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Resistenz gegen Tamiflu

17.10.2005
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Vogelgrippe

Resistenz gegen Tamiflu

von Conny Becker, Berlin

Im Fall einer durch das Vogelgrippevirus ausgelösten Pandemie soll vor allem der Neuraminidasehemmer Oseltamivir die erste Grippewelle abschwächen. Nun haben Forscher erstmals ein H5N1-Virus entdeckt, das gegen die antivirale Substanz resistent ist.

Der gegen Oseltamivir resistente Erreger wurde Ende Februar bei einer 14-jährigen Vietnamesin isoliert, berichtet das Team um Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Tokio, Japan, in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins »Nature«. Das Mädchen hatte wegen ihres erkrankten Bruders vorab drei Tage lang 75 mg Oseltamivir (Tamiflu®) zur Prophylaxe eingenommen, die offensichtlich fehlschlug. Daraufhin erhielt sie über eine Woche lang die doppelte (therapeutische) Dosis und erholte sich von ihrer Erkrankung.

Die Untersuchungen der Patientenproben brachten insgesamt zehn virale Klone zu Tage, von denen einer sich als hoch resistent gegenüber Oseltamivir herausstellte: In Tests mit Frettchen benötigten die Forscher eine Konzentration von mehr als 750 nM, um die Neuraminidase-Aktivität zu halbieren ­ verglichen mit 0,1 bis 10 nM bei sensitiven Viren. Wie die Sequenzierung zeigte, war beim resistenten Keim an Position 274 seiner Neuraminidase Histidin durch Tyrosin substituiert. Infolgedessen konnte Oseltamivir das Abkoppeln des Virus von den Wirtszellen nicht mehr effektiv verhindern. Weitere Untersuchungen ergaben, dass alle, auch der resistente Klon, jedoch weiterhin sensibel gegenüber Zanamivir (Relenza®) waren. Daher schlagen die Autoren vor, auch diesen Neuraminidasehemmer für den Fall einer Pandemie verstärkt einzulagern.

Nach Einschätzung von RKI-Präsident Professor Dr. Reinhard Kurth ist die Existenz eines resistenten Keims zwar zunächst einmal eine schlechte Nachricht. Die Untersuchung habe aber auch gezeigt, dass der mutierte Erreger sich nicht zu hohen Titern vermehrt. »Das Virus bezahlt seine Resistenz gegen Tamiflu mit einer reduzierten Fitness«, sagte der Virologe gegenüber der PZ. »Daher wird es sich nicht durchsetzen.«

 

Quelle: Kawaoka, Y., et al., Nature 437 (2005) Seite 1108.

 

Kommentar: Ruhe bewahren Die täglichen Meldungen über Vogelgrippe verunsichern viele Deutsche, die häufig auch in der Apotheke Rat suchen. Ihnen gilt es zu vermitteln, das sich an der generellen Situation nichts geändert hat, auch wenn das Virus jetzt vermutlich in Griechenland angekommen ist: Es handelt sich primär um eine Tierkrankheit. Gefahr für hiesiges Geflügel besteht laut Ornithologen erst im Frühjahr, wenn die Zugvögel aus ihrem Winterquartier zurückkommen.

Wissenschaftler verfolgen die Situation dennoch aufmerksam, da sich das Virus an den Menschen adaptieren könnte. Doch wann dies geschieht, weiß derzeit niemand. Es kann auch noch fünf oder zehn Jahre dauern. Denn Einzelfallberichte wie bei dem Mädchen aus Vietnam, bei dem über eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung spekuliert wird, sind Einzelfälle und haben mit einer Pandemie nichts gemein. Ein ruhiges Beobachten ist dennoch angebracht, zumal bei frühem Erkennen einer tatsächlichen Pandemie ein Impfstoff eher zur Verfügung stehen wird (siehe auch hier). Sollte die Pandemie ­ wie vermutet ­ ihren Ursprung in Asien nehmen, gäbe dies hiesigen Herstellern zusätzliche Zeit.

Conny Becker
PZ-Redakteurin

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