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National Health Service
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Interoperabilität verhindert 1 Millionen Medikationsfehler

Wenn die Informationsübermittlung zwischen digitalen Systemen schlecht läuft, entstehen Medikationsfehler. Das Ausmaß und die Folgen für das Gesundheitssystem sind gewaltig, wie eine Modellstudie im Auftrag des englischen Gesundheitsdienstes NHS zeigt. Demnach ließen sich durch Interoperabilität bis zu 22 Todesfälle vermeiden und umgerechnet gut 114 Millionen Euro einsparen.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 29.03.2024  11:00 Uhr

Medikationsfehler kosten den englischen Gesundheitsdienst National Health Service (NHS) jährlich 98 Millionen Pfund (gut 114 Millionen Euro). Hinzu kommen mehr als 180.000 vermeidbare Bettentage im Krankenhaus. Außerdem tragen die Fehler bei der Medikamentengabe zu etwa 1700 Todesfällen pro Jahr bei.

Mit einem einheitlichen digitalen Verschreibungsdatensatz aber ließen sich pro Jahr knapp 1 Millionen Medikationsfehler vermeiden. Das zeigt eine Modellstudie, die kürzlich im »BMJ Quality & Safety« erschienen ist, einer Fachzeitschrift mit Fokus auf Patientensicherheit und Versorgungsqualität. Auch rette man mit digitalen Lösungen jährlich bis zu 22 Menschenleben und schädige bis zu 16.000 Patienten weniger, heißt es.

Bis zu 50 Prozent weniger Fehler

Die Forschenden gehen davon aus, dass ein solches System die Zahl der Medikationsfehler um mindestens 10 Prozent und zum Teil sogar um bis zu 50 Prozent reduzieren könnte. Das würde dem NHS Millionenbeträge einsparen. Allerdings müssen sich dazu zunächst verschiedene Informationssysteme im Gesundheits- und Sozialwesen digital austauschen können.

Für ihre Untersuchung konzentrierten sich die Wissenschaftler auf gängige Fehler, die durch manuelles Übertragen entstehen. Zum Beispiel fehlende Arzneimittel, zusätzliche oder doppelt verschriebene Präparate, falsche Angaben zu Dosis, Einnahmehäufigkeit- oder zeitpunkt sowie Arzneimittel, die für den kurzfristigen Gebrauch bestimmt waren, aber stattdessen für eine Langzeittherapie verschrieben wurden.

Zeitersparnis und bessere Therapien

Die Gesamtzahl der unentdeckten Medikationsfehler an den Schnittstellen englischer Krankenhäuser betraf – basierend auf Zahlen aus dem Jahr 2020/21 – demnach rund 1,8 Millionen Rx-Medikamente. Diese passierten bei der Aufnahme der Patienten aus der Primärversorgung, bei der Entlassung oder der Verlegung zwischen einzelnen Abteilungen einer Klinik beziehungsweise dem Transfer in andere stationäre oder ambulante Versorgungseinrichtungen außerhalb des ursprünglichen Krankenhauses.

Medikationsfehler tauchten bei insgesamt rund 380.000 Behandlungen auf, führten bei 31.500 Patienten zu vermeidbaren Schäden, hatten 36.500 zusätzliche Bettentage in einer Klinik zur Folge und verursachten mehr als 40 Todesfälle. Der NHS musste laut Studie unnötigerweise knapp 18 Millionen Pfund (rund 21 Millionen Euro) für diese vermeidbaren Probleme und Folgen hinblättern.

Das Autorenteam von der Universität Manchester kommt zu dem Schluss, dass ein interoperables Verschreibungsinformationssystem Schäden und Kosten im Gesundheitssektor erheblich senken würde. Weitere Vorteile wären die Zeitersparnis für das medizinische Personal, schnellere Entlassungen aus den Kliniken, zufriedenere Patienten sowie bessere Arzneimitteltherapien.

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