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Multiple Sklerose: Die Rolle der Darmmikrobiota

MEDIZIN

 
Multiple Sklerose

Die Rolle der Darmmikrobiota


Von Christina Hohmann-Jeddi, Mannheim / Auch bei der Entstehung von neurologischen Erkrankungen spielt die Darmmikrobiota offenbar eine Rolle. Entsprechende Daten zum Einfluss der Darmbakterien und der Ernährung auf die Pathogenese bei der Multiplen Sklerose stellten Experten auf dem Neurologenkongress in Mannheim vor.

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Der menschliche Organismus hat viele Interaktionen mit den Bakterien, die im Darm leben. So verschmelzen im Stoffwechsel humane und mikrobielle Aktivitäten, berichtete Professor Dr. Ralf Linker vom Universitätsklinikum Erlangen. 

 




Bei der Multiplen Sklerose greift das Immunsystem die Myelinscheiden der Axone an. An der Pathogenese scheinen auch die Darmbesiedlung und die Ernährung beteiligt zu sein.

Foto: Shutterstock/Ralwel


Auch immunologisch ist die Darmmikrobiota wichtig. »Es gibt im Darm Elemente, die Entzündung fördern, und welche, die diese herunterregulieren.« Eine Fehlbesiedlung im Darm (Dysbiose) kann dieses Gleichgewicht stören und zu einer proinflammatorischen Dysbalance führen. »Das kann auch bei Erkrankungen des ZNS eine Rolle spielen«, so Linker.

 

Immer mehr wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass die Darmmikrobiota die Pathogenese der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose (MS) beeinflusst. So wurden in verschiedenen Untersuchungen gefunden, dass die Darmbesiedlung von MS-Patienten von der von Gesunden abweicht. Diese Veränderungen können beispielsweise durch die Ernährungsgewohnheiten, Stress, Infektionen, Rauchen oder eine zu sterile Umgebung zustande kommen. Die Dysbiose führe unter anderem dazu, dass sich die Differenzierung der T-Zellen verändert, berichtete Linker. Es werden weniger regulatorische T-Zellen (Treg), aber vermehrt proinflammatorische Th17-Zellen gebildet. Letztere sind eine spezielle Form von T-Helferzellen, die nach dem von ihnen produzierten Interleukin-17 benannt sind und mit der Entstehung von chronischen Entzündungen und Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht werden.

 

Dem Mediziner zufolge kann ein hoher Kochsalzgehalt in der Nahrung hierbei eine Rolle spielen. In Untersuchungen mit Mäusen konnte das Team um Linker zeigen, dass Tiere unter einer Hochsalz-Diät vermehrt Interleukin-17 produzieren. In einem Tiermodell für MS verlief die Erkrankung schwerer, wenn die Mäuse ein Futter mit 4 Prozent Kochsalz erhielten, im Vergleich zu Tieren mit einer normalen Ernährung (0,4 Prozent Kochsalz). In-vitro-Untersuchungen zeigten zudem, dass ein hoher Kochsalzgehalt im Nährmedium die Differenzierung von CD4+-Zellen zu Th17-Zellen verstärkte (»Nature«, 2013, DOI: 10.1038/nature11868).

 

Hochsalz-Diät wirkt proinflammatorisch

 

Neueren Daten zufolge beeinflusst ein hoher Kochsalzgehalt aus der Nahrung auch die Zusammensetzung der Darmmikrobiota, indem er zum Beispiel die Lactobazillen-Populationen dezimiert, berichtete Linker. Wenn Salz entzogen würde, gehe der Effekt wieder zurück. Auch durch Gabe von Probiotika mit Lactobazillen ließ sich im Tierversuch die Dysbiose wieder ausgleichen. Zusammengenommen würde immer deutlicher, dass Ernährung und Darmbesiedlung wichtige Faktoren für die Entstehung der Multiplen Sklerose sind.

 

Was bedeutet das für MS-Patienten? Kann eine Ernährungsumstellung den Verlauf der Krankheit beeinflussen? Gängige MS-Diäten und ihre Wirksamkeit stellte Professor Dr. Aiden Haghikia vom Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum vor. Bei der sogenannten Swank-Diät wird vor allem der Gehalt an gesättigten Fettsäuren stark reduziert. So dürften nicht mehr als 15 Gramm tierisches Fett pro Tag zu sich genommen werden, auf Fleisch ist weitestgehend zu verzichten. Mangelerscheinungen seien bei dieser Diät nicht zu erwarten, sagte Haghikia. Die Evidenz für die Wirksamkeit sei aber schwach. Dies gelte auch für die streng vegane McDougall-Diät und die Paleodiät, bei der im Prinzip die Ernährungsweise der Steinzeitmenschen nachgeahmt wird mit viel Gemüse und Obst, unverarbeiteten Tierprodukten, ohne Getreide und Hülsenfrüchte. Für beide gebe es kaum Evidenz zur Wirksamkeit bei MS-Patienten, allerdings gebe es eine lange Liste von Mangelzuständen, die unter dieser Ernährungsform auftreten können.

 

Sein Fazit: Da es für die genannten Diäten kaum Evidenz gebe, sollten sich MS-Patienten am ehesten an einer Kardio-Diät orientieren, die arm an Salz und tierischen Fetten ist, wenig Fleisch, aber viel Obst und Gemüse enthält.

 

Dass die Ernährung, vor allem die Aufnahme von Fettsäuren, einen Einfluss auf die Immunlage hat, konnte Haghikia in eigenen Untersuchungen zeigen. Ihnen zufolge verändern Fettsäuren die Zusammensetzung der Immunzellen. Langkettige Fettsäuren verstärken in vitro die Differenzierung von Th1- und Th17-Zellen, während kurzkettige Fettsäuren die Bildung von Treg-Zellen fördern (»Immunity«, 2015, DOI: 10.1016/j.immuni.2015.09.007). »Je kürzer die Fettsäuren waren, desto mehr regulatorische T-Zellen wurden gebildet«, berichtete Haghikia.

 

Kurzkettige Fettsäuren als Supplement

 

Bei Mäusen mit experimenteller autoimmuner Enzephalomyelitis (EAE), einem Modell für MS, verstärkte die Gabe von langkettigen Fettsäuren die Symptome und vergrößerte die Th1- und Th17-Zellpopulationen. Die Gabe der kurzkettigen Fettsäure Propionsäure verbesserte dagegen die Sympto­matik und reduzierte die axonalen Schäden.

 

In einer ersten Proof-of-concept-Studie erhielten 80 Patienten mit MS und 30 gesunde Kontrollen verkapselte Propionsäure. Bereits nach 14 Tagen sei ein deutlicher Anstieg der Treg-Zellzahlen zu beobachten gewesen, berichtete der Mediziner.

 

Propionsäure (E280) und ihre Salze werden als Konservierungsmittel verwendet. Die Säure entsteht auch im Dickdarm von Menschen, durch Metabolisierung von unverdauten Kohlenhydrate. Propionsäure entsteht somit, bei der Verdauung von allem, was faserreich ist, verdeutlichte Haghikia. »Es hängt aber von der Darmmikrobiota ab, ob sie dies zersetzen kann.« Somit hätten alle Menschen kurzkettige Fettsäuren im Darm. »Aber nur einen Bruchteil von dem, was benötigt wird«, so Haghikia. »Ich könnte mir vorstellen, dass in Zukunft zusätzlich zur medikamentösen Therapie auch eine gesündere, fettarme Ernährung und eventuell die Supplementierung von kurzkettigen Fettsäuren bei Multipler Sklerose zum Einsatz kommen könnte.« /



Beitrag erschienen in Ausgabe 44/2016

 

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