| Melanie Höhn |
| 01.10.2026 10:30 Uhr |
Tauschten sich über assistierte Telemedizin in Apotheken aus (v.l.): SymptoX-Gründer Andreas Noack, Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) und Apotheker Arne Trettin. / © Trettin Apotheken
Für den Apotheker Arne Trettin war der Besuch von Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi in seiner Apotheke vor allem deshalb bemerkenswert, weil der Minister bereits gut mit dem Konzept assistierte Telemedizin (aTM) vertraut gewesen sei. »Ich hatte mich darauf eingerichtet, ihm das Gerät zu zeigen und zu erklären, wie das Ganze funktioniert«, berichtete Trettin gegenüber der PZ. Die Thematik selbst habe der Minister jedoch bereits sehr gut gekannt und sich von Beginn an offen und überzeugt gegenüber dem Konzept gezeigt.
Trettin gehört zu den ersten Apothekern in Hannover, die die assistierte Telemedizin des Anbieters SymptoX einsetzen. Seine Erfahrungen und Hinweise in die praktische Erprobung des Systems habe er bereits eingebracht. Auch zwischen Philippi und SymptoX habe vor dem Besuch ein Austausch bestanden.
Der Apotheker sieht die Stärke der assistierten Telemedizin insbesondere in der strukturierten Patientenführung. Nicht alle Beschwerden könnten in der Apotheke im Rahmen der Selbstmedikation behandelt werden. Gleichzeitig sei nicht jeder Fall ein Fall für den Hausarzt oder die Notaufnahme. Die assistierte Telemedizin könne dazwischen eine zusätzliche Möglichkeit bieten, Patientinnen und Patienten gezielt in die passende Versorgung zu lenken. Auch in diesem Punkt waren sich Philippi und Trettin einig.
Dabei spielt für Trettin das strukturierte Erstberatungsgespräch eine wichtige Rolle. Ein offensichtlicher Notfall müsse unmittelbar erkannt werden und gehöre nicht in die assistierte Telemedizin. Bei weniger eindeutigen Beschwerden könne anschließend eine Videosprechstunde mit einem Arzt oder einer Ärztin erfolgen. Die Apotheke könne damit bei der Einordnung und Weiterleitung von Patienten unterstützen.
In der Praxis müsse das Apothekenpersonal die Patienten insbesondere bei der Ersteinschätzung teilweise unterstützen. Es komme vor, dass Fragen des Systems missverstanden würden und dadurch beispielsweise eine Warnmeldung ausgelöst werde. Bei der anschließenden Videosprechstunde ziehe sich das Apothekenteam dagegen zurück.
Das Gerät von SymptoX sei grundsätzlich so konzipiert, dass Patienten weitgehend selbstständig durch den Ablauf geführt werden. Dennoch hält Trettin die »persönliche Komponente Mensch« des Apothekenteams für einen wichtigen Bestandteil des Konzepts.
Für Arne Trettin geht es derzeit vor allem darum, die assistierte Telemedizin in den Apothekenalltag zu integrieren. Gerade zu Beginn bedeute die aTM-Einführung zusätzlichen Aufwand. Derzeit sei die Zahl der Patienten noch überschaubar, sodass das Angebot neben dem normalen Apothekenbetrieb bewältigt werden könne. Wie sich der Aufwand entwickle, wenn mehr Patientinnen und Patienten das Angebot kennen und nutzen, müsse sich erst zeigen, so Trettin. Zunächst sei vor allem Aufklärungsarbeit notwendig.
Einen möglichen Nutzen sieht Trettin insbesondere für Patienten, die kurzfristig ärztlichen Rat benötigen. Dazu gehörten etwa Menschen, die sich nicht an ihrem Wohnort aufhalten und dort keinen Hausarzt haben, oder Patienten, die am Wochenende medizinische Unterstützung benötigen. Auch bei Unsicherheit darüber, ob ein Arztbesuch notwendig ist, könne das Angebot helfen. Die Rückmeldungen seiner Kundinnen und Kunden seien bislang positiv. Selbst Menschen, die das Angebot bisher nicht selbst genutzt hätten, könnten sich Situationen vorstellen, in denen es hilfreich gewesen wäre.
Wie konkret der Bedarf sein kann, zeigte sich laut Trettin kurz nach dem Besuch des Ministers. Eine Patientin kam mit starken Zahnschmerzen in seine Apotheke. Sie hatte zwar bereits einen Zahnarzttermin, dieser war jedoch erst für Montag terminiert. Da die Möglichkeiten der Selbstmedikation ausgeschöpft waren, wurde sie über die assistierte Telemedizin ärztlich angebunden. Die Patientin habe das Angebot positiv aufgenommen. Hilfreich sei zudem gewesen, dass das System verschiedene Sprachen unterstützt.
Minister Philippi habe auch die künftige Rolle der Apotheken in der Primärversorgung angesprochen, sagte Trettin, der einer stärkeren Einbindung der Apotheken grundsätzlich positiv gegenübersteht. Die Apotheken hätten inzwischen zahlreiche Möglichkeiten, sich stärker in die Versorgung einzubringen, wie etwa durch die pharmazeutischen Dienstleistungen. »Wir sind noch nicht am Ziel«, sagte der Apotheker. Man müsse die vorhandenen Möglichkeiten aber nutzen und sich in neuen Bereichen weiterentwickeln.
Für Trettin ist es deshalb entscheidend, das atM-Angebot bekannter zu machen. Dabei gehe es nicht darum, Menschen, die bereits problemlos digitale Telemedizin nutzen, zusätzlich in die Apotheke zu holen. Vielmehr solle die Apotheke den Zugang zur Telemedizin für diejenigen unterstützen, für die dieser Weg eine sinnvolle Option darstellt.
Den Besuch von Philippi bewertet Trettin als ermutigendes Signal. Der Minister habe aus seiner Sicht sehr deutlich gemacht, dass er die Entwicklung unterstütze. Wie sich die assistierte Telemedizin letztlich im Alltag etabliere, müsse sich nun zeigen. Für Trettin ist dabei entscheidend, dass technische Innovation und persönliche Betreuung miteinander verbunden werden.