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Vorstellungen im Mittelalter
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Kaltes Wasser, schneller Tod

Im Mittelalter galt Trinkwasser nicht als harmlos. So entwickelten die Menschen Tests und Regeln, um sich vor Krankheit und Tod zu schützen. Historische Berichte zeigen, dass Ärzte oft zu Wein rieten.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 05.02.2026  08:00 Uhr

Ein Getränk, das heilen oder töten konnte: Im Mittelalter tranken die Menschen Wasser aus Quellen, Brunnen und Flüssen. Die Historikerin Dr. Katherine Harvey von der University of London beschreibt anlässlich einer Ausstellung der »Wellcome Collection«, wie stark die damaligen Vorstellungen die Gesundheitspraktiken prägten.

Als Beispiel nennt sie die isländische Saga »Morkinskinna« aus dem 13. Jahrhundert. Darin geht es um eine Frau, deren Bauch nach dem Trinken von Quellwasser so anschwoll, dass sie schwanger aussah; gleichzeitig quälten sie Fieber und Schmerzen. Man vermutete, sie habe einen Wurm verschluckt. Die Therapie: Sie durfte nichts trinken und musste sich vor einen Wasserfall stellen, damit das durstige Wesen aus ihrem Mund kriechen konnte.

Tests für die Wasserqualität 

Solche Erzählungen zeigten, so die Historikerin, dass die Menschen die Gefahren von Trinkwasser kannten – ohne etwas über Bakterien zu wissen. Daher entwickelten sie verschiedene Tests, um die Wasserqualität zu überprüfen. So legte man beispielsweise ein Ei ins Wasser. Sank es, war die Qualität gut, schwamm es, war es zu salzig. Eine weitere Methode: Leinentücher in unterschiedlichen Quellen tränken. Das Tuch, das später am schnellsten trocknete, stammte aus der vermeintlich besseren Quelle. Wohlhabende Haushalte dagegen kochten Wasser bereits ab.

Im Alltag empfahlen Reiseführer, Wasser mit Wein, Essig oder der Kräutermixtur Theriak »sicherer zu machen«. Diese Mixtur galt seinerzeit als ein Allheilmittel, das neben Anis, Fenchel und Kümmel auch Opium enthielt. Mancher Arzt riet, Wasser auf Reisen ganz zu meiden. Besonders kaltes Wasser galt als tödlich, wie Berichte über Männer veranschaulichten, die nach harter Arbeit an heißen Tagen einen Schluck eiskalten Quellwassers tranken – und kurz darauf tot zusammenbrachen. Die Diagnose: Der Kälteschock hätte das Herz angegriffen.

Wein galt als Medizin

Für die Reichen war Wasser ein Getränk niedrigen Ranges, Wein dagegen fast wie Medizin. Ärzte priesen ihn als stärkend, nährend oder sogar förderlich für ungeborene Kinder an. Doch nicht jeder folgte dem Alkoholtrend. Einige Bischöfe tranken reines Wasser aus Frömmigkeit. Und auch König Duarte von Portugal habe die gesundheitlichen Vorteile gelobt, so Harvey. Er glaubte beobachtet zu haben, dass Frauen länger lebten, wenn sie überwiegend Wasser tranken.

In vielen Städten entstanden damals Wasser- und Abwassersysteme – mit Brunnen, Leitungen und strengen Hygienevorschriften. Laut einem flämischen Leitfaden für gesundes Leben aus dem 15. Jahrhundert sollte das ideale Haus über eine zuverlässige Versorgung mit »reinem, süßem, fließendem Wasser« verfügen, das »im Winter schnell kalt und im Sommer schnell warm wird und an grünen Weiden und Feldern vorbeifließt«.

Heute fürchteten wir zwar keine kalten Getränke mehr und sähen Wein nicht mehr als die gesündere Alternative, so die Historikerin. »Aber es scheint, dass wir schon immer verstanden haben, dass sicheres, sauberes Trinkwasser für das Leben unverzichtbar ist«, schreibt sie.

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