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Polio-Impfung:Schlucken oder Spritzen?

29.12.1997  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Polio-Impfung:
Schlucken oder Spritzen?

Die Sache sei sehr kompliziert, und entschieden sei noch nichts. Dr. Susanne Diedrich vom Robert-Koch-Institut in Berlin kann auch keine Auskunft darüber geben, wann und wie die bisherige orale Polio-Impfung mit dem Lebendimpfstoff (OPV) durch eine neue intravenöse Injektion mit inaktiviertem Impfstoff (IPV) ersetzt werden soll. Nur daß sie ersetzt werde, sei so gut wie sicher.

Warum die gute alte Schluckimpfung aufgeben? Zentraler Grund für die Überlegungen zum Wechsel sind impfstoffbedingte Polio-Fälle (Vaccine associated paralytic Poliomyelitis, VAPP). Diese VAPP ist selten, aber schwerwiegend. Sie tritt beim Impfling selbst oder bei seinen Kontaktpersonen auf. Professor Dr. Günther Maass von der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten in Münster nannte auf einem von SmithKline Beecham organisierten Symposium in Berlin Zahlen: Zwischen 1964 und 1995 traten in Deutschland insgesamt 27 impfbedingte Polio-Erkrankungen bei Impflingen und elf bei Kontaktpersonen auf. Im Jahr sind das durchschnittlich ein bis zwei Fälle. Die letzte autochtone (durch ein Wildvirus hervorgerufene) Polioerkrankung wurde in Deutschland 1988 registriert.

Nach i.v.-Impfung mit dem Tot-Impfstoff wurde bisher keine VAPP beobachtet. Er hat jedoch zwei wesentliche Nachteile. Erstens: Er ist teurer in der Herstellung und, sofern er separat gespritzt werden muß, auch in der Anwendung. Zweitens: Er gewährt zwar dieselbe humorale, aber nicht dieselbe intestinale Immunität. Das heißt, der Individualschutz ist derselbe, der Kollektivschutz ist jedoch geringer. Der Grund dafür ist folgender: Das Impfvirus des Lebend-Impfstoffes wird nach peroraler Aufnahme wie das Wildvirus im Darm vermehrt. Dadurch wird zunächst die intestinale Immunantwort stimuliert, so daß bei einem späteren Kontakt mit dem Wildvirus schon dessen Vermehrung im Darm gestoppt wird. Ausscheidung und weitere Verbreitung des Erregers bleiben damit begrenzt.

Solange der Erreger noch in einer Bevölkerungsgruppe persistiert. solange also das Risiko für eine Wildinfektion höher ist als für eine Impfinfektion, scheint es sinnvoller, die Schluckimpfung beizubehalten. Auch Länder, in denen OPV durch IPV ersetzt wurde, wie beispielsweise Norwegen oder Schweden, setzen zur Abriegelung bei gehäuftem Auftreten der Krankheit wieder OPV ein, berichtete Maass. Ist aber das Polio-Virus (wie in Deutschland) weitgehend ausgerottet, wird also die Impfung zur hauptsächlichen Ursache einer Kinderlähmung, sind Zweifel über das Verhältnis von Nutzen und Risiko verständlich.

Neben der ausschließlichen OPV- oder IPV-Impfung steht auch die sequentielle Impfung (erst IPV, dann OPV) zur Diskussion. Dahinter steht folgende Überlegung: An einer impfbedingten Kinderlähmung erkranken überwiegend Kinder unter einem Jahr, bei denen ein Immundefekt unerkannt blieb. Mit zunehmendem Alter erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, daß Störungen der Immunabwehr rechtzeitig vor einer Auffrischung mit OPV diagnostiziert werden. Die Umstellung auf eine reine IPV-Impfung setzt Durchimpfungsraten von über 80 Prozent voraus. Dieses Ziel sei aber nicht utopisch, meinte Maass, da auch mit dem DT-Impfstoff ähnliche Quoten erreicht würden.

PZ-Artikel von Stephanie Czajka, Berlin<Top>

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