben glücklich.

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