Schlaf-Wach-Rhythmus: Wie wir auf den Winter reagieren |

Der Mensch braucht keinen Winterschlaf. Der Grund: Er muss weder wegen der Kälte Energie sparen, noch ist die Nahrung knapp. Dennoch verändert sich mit zunehmender Dunkelheit im Winter der Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen, erklärt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Alfred Wiater gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. «Die Lichtverhältnisse haben entscheidenden Einfluss.»
Da einen die Müdigkeit also trotzdem überkommt, empfiehlt der Somnologe, sich draußen aufzuhalten. «Da ist die Lichtintensität höher, man kann besser wach bleiben», sagt Wiater. Körperliche Aktivitäten regten den Kreislauf und Stoffwechsel zusätzlich an. «Die innere Uhr im Gehirn geht ein bisschen nach», sagt Wiater. Ginge es danach, müsste der Tag ein wenig länger sein als 24 Stunden. Über das Licht könne das von außen reguliert werden.
Das Schlaf-Wach-Verhalten werde von dem Hormon Hypokretin beeinflusst, so der Schlafforscher weiter. Ein Mangel führe zu Narkolepsie, der Schlafkrankheit, und zu Appetitlosigkeit. Hypokretin macht wach, treibt die Nahrungsaufnahme an und wirkt aufs Belohnungssystem. «Das könnte eine mögliche Erklärung sein, warum Tiere aus dem Winterschlaf erwachen.»
Tiere im Winterschlaf machen im Übrigen genau eines nicht: schlafen. Den Zustand, in dem sie sich befinden, nenne sich Torpor, erklärt Biologin Lisa Warnecke. Die Gehirnströme seien ganz andere als in Schlafphasen. Der Stoffwechsel werde reduziert, um Energie zu sparen. Wachpausen würden beispielsweise zum Fressen und zur Fortpflanzung genutzt. «Das ist bei allen Tieren gleich, egal ob Spitzmaus oder Braunbär», sagt die Wissenschaftlerin. Was den Torpor auslöse, sei aber sehr unterschiedlich: «Bei manchen Tieren ist die Temperatur ausschlaggebend, bei manchen gibt es eine Körperfettgrenze, bei anderen ist das tageslichtabhängig», sagt Warnecke.
Der Winterschlaf gilt als Erfolgsrezept der Arterhaltung. Chromosomen in den Genen seien bei ihnen besser geschützt. Sie könnten auf extreme Wetterbedingungen flexibler reagieren. So habe der Energiesparmodus nicht zwingend was mit Winter zu tun, wie Warnecke sagt: Lemuren etwa wechselten bei 35 Grad in den Torpor, um Dürrephasen zu überstehen.
Das Phänomen scheint Jahrmillionen überdauert zu haben, wie Warnecke an Igeln erforscht hat. An den Torporphasen änderten auch die Wärme und das üppige Nahrungsangebot in der Stadt ebenso wenig wie der Lärm neben Straßen – die Tiere schlummern einfach ein. Bei Murmeltieren und anderen Arten hätten Forscher hingegen in den vergangenen 20 bis 40 Jahren feststellen können, dass sich die Winterschlafzeit ändert. «Das könnte mit dem Klimawandel noch zunehmen», so Warnecke.
Dass der gedrosselte Energieverbrauch möglich ist, interessiert nach ihren Angaben auch die US-amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa. Viel Geld werde in die Forschung gesteckt, ob auch Menschen in einen Winterschlafzustand versetzt werden können. Das könnte womöglich für Marsmissionen relevant werden. Dabei werde mit Unterkühlung gearbeitet, erklärt Warnecke. «Das ist physiologisch aber äußerst bedenklich.»
23.10.2017 l PZ/dpa
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