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Mifegyne bleibt in Deutschland

06.11.2000  00:00 Uhr

Mifegyne bleibt in Deutschland

von Stephanie Czajka, Berlin

Die Abtreibungspille Mifegyne wird auch nach der Jahreswende in Deutschland  erhältlich sein. Davon geht Dr. Dr. Edouard Sakiz, Gründer und Geschäftsführer des französischen Mifepriston-Herstellers Exelgyn aus. Sakiz teilte der PZ auf Anfrage mit, er verhandele zur Zeit mit mehreren deutschen Unternehmen. Das Ergebnis der Gespräche erwartet er Anfang Dezember.

Sakiz glaubt, dass er unabhängig von den politischen Entwicklungen in Deutschland eine neue Vertriebsfirma für sein Produkt finden wird. Die Unternehmen zeigten großes Interesse, sagte Sakiz. Für Exelgyn sei es unerheblich, ob in Deutschland 600 oder 6000 Packungen pro Monat verkauft würden, da "Mifegyne bereits in 17 Staaten überlebt hat". Allerdings gab es in vielen Staaten Anlaufschwierigkeiten. Sakiz meinte jedoch, dass die deutschen Probleme nicht mit der Situation in anderen Ländern zu vergleichen seien, da sich das Präparat inzwischen - anders als zur Zeit der Einführung in Frankreich oder Schweden – vielfach bewährt habe.

Mifegyne (Wirkstoff Mifepriston, früher RU 486 genannt) wird in Deutschland seit November vergangenen Jahres von der Firma Femagen mit Sitz in Holzkirchen bei München vertrieben. Ende Oktober hatte das Unternehmen angekündigt, den Vertrieb zum 31. Dezember diesen Jahres einzustellen. "Mifegyne steht nur wenigen Frauen zur Verfügung, da diese Methode nicht kostendeckend honoriert wird", heißt es in einer Presseerklärung der Firma. Der vorgeschriebene teure Sondervertriebsweg (nummerierte Packungen direkt vom Hersteller an die Ärzte) habe daher zu hohen Verlusten geführt.

Vertriebsweg und Honorar – beides versuchen die Befürworter des medikamentösen Schwangerschaftsabbruches zu ändern. Die FDP-Fraktion hat einen Gesetzesantrag zur Aufhebung des Sondervertriebswegs eingebracht, den die Abgeordneten am 8. November im Bundestag diskutierten. Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer will am Sondervertriebsweg festhalten. Der Deutschen Presseagentur (dpa) sagte sie, der Vertrieb über die Apotheken würde das Medikament wegen der zusätzlichen Handelsspannen für Großhandel und Apotheken sogar verteuern. Femagen hatte für den Sondervertriebsweg einen Anteil von 30 DM pro Packung berechnet.

Das Honorar legt der Bewertungsausschuss der Ärzte und Krankenkassen fest. Zuzeit erhält ein Arzt für einen chirurgischen Abbruch in Vollnarkose pauschal 649 DM, bei Lokalanästhesie 373 DM und für den medikamentösen Abbruch 279 DM. In diesen 279 DM ist der Preis für das Arzneimittel (160 DM) bereits enthalten. "Zu diesen Konditionen konnten wir die Leistung nicht mehr aufrecht erhalten", sagte Dr. Ulrike Busch vom Familienplanungszentrum Balance in Berlin auf einer Pressekonferenz anlässlich einer Fachtagung der Organisation Pro Familia zum Thema Mifegyne.

Sowohl Andrea Fischer als auch Familienministerin Christine Bergmann versprachen erneut, sich für eine bessere Vergütung einzusetzen. Doch die Ministerinnen haben keine rechtliche Handhabe, um den unabhängigen Bewertungsausschuss zu zwingen. Dessen Mitglieder fürchten einen Präzendenzfall und damit Druck auf die Vergütung anderer Leistungen. Fischer hingegen vertrat gegenüber der dpa die Ansicht, das schwierige Thema Abtreibung rechtfertige Sonderlösungen.

Warum aber soll der Arzt für das Verschreiben einer Tablette ebensoviel Geld erhalten wie für eine Operation? Beratung und Betreuung seien umfangreicher als beim chirurgischen Abbruch, sagte Dr. Christian Fiala. Der Arzt arbeitet im Krankenhaus Korneuburg bei Wien, dort wurden bereits über 800 Abbrüche mit Mifegyne durchgeführt. Der Beratungsaufwand sei höher, weil die Frauen sich nicht nur für oder gegen den Abbruch, sondern zusätzlich auch für eine von zwei Methoden entscheiden müssten. Sind die Frauen nicht gut vorbereitet und entscheiden sie sich nicht bewusst für Mifegyne, könne dieser Prozess über mehrere Tage Ängste und Phantasien verstärken, die Frau leide dann tatsächlich mehr, meinte Ulrike Busch.

Genau das kritisieren viele Gynäkologen. Der medikamentöse Schwangerschaftsabbruch sei zwar schonender für den Körper, psychisch aber eine sehr große Belastung, weil der Abbruch bewusst miterlebt werde und sich über mehrere Tage hinziehe. "Das entspricht überhaupt nicht meinen Erfahrungen", sagte Fiala dazu. "Der Ablauf ist undramatisch, im Gegensatz zur öffentlichen Diskussion". Er wundere sich, dass den Frauen Ängste vorhergesagt würden, statt ihnen die Wahl zu überlassen. Busch schätzt, dass solche Vorstellungen von Ärzten kommen, die die Methode selbst nicht anwenden. Eine Umfrage in den USA ergab, dass 96 Prozent der Frauen, die einen medikamentösen Abbruch hinter sich haben, die Methode weiterempfehlen. Fiala berichtete, dass sich in seinem Krankenhaus über 90 Prozent der Frauen für den Abbruch mit Mifegyne entscheiden.

Vorrangig müsse die Vergütung geändert werden, sagte Dr. Ines Thonke von Pro Familia. Doch das Thema müsse auch wissenschaftlich häufiger diskutiert und die Ärzte verstärkt darin fortgebildet werden.

Der Abbruch mit Mifegyne

Unabhängig von den vorangehenden Beratungsgesprächen muss die Frau beim medikamentösen Schwangerschaftsabbruch mit Mifegyne dreimal den Arzt aufsuchen. Beim ersten Termin nimmt sie in der Praxis drei Tabletten Mifegyne ein. Damit wird die Schwangerschaft abgebrochen, danach gibt es kein Zurück mehr. Das Prostaglandin, das zwei Tage später per os verabreicht wird, unterstützt lediglich den Ablösungsprozess. Die Frau bleibt nach der Prostaglandin-Gabe mindestens drei Stunden in der Arztpraxis, denn nach zwei bis zweieinhalb Stunden beginnen meistens die Abbruchblutungen, sagte Ulrike Busch. So blieben die Frauen damit nicht allein und erlebten diesen Prozess zum Beispiel nicht auf dem Heimweg. Die begleitenden Schmerzen seien meist geringfügig stärker als Menstruationsschmerzen. Von Frau zu Frau können Zeitpunkt und Dauer der Blutungen sowie die Stärke der Schmerzen variieren. In über 80 Prozent der Fälle sei der Abbruch innerhalb von 24 Stunden beendet, sagte Busch. Eine Woche nach der Prostaglandingabe kontrolliert der Arzt mit Ultraschall, ob die Frucht vollständig abgestoßen wurde. Bei rund fünf Prozent der Abtreibungen ist dann doch noch eine Ausschabung nötig. Top

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