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Im Halse stecken bleiben

28.06.2004  00:00 Uhr
PZ-Akademie Kongress

Im Halse stecken bleiben

Der Magen-Darm-Trakt speichert Nahrung, er separiert, transportiert und verdaut sie und resorbiert einzelne Bestandteile, erklärte Professor Dr. Werner Weitschies vom Institut für Pharmazie der Universität Greifswald. „Für den Gastrointestinaltrakt sind Medikamente eine Art Unfall, doch er behandelt sie wie Nahrung auch.“

Zuerst wird die Arzneiform geschluckt und landet über die Speiseröhre im Magen. Dieser Vorgang dauert zwischen einer und 30 Sekunden, wobei die Dauer von der Objektgröße, dem Alter und der Körperhaltung des Patienten sowie der Menge des mitgeschluckten Wassers abhängig ist.

Ob die perorale Arzneiform wirklich in den Magen gelangt oder „im Halse stecken bleibt“, hänge vor allem vom Schluckvolumen ab, sagte Weitschies. Nehmen gesunde, junge Probanden in aufrechter Position Kapseln mit 5 ml Wasser ein, sind nur etwa 50 Prozent der Schluckvorgänge erfolgreich. Bei 25 ml Wasser verbleiben 10 Prozent der Kapseln im Hals und bei 50 ml Wasser noch 1 Prozent. „In liegender Position sind die Zahlen noch dramatischer“, betonte der Referent. Er riet daher dringend, feste Arzneiformen immer in aufrechter Haltung und mit einer möglichst großen Flüssigkeitsmenge einzunehmen. Bei bettlägerigen Patienten müsse man darüber nachdenken, auf flüssige Arzneiformen auszuweichen oder den Inhalt von Kapseln eventuell in Joghurt zu verabreichen. Besondere Vorsicht ist bei Wirkstoffen geboten, die schleimhautschädigend wirken, wie etwa Bisphosphonate, Doxycyclin und nicht steroidale Antirheumatika, da sie beim Steckenbleiben in der Speiseröhre das Gewebe angreifen können.

Von der Speiseröhre gelangt das Medikament in den Magen. Dieser ist kein Resorptionsorgan, betonte Weitschies. Nur noch für einen Wirkstoff, nämlich für Acetylsalicylsäure würde diskutiert, ob er zum Teil im Magen aufgenommen wird. Wie lange die Arzneiform im Magen verweilt, hängt von dessen Füllungsgrad ab. Im Nüchternzustand befindet er sich in einer Art „Schlafmodus“. Von diesem geht er nach einer Phase mit schwacher und seltener Motilität in eine Phase starker Aktivität über, in der hohe peristaltische Wellen, die so genannten „housekeeping waves“, noch verbliebene große Partikel in den Dünndarm entleeren. Dieser Zyklus wiederholt sich bei leerem Magen alle zwei Stunden.

Gelangen jedoch Nahrung oder kalorienhaltige Getränke in den Magen, schaltet er sofort auf höhere Aktivität um, erklärte Weitschies. Der Nahrungsbrei wird durch Muskelkontraktionen in Richtung Dünndarm weitertransportiert, zerkleinert und schließlich in kleinen Portionen durch den Magenausgang (Pylorus) in den Dünndarm abgegeben. Dieser scheint die Entleerung zu regulieren und den Mageninhalt „auf Bestellung“ anzufordern. Hierbei werden aber deutlich kleinere Partikel entleert als bei den „housekeeping waves“ des Nüchternzustands. Da Wasser deutlich schneller aus dem Magen abgegeben wird als kalorienhaltige Getränke, riet der Referent, Medikamente, die schnell wirken sollen, nüchtern mit viel Wasser einzunehmen und nicht mit Saft, Schorle oder Wein. Kühlschrankkalte oder stark kohlensäurehaltige Getränke sollen angeblich „housekeeping waves“ und somit eine schnelle Magenentleerung auslösen. Dies wurde in Einzelfällen beschrieben, aber nicht wissenschaftlich nachgewiesen, sagte Weitschies.

Wie schnell Arzneiformen aus einem nüchternen Magen entleert werden, ist individuell sehr unterschiedlich und nicht vorherzusagen, erklärte der Referent. Dies kann zwischen 20 Sekunden und zwei Stunden dauern. In einem verdauenden Magen verbleiben Arzneien entsprechend länger. Hier haben Multiple-unit-Arzneiformen gegenüber Monolithen den Vorteil, dass sie regelmäßig bei kleinen Kontraktionen aus dem Magen in den Darm entlassen werden, nicht zerfallende Monolithe dagegen in der Regel gar nicht: Sie verbleiben im Speisebrei. Daher sind magensaftresistente Medikamente stets nüchtern einzunehmen, sagte Weitschies. Werden sie mit einer Mahlzeit aufgenommen, verweilen sie den gesamten Tag im gefüllten Magen und werden erst nachts mit einem Schub freigesetzt. Daher kann es zu stark erhöhten Plasmakonzentrationen in der Nacht kommen. Nur Pankreas-Enzyme sollten mit der Nahrung eingenommen werden, da sie mit dieser in den Dünndarm gelangen sollen.

„Nüchtern“ bedeute mehrere Stunden nach dem letzten Essen, definierte der Referent. Das Frühstück sei erst nach etwa zwei Stunden und das Mittag- oder Abendessen (je nach Fettgehalt) nach etwa sechs bis acht Stunden aus dem Magen verschwunden. Der häufig genannte Rat, Medikamente eine Stunde nach dem Essen zu nehmen, sei daher nicht richtig. „Dann ist der Magen noch voll.“ Zu blutdrucksenkenden Mitteln riet der Referent, die Medikamente morgens so früh wie möglich einzunehmen, „noch auf der Bettkante“, und dann für eine Weile nüchtern zu bleiben.

Im Dünndarm verweilen Arzneiformen etwa drei bis vier Stunden und zwar unabhängig vom Darminhalt. Dass magensaftresistente Arzneien sich sofort nach Magenentleerung im Dünndarm auflösen, nannte Weitschies „ein Ammenmärchen“. Das Zersetzen kann auch erst zwei bis vier Stunden nach Magenentleerung erfolgen. Der Grund hierfür ist, dass im Dünndarm nur wenig Flüssigkeit zum Auflösen vorhanden ist. Ärgerlich fand Weitschies, dass nicht alle Hersteller über die Formulierung ihrer Arzneistoffe informieren und dem Apotheker somit erschweren, dem Kunden Einnahmeempfehlungen zu geben. So sind zum Beispiel Dulcolax®-Dragees magensaftresistent, was auf der Packung nicht explizit angegeben ist.

Über die Abläufe im Dickdarm ist bislang wenig bekannt. Der Transport findet vermutlich in Form eines Massentransports ein- bis viermal am Tag statt. Die Dauer ist dabei extrem variabel, sie kann zwischen vier und 72 Stunden betragen.

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