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Die Katastrophe vor Augen

11.08.2003
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Die Katastrophe vor Augen

Die Zahl der Hitzeopfer ist beträchtlich. Auch Michael Sommer und Dieter Hundt brauchen dringend eine Abkühlung. Der eine ist Gewerkschaftsboss, der andere Arbeitgeberpräsident.

Die Hitze hat beiden so sehr zugesetzt, dass Ihnen zur ersten Version des Gesetzentwurfs nichts anderes einfiel, als noch einen oben drauf zu satteln. So forderten sie die absolute Liberalisierung des Arzneivertriebs. Schlicht gestrickt sind Sommer und Hundt. Aus einem einzigen Grund fordern sie Wettbewerb für Apotheken. Denn deren Angestellte sind nicht beim DGB, die Apothekenleiter nicht bei den Arbeitgebern organisiert. Dagegen kommen Ketten-Angestellte unter Obhut von ver.di. Große Handelskonzerne wie die Deutsche Post AG wittern das Medikamentengeschäft als neue Ertragsquelle. Die Arzneimittelversorgung dem Machtpoker von Gewerkschaften und Konzernen ausgeliefert? Da läuft es nicht nur mir eiskalt den Rücken herunter.

Aber auch jenseits der Sommer-Hundt-Platitüde bekräftigt der erste Gesetzentwurf (siehe Entwurf liegt auf dem Tisch), ein Testballon, all das, was Apothekerinnen und Apothekern nun seit Wochen bekannt ist. In Zukunft sollen Apotheker vier vollwertige Apotheken betreiben dürfen. Die Ministerialbürokratie mühte sich, die mögliche juristische Zulassung des Fremdbesitzes auszuschalten. Auch die Definition, warum ausgerechnet vier Apotheken und diese in regionalen Grenzen zur Mini-Kette zählen sollen, ist eng gefasst. Denjenigen, die gegen das neue Gesetz klagen wollen, hält die Regierung den Faktor Qualität und Beratung als Argument entgegen. Hätten Versorgungs- und Beratungsqualität schon bei den Konsensgesprächen eine stärkere Rolle gespielt, dann wäre es erst gar nicht zu Mehrbesitz oder Versandhandel gekommen. Letzterer kommt mit Wucht. Eine Gleichstellung von Versand- und Offizinapotheke ist aus dem Entwurf nicht abzulesen.

Die gesundheitspolitische Klimakatastrophe trifft die deutschen Apothekerinnen und Apotheker immer härter. Und auch die nichtapprobierten Angestellten. Was Ulla Schmidt und Horst Seehofer in der Hitze der Nacht zustande brachten, sorgt immer noch für breite Desillusionierung und blanke Angst.

Noch vor Tagen reagierte die Ministerin gewohnt barsch auf die Informationen der ABDA. Lapidar ließ sie wissen: Apotheker machen nur Panik. Dabei könnten die neuesten Arbeitslosenzahlen der Bundesanstalt für Arbeit nicht nur für unsere Branche, sondern auch für eine verantwortungsvolle Bundesministerin Grund genug sein, in Panik zu verfallen. In nur einem halben Jahr hat die rot-grüne Politik es geschafft, viele Apotheken um ihren Verdienst und Angestellte um ihre Jobs zu bringen – und zwar tausendfach (siehe dazu auch Arbeitsplatz Apotheke: Entlassungswelle erfasst Angestellte).

Dass manche Medien und Politiker die Analysen aus dem Apothekerhaus als Katzenjammer abtun, ist schlimm. Dass man aber die mit den Entlassungen zwangsweise einhergehende Verschlechterung der flächendeckenden Versorgung billigend in Kauf nimmt, ist grob fahrlässig.

Lauthals werden von den Standesorganisationen Konzepte gefordert. Aber müssen diese nicht erst dann auf den Tisch, wenn das Reformgesetz durch ist? Soll der Bär etwa sein Fell freiwillig hergeben, bevor er erlegt ist. Da geht es manch einem nicht schnell genug. Fragt sich nur: Warum? Es gibt Dinge, die hinter verschlossenen Türen erörtert werden müssen. Schmidt und Seehofer haben es uns vorgemacht. Verlässliche Geschäftskonzepte vertragen keine Öffentlichkeit.

Jetzt wird der Entwurf analysiert, juristisch und auch in seinen realen Auswirkungen beurteilt. Natürlich wird noch einmal versucht, auf Politik und Ministerium soweit irgend möglich einzuwirken, dass diese im Sinne einer hochwertigen, flächendeckenden Arzneimittelversorgung an den entscheidenden Stellschrauben drehen. Denn diese können entscheiden, ob sich aus beschränktem Mehrbesitz und Versandhandel unbeschränkter Mehrbesitz und später Fremdbesitz und damit die Zerstörung des bestehenden Systems entwickelt. Die Hundts und Sommers dieser Republik dürfen sich nicht auf Kosten von Patienten und Apotheken profilieren.

Thomas Bellartz
Leiter der Hauptstadtredaktion
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