| Jennifer Evans |
| 30.09.2026 11:00 Uhr |
Krabbelnde Ersthelfer: Keine Panik im Krisenfall, künftig hilft die Kakerlake. / © The University of Queensland
Ausgestattet mit Miniaturkameras oder Autoinjektoren sollen die paramedizinischen Cyborg-Insekten, sogenannte Paraborgs, künftig in Bereiche vordringen, die für menschliche Rettungskräfte oder Roboter unerreichbar oder zu gefährlich sind. Der Name setzt sich aus den Worten »Paramedic« für Sanitäter sowie »Cyborg« zusammen. Entwickelt haben sie Forschende der beiden australischen Universitäten Queensland (UQ) und New South Wales.
»Anstatt einen einzigen Roboter zu bauen, der alles kann, können wir die natürlichen Stärken verschiedener Insekten nutzen und sie für unterschiedliche Missionen ausrüsten«, so Studienleiter und Biorobotik-Ingenieur an der UQ Dr. Thang Vo-Doan. Für ihre Forschungen, die im Fachjournal »Advanced Science« veröffentlicht sind, stattete das Team Riesengrabschaben der Art Macropanesthia rhinoceros aus Nord-Queensland mit Elektronik aus. Sie sind beweglich, robust, agieren energieeffizient und können gut die Hälfte ihres eigenen Körpergewichts tragen.
Um die Elektroden und Mikrochips an den Antennen der Tiere zu implantieren, betäubten sie die Insekten. Nachdem der Einsatz der Schaben vorüber und die Steuerausrüstung wieder entfernt sei, lebten die Tiere genauso lange weiter wie andere Kakerlaken auch, betonte die UQ.
Über Kameras liefern die Insekten Bilder aus schwer zugänglichen Umgebungen, während ferngesteuerte Autoinjektionssysteme der Notfallversorgung dienen. Nach UQ-Angaben erreichten die Paraborgs in Tests bereits eine Injektions-Erfolgsquote von 95 Prozent, allerdings nur im Nahbereich bei einem maximalen Abstand von 15 Zentimetern. Die vollständige Aufgabe – Navigieren, Positionieren, Injizieren – gelang ihnen demnach in 72 Prozent der Versuchsfälle. Bislang durften die Insekten jedoch noch keine echten Menschen spritzen – nur Silikonmodelle, die menschliches Gewebe simulieren.
»Viele Menschen mögen vielleicht den Anblick einer gigantischen Kakerlake nicht, die auf sie zuhuscht, aber wenn man unter Trümmern begraben ist oder in einer Höhle festsitzt und Hilfe braucht, könnte dies den entscheidenden Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen«, so der Doktorand und Erstautor Hai Nhan Le.
Die größte technische Herausforderung besteht laut dem Autorenteam in der präzisen Steuerung der Insekten. Die Cyborg-Kakerlaken müssen ihr Ziel nämlich nicht nur erreichen, sondern sich vor dem Eingriff exakt positionieren und stabil genug bleiben, um die Injektion durchzuführen. Konkret geht es etwa um das Spritzen von Oxytocin, Adrenalin oder Insulin. Medizinische Entscheidungen blieben aber weiterhin unter menschlicher Kontrolle, heißt es.
Langfristig denken die Forschenden sogar über den Einsatz ganzer Schwärme spezialisierter Cyborg-Insekten nach. Einzelne Tiere könnten Kameras und Umweltsensoren tragen, während andere medizinische Ausrüstung oder Notfallmedikamente transportieren. »Die Vision besteht nicht darin, Ersthelfer zu ersetzen, sondern ihnen eine weitere Möglichkeit zu geben, Menschen zu sehen, zu erreichen und möglicherweise zu helfen, wenn ein direkter Zugang unmöglich ist«, so Vo-Doan.
Nach Einschätzung des Entwicklerteams könnten solche Cyborg-Insekten-Einheiten innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre erstmals bei realen Einsätzen unterstützen.