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Gegenwind

06.11.2000  00:00 Uhr

Gegenwind

von Daniel Rücker,
PZ-Redakteur

Die ohnehin schon spärlichen Argumente für alternative Formen des Arzneimittelvertriebs werden in diesen Tagen immer rarer. Dabei belasten die Befürworter des Versandes nicht nur einstweilige Verfügungen wegen wettbwerbsrechtlicher oder arzneimittelrechtlicher Verstöße. Jetzt bröckelt auch ihr scheinbar stärkstes Argument: Die Distribution von Arzneimitteln über die Apotheken ist zu teuer.

Nach Einschätzung der Holzkirchner Firma Femagen sind die hohen Vertriebskosten von Mifegyne mit daran Schuld, dass die Abtreibungspille in Deutschland so selten eingesetzt wird. Der gesetzlich vorgeschriebene Sondervertriebsweg sieht eine Auslieferung direkt an die Arztpraxen vor. Rund 30 DM kostet der Vertrieb jeder Packung, rechnet das Unternehmen vor.

Dabei kommt die Abtreibungspille mit einem Preis von rund 160 DM aus einem Segment, in dem sich die Versandhändler rühmen, billiger zu distribuieren als Apotheken. Diese Behauptung hat nun einen deutlichen Dämpfer bekommen, der hoffentlich dem ein oder anderen Mitarbeiter der Krankenkassen auffällt. Auch wenn beim Vertrieb der Abtreibungspille ohne Frage höhere Sicherheitsauflagen erfüllt werden als beim klassischen Versandhandel, kann man vor diesen Fakten nicht die Augen verschließen.

Vielleicht richten jetzt mehr Menschen den Blick auf den tatsächlichen Grund, warum der Versandhandel mit Arzneimitteln bisweilen preiswerter ist als der Vertrieb über die Apotheken. Ihren Profit ziehen die Versender nämlich nicht aus den niedrigeren Distributionskosten, sie nutzen vielmehr die zum Teil sehr unterschiedlichen Preise für Arzneimittel in Europa. Internetapotheken wie DocMorris kaufen ihre Ware in Staaten mit extrem niedrigen Arzneimittelpreisen, etwa in Spanien. Sie profitieren von der Preisdifferenz zwischen Deutschland und diesen Staaten. Ich bin davon überzeugt, dass einheitliche Preise in Europa das Ende der Internetapotheken und Versandhändler wären. Es gibt ansonsten keine nachvollziehbare Erklärung dafür, warum es preiswerter sein soll, ein Arzneimittel einzeln verpackt bis an die Haustür zu liefern, als es vom Kunden in der Apotheke abholen zu lassen.

Wie dünn das ökonomische Eis des Versandhandels wäre, wenn es die europäischen Preisunterschiede nicht gäbe, belegt auch die Entscheidung von DocMorris, nur Originalpräparate zu versenden. Wären allein die Distributionskosten der Apotheken zu hoch, dann könnte die Kerkrader Internetapotheke auch Generika versenden. Schließlich steht auf mehr als der Hälfte aller Rezepte ein Nachahmerpäparat. Der Markt wäre also attraktiv, doch kann DocMorris hier nicht preiswerter sein, weil das Unternehmen die meisten Generika nicht günstiger beschaffen kann.

Für die Freunde des freien Wettbewerbes, die den Markt entscheiden lassen wollen, ob sich die klassische Offizin oder die virtuelle Apotheke durchsetzt, sei hier noch erwähnt, dass niedrige Arzneimittelpreise meistens ein Zeichen staatlicher Regulation sind. Regierungen mischen sich hier in ein Gebiet ein, das wirtschaftliche Freigeiste ansonsten als staatliche Tabuzone betrachten: Sie legen die Preise für Produkte fest. Mit Wettbewerb hat dies nichts zu tun.

Da einige Krankenkassenfunktionäre, Politiker und leider auch Journalisten diesem Sachverhalt mit einer nicht unerheblichen Resistenz begegnen, ist es gut, dass der Deutsche Apothekerverband (DAV) und Marktpartner wie Gehe oder Aventis nicht allein auf den Sieg der Erkenntnis setzen. Als prominenteste Internetapotheke sieht sich DocMorris zurzeit einer Flut von Prozessen gegenüber. Während Aventis und Gehe bereits eine einstweilige Verfügung erzielt haben, stand im Verfahren, das der DAV angestrengt hat, am 9. November das Urteil an. Das Ergebnis lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Die Pharmazeutische Zeitung berichtet darüber aktuell im Internet unter www.pharmazeutische-zeitung.de und in der nächsten Druckausgabe. Top

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