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Leitlinie
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Mögliche Ursachen für ständige Müdigkeit

Müde ist jeder ab und zu. Wenn die Müdigkeit aber so stark ist, dass sie als »unnormal« oder einschränkend empfunden wird, sollte man sich auf die Ursachensuche machen. Eine Leitlinie erklärt, wie dabei am besten vorzugehen ist.
AutorKontaktAnnette Rößler
Datum 15.09.2023  09:00 Uhr

Screeningfragen nach Depression und Angst

Steht die Müdigkeit nicht im Zusammenhang mit Covid-19 oder einer anderen durchgemachten Infektion, kommen als Auslöser laut DEGAM vor allem eine Depression oder Angststörung infrage. Mit zwei einfachen Screeningfragen lässt sich der Verdacht auf eine Depression erhärten beziehungsweise entkräften: »Haben Sie sich in den letzten vier Wochen oft niedergeschlagen/schwermütig/hoffnungslos gefühlt?« und »Haben Sie in den letzten vier Wochen wenig Interesse/Freude an Tätigkeiten gehabt?« Bejaht der Patient mindestens eine davon, sollte sich der Arzt nach weiteren möglichen Symptomen einer Depression erkundigen. Anzeichen für eine Angststörung sind laut DEGAM eine nervliche Anspannung, Ängstlichkeit, das Gefühl, aus dem seelischen Gleichgewicht zu sein, Sorgen über vielerlei Dinge sowie Angstattacken, auch hier bezogen auf die zurückliegenden vier Wochen.

Tagesmüdigkeit kann auch eine Folge von gestörtem Nachtschlaf bei obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom (OSAS) sein. Hier können Fragen nach lautem Schnarchen oder Atempausen im Schlaf beziehungsweise unbeabsichtigtem Einschlafen tagsüber in inadäquaten Situationen auf die richtige Spur führen.

Als weitere mögliche Auslöser kommen der Konsum von Alkohol, Cannabis oder Tabak sowie die Einnahme von Medikamenten bestimmter Klassen infrage. Die DEGAM nennt hier neben ZNS-dämpfenden Substanzen wie Benzodiazepinen, Neuroleptika, Antidepressiva und Antihistaminika unter anderem Antihypertensiva, vor allem lipophile Betablocker, und Migränemittel.

Überschätzt: Eisenmangel als mögliche Ursache für Müdigkeit

Insbesondere bei Frauen im gebärfähigen Alter wird als Ursache für Müdigkeit häufig ein Eisenmangel vermutet. Die DEGAM stellt jedoch klar fest: »Ein Zusammenhang von Müdigkeit und (niedrigem) Hämoglobin ist nicht nachweisbar.« Dennoch empfiehlt sie ein Blutbild als Basisuntersuchung, um subakute Anämien oder schweren Eisenmangel feststellen zu können. Generell warnt sie jedoch vor einer »somatischen Fixierung« der Patienten und bezeichnet es als einen häufigen Fehler, dass pathologische Laborwerte vorschnell als ausreichende Erklärung für die Müdigkeit akzeptiert würden.

»Behandelbare schwere körperliche Erkrankungen sind selten und praktisch immer mit Auffälligkeiten in Anamnese und/oder körperlicher Untersuchung verbunden«, heißt es deutlich in der Kurzfassung der Leitlinie. Häufig hat starke Müdigkeit laut der Fachgesellschaft mehr als eine Ursache und es gibt zumindest auch eine psychische Komponente. Daher sei es falsch, zuerst alle körperlichen Ursachen auszuschließen und erst dann psychosoziale Aspekte in Betracht zu ziehen. Stattdessen sei »im gesamten diagnostischen Prozess ein bio-psychosozialer Ansatz« einzuhalten.

Um Patienten mit ungeklärter Müdigkeit und/oder Hinweisen auf relevante psychosoziale Belastungen eine Perspektive zu geben und ihnen zu signalisieren, dass sie ernst genommen werden, empfiehlt die Leitlinie, ihnen feste Folgetermine anzubieten. Eine auf biologische Ursachen fixierte Diagnostik (»Tumorsuche«) führe dagegen zu unnötiger Belastung der Betroffenen und/oder einer Somatisierung der Befindlichkeitsstörung Müdigkeit.

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