| Laura Rudolph |
| 20.01.2026 10:00 Uhr |
Hohe Cholesterolwerte gehören zu den fünf bedeutendsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Ereignisse. Die Zielwerte sind umso strenger, je gefährdeter der Patient ist. / © Getty Images/Naeblys
Bluthochdruck, hohe Cholesterolwerte, Adipositas, Diabetes und Rauchen sind die »Big Five« der Risikofaktoren für Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen (CVD). »Rund die Hälfte aller kardiovaskulären Ereignisse lässt sich durch diese Faktoren erklären. Das ist eigentlich eine gute Nachricht, da sie prinzipiell gut zu diagnostizieren und zu behandeln sind«, sagte Professor Dr. Dirk Westermann vom Universitäts‑Herzzentrum Freiburg/Bad Krozingen.
Wie sehr es sich lohnt, gegen die Big Five anzugehen, verdeutlichte der Kardiologe anhand von Studienergebnissen, die vergangenes Jahr im »New England Journal of Medicine« publiziert wurden: Männer, die mit 50 Jahren frei von allen fünf großen Risikofaktoren waren, lebten im Schnitt 10,6 Jahre länger ohne CVD als Gleichaltrige, auf die alle Faktoren zutrafen. Bei Frauen betrug der Unterschied der gesunden Lebenszeit sogar 13,3 Jahre. Das Studienkollektiv umfasste mehr als zwei Millionen Teilnehmende aus 133 Kohorten in 39 Ländern (DOI: 10.1056/NEJMoa2415879).
»LDL ist einer der wesentlichsten Risikofaktoren unserer Gesellschaft. Je höher die Werte sind, desto größer ist das Risiko für ein kardiovaskuläres Event«, betonte der Referent. Für ihn gehöre LDL genauso konsequent und über Jahrzehnte gesenkt wie ein zu hoher Blutdruck. Dabei sei auch entscheidend, wie früh und stark die Reduktion erfolge. »The sooner the lower, the better«, fasste Westermann den Therapiegrundsatz zusammen. Aktuelle Leitlinien wie die der European Society of Cardiology (ESC) zu Dyslipidämie empfehlen heute deutlich niedrigere Zielwerte als früher, etwa unter 55 mg/dL für Hochrisikopatienten, bei extrem hohem Risiko sogar unter 40 mg/dL.
Professor Dr. Dirk Westermann / © PZ/Alois Müller
Reichen Monotherapien, etwa mit einem hochpotenten Statin wie Rosuvastatin nicht aus, sind Kombinationstherapien angezeigt. Da LDL‑Werte im Alter typischerweise steigen, sollte das Therapieschema regelmäßig geprüft und bei Bedarf angepasst werden, betonte der Referent.
Zukünftige Ansätze könnten die Versorgung weiter verbessern, vor allem bei familiärer Hypercholesterolämie. Beispielsweise werden aktuell orale PCSK9‑Hemmer klinisch geprüft. Zudem werde an Geneditierungsstrategien mittels CRISPR/Cas9 geforscht, die krankheitsrelevante Genabschnitte gezielt ausschalten sollen, erklärte Westermann.
Ein weiterer relevanter Risikofaktor ist Lipoprotein(a), ein LDL‑ähnliches Transportprotein und unabhängiger Prädiktor für CVD. Erhöhte Lp(a)‑Spiegel seien zu rund 90 Prozent genetisch bedingt und daher weitgehend lebenslang stabil, informierte der Kardiologe.
Die ESC‑Leitlinie empfiehlt, dass jede erwachsene Person den Wert mindestens einmal im Leben bestimmen lassen sollte. Als optimal gelten Werte unter 30 mg/dL. Oberhalb von 50 mg/dL steigt das kardiovaskuläre Risiko deutlich an.
»Die lipidsenkende Therapie zählt zu den Medikationen mit der höchsten Drop‑off‑Rate – bis zu 50 Prozent brechen im ersten Jahr ab«, betonte Westermann. Das Apothekenteam könne entscheidend zur Verbesserung der Therapietreue beitragen. Ein positives Framing sei dabei besonders wirksam. »Machen Sie den Patienten klar, dass rund 95 Prozent der Patientinnen und Patienten die Therapie gut vertragen.« Das gelte insbesondere für Statine, deren Leumund in der Bevölkerung nach wie vor schlecht ist.
Mit Blick auf die im Entwurf für das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) vorgesehenen neuen pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL), die auch Beratungen zu Risikofaktoren von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Adipositas umfassen, zeigte sich Westermann optimistisch. Künftig sollen Ärzte die pDL auch verordnen können – eine Chance, die Versorgung weiter zu stärken, so der Referent.