Manche Arzneimittel müssen morgens nüchtern eingenommen werden. Sind zwei solche Wirkstoffe verordnet, kann es zu Wechselwirkungen kommen – muss es aber nicht. / © Getty Images/Galina Zhigalova
Eine 80-jährige Patientin erhält täglich das Schilddrüsenhormon Levothyroxin 100 µg Tabletten und einmal wöchentlich am Sonntag das Bisphosphonat Risedronat 35 mg Filmtabletten. Schaut man sich die jeweiligen Einnahmehinweise in den Fachinformationen an, stellt sich die Frage, ob am Einnahmetag von Risedronat eine zeitgleiche Einnahme von Levothyroxin möglich ist.
Zum Hintergrund: Oral appliziertes Risedronat wird verhältnismäßig schnell resorbiert (tmax ~1 Stunde). Die mittlere orale Bioverfügbarkeit von Tabletten liegt allerdings unter 1 Prozent, bei gleichzeitiger Nahrungsaufnahme ist sie noch geringer. Daher empfiehlt die Fachinformation, die Einahme von Risedronat-Filmtabletten mindestens 30 Minuten vor der ersten Nahrungsaufnahme sowie anderen Arzneimitteln oder Getränken mit Ausnahme von Trinkwasser. Zudem sollten die Tabletten im Stehen oder Sitzen mit einem Glas Trinkwasser (≥ 120 ml) eingenommen werden, um die Passage in den Magen zu unterstützen. Danach sollten sich Patienten 30 Minuten lang nicht hinlegen.
Auch bei Levothyroxin ist die Resorption bei Einnahme mit einer Mahlzeit deutlich vermindert. Die gesamte Tagesdosis sollte morgens nüchtern mindestens eine halbe Stunde vor dem Frühstück unzerkaut mit Flüssigkeit eingenommen werden. Auf die von vielen geschätzte Tasse Kaffee sollte verzichtet werden, da koffeinhaltige Getränke die Aufnahme von Levothyroxin aus dem Gastrointestinaltrakt verringern können. Hier gilt ebenfalls ein Einnahmeabstand von einer halben, besser einer Stunde. Patienten, die das Schilddrüsenhormon bereits einnehmen und regelmäßig dazu Kaffee trinken, sollen ihre Gewohnheit allerdings nicht abrupt ändern, ohne die Levothyroxin-Spiegel ärztlich überwachen zu lassen.
In der Fachinformation von Risedronat-Präparaten wird zwar darauf hingewiesen, dass zur Sicherstellung einer ausreichenden Resorption Risedronat mindestens 30 Minuten vor der ersten Aufnahme von anderen Arzneimitteln eingenommen werden sollte. Explizite Wechselwirkungsstudien wurden jedoch nicht durchgeführt. Relevante Interaktionen mit Levothyroxin sind bislang weder für Risedronat noch für andere Bisphosphonate beschrieben. Auch das Cave-Modul des ABDA-Artikelstamms sowie die internationalen Interaktionsdatenbanken Stockley’s Drug Interactions und UpToDate Drug Interactions zeigen keine Interaktionsmeldungen an.
Eine offene Crossover-Studie mit Alendronsäure 70 mg Brausetabletten und Levothyroxin zeigte zudem, dass beide Arzneistoffe sicher zeitgleich eingenommen werden können.
Vor diesem Hintergrund ist die zeitgleiche Einnahme von Risedronat oder anderer Bisphosphonate und Levothyroxin aus Adhärenzgründen zu empfehlen. Bei strikter Einhaltung der Anweisung in der Fachinformation müsste die betroffene Patientin zunächst das Bisphosphonat einnehmen, 30 Minuten warten, dann das Schilddrüsenhormon einnehmen, wieder 30 Minuten warten und dürfte dann erst frühstücken. Dies könnte als erhebliche Einschränkung der Lebensqualität empfunden werden und im ungünstigsten Fall zu einer kompletten Verweigerung der Einnahme (ohne Information an den Arzt) führen. Die Empfehlung für die Patientin lautet daher, am Einnahmetag des Bisphosphonats Levothyroxin und das Bisphosphonat zeitgleich 30 Minuten vor dem Frühstück mit einem großen Glas Leitungswasser einzunehmen.
Die Apothekerinnen Dr. Lisa Goltz und Dr. Jane Schröder sind in der Arzneimittelinformation UKD der Klinik-Apotheke am Universitätsklinikum an der TU Dresden tätig. Dort unterstützen sie sächsische Apothekerinnen und Apotheker bei fachlichen Fragen im Rahmen der pharmazeutischen Dienstleistung »Erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation«. Die Beratung wird von der Sächsischen Landesapothekerkammer finanziert.