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Echte Grippe
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Influenza-Impfung schützt auch das Herz

Die Impfung gegen das Influenza-Virus bewahrt nicht nur die Lunge vor schweren Schäden. Auch das Herz wird geschützt. Mit keiner anderen Impfung lassen sich hierzulande mehr Leben retten. Bekannt ist das den wenigsten.
AutorKontaktKerstin A. Gräfe
Datum 27.05.2025  15:30 Uhr

»Die echte Grippe wird unterschätzt«, konstatierte Professor Dr. Thomas Weinke, Praxis für Gastroenterologie, Berlin, auf dem Fortbildungskongress Pharmacon in Meran. In den Tagen nach einer Influenza sei das Herzinfarkt-Risiko um den Faktor 10 erhöht, das Risiko für einen Schlaganfall beziehungsweise eine Pneumonie um den Faktor 8. Zudem gebe es infolge der Infektion 74 Prozent mehr hyperglykämische Entgleisungen. Besonders dramatisch: Etwa ein Viertel der Über-60-Jährigen verliere nach einem influenzabedingten Krankenhausaufenthalt die Autonomie.

»Influenza ist eine Systemerkrankung« betonte Weinke als »wichtigste Kernbotschaft«. Der Infektiologe sieht daher in der Grippeimpfung eine wichtige Maßnahme zur kardiovaskulären Sekundärprävention. Die Effektivität, weitere Herzinfarkte zu verhindern, liege bei 15 bis 45 Prozent. Insofern gehöre die Grippeimpfung genauso in die Infarktpräventionsstrategie wie der Rauchstopp, der Einsatz von Statinen und die antihypertensive Therapie.

Auch unmittelbar nach einem Herzinfarkt oder einer perkutanen Koronarintervention sei eine Influenza-Impfung sehr sinnvoll. Weinke führte die Daten einer dänischen Studie an, in der Patienten innerhalb von 24 bis 48 Stunden nach einem akuten Herzinfarkt entweder eine Grippeimpfung oder Placebo bekamen. Im Beobachtungszeitraum von zwölf Monaten war die Todesrate der Geimpften um 28 Prozent niedriger als in der Placebogruppe. »Wenn wir diesen kardiologischen Patienten eine Influenza-Impfung vorenthalten, begehen wir einen Kunstfehler«.

Regelmäßige Impfung schützt vor Alzheimer

Als »hoch spannend« bezeichnet Weinke den Zusammenhang zwischen Influenza-Impfung und Alzheimer-Erkrankung. Einer Auswertung von Gesundheitsdaten von knapp einer Million US-amerikanischen Senioren zufolge scheint es eine Assoziation zu geben: Während rund 8,5 Prozent der Ungeimpften später an Alzheimer erkrankten, waren es unter den Geimpften nur 5,1 Prozent; das Risiko sank durch die Impfung also um fast 40 Prozent. »Daraus kann zwar keine Kausalität abgeleitet werden«, räumte der Infektiologe ein. Es sei aber ein weiterer Beleg dafür, wie wichtig diese Impfung ist.

Umso bedauernswerter sei, dass in Deutschland die Impfraten weit vom 75-Prozent-Ziel der Weltgesundheitsorganisation entfernt seien. »Mehr als 60 Prozent der Über-60-Jährigen sind ungeimpft«, beklagte der Internist. Andere Länder, etwa Portugal, schafften dagegen die 75-Prozent-Durchimpfungsrate.

Weinke, früher Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO), betonte aber auch: »Die Effektivität der Influenza-Impfung könnte besser sein«. Gründe für die im Vergleich zu anderen Impfstoffen schwache Schutzwirkung seien der jährliche Antigen-Drift der Influenza-Viren, die Immunseneszenz bei Älteren und die Ei-Adaptation bei der Impfstoff-Herstellung auf Hühnereiern.

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