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Orphan Drugs: Alles andere als Waisenknaben

TITEL

 
Orphan Drugs


Alles andere als Waisenknaben


Von Theodor Dingermann / Orphan Drugs können Menschen mit seltenen Erkrankungen das Leben retten. Daher wird ihre Entwicklung politisch gefördert. Doch wann gilt ein Wirkstoff als Orphan Drug, und welche Vorteile hat der pharmazeutische Hersteller von dieser Einstufung?

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Seltene Krankheiten sind selten, aber Patienten mit seltenen Krankheiten sind zahlreich. Dies ist einer von vielen sehr zutreffenden Sätzen auf Internetseiten zu Orphan Drugs. Unterstrichen wird diese Aussage durch Zahlen, die von Orphanet (1), einem von französischen und europäischen Institutionen geförderten Register für seltene Krankheiten, publiziert werden. Danach leiden in Europa etwa 30 Millionen und in Deutschland knapp 4,3 Millionen Menschen an einer seltenen Krankheit. Die Kriterien für die Einstufung als seltene Krankheit sind global unterschiedlich (Tabelle 1).


Tabelle 1: Kriterien für die Einstufung als seltene Krankheit

Staat, Region, Kontinent Patientenzahl unter 
EU 230 000/Jahr oder 5 pro 10 000 Einwohner 
USA 200 000/Jahr oder 7,5 pro 10 000 Einwohner 
Japan 50 000/Jahr oder 4 pro 10 000 Einwohner 
Australien 2000/Jahr oder rund 1 pro 10 000 Einwohner 

Auch diese Patientinnen und Patienten sollen und wollen durch die Entwicklung wirksamer Medikamente am medizinischen Fortschritt partizipieren. Die große Notwendigkeit, dafür Voraussetzungen zu schaffen, wurde bereits Anfang der 1980er-Jahre als gesellschaftliche Aufgabe erkannt. Eine Vorreiterrolle übernahmen die USA, die 1983 den Orphan Drug Act beschlossen, der die Förderung und Entwicklung von Arzneimitteln für seltene Krankheiten zum Ziel hat. 1991 folgte Singapur mit dem Orphan Drugs Exemptions to the Medicines Act. In Japan existiert eine entsprechende Regelung (Orphan Drug Regulation) seit 1993 und in Australien trat das Regelwerk Orphan Drug Policy 1998 in Kraft. Schließlich wurde am 22. Januar 2000 die EG-Verordnung über Arzneimittel für seltene Krankheiten (Nr. 141/2000) verabschiedet. Damit stieg die Zahl der Zulassungen von Orphan Drugs in der EU deutlich an.

 

Bei Orphan Drugs handelt es sich um Arzneimittel zur Behandlung von Krankheiten, die so selten sind, dass pharmazeutische Unternehmen sie nur widerstrebend oder gar nicht zu den üblichen Marktbedingungen entwickeln würden. Deren Entwicklung wird somit zunächst einmal nicht durch wirtschaftliche Interessen der pharmazeutischen Industrie vorangetrieben, sondern durch den Bedarf in der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Orphan Drugs lassen sich in drei Kategorien einteilen:

 

  • Produkte, die zur Behandlung seltener Krankheiten bestimmt sind (sogenanntes Prävalenzkriterium): Diese Präparate werden zur Behandlung von Patienten entwickelt, die an einer sehr schweren Krankheit leiden, für die es keine oder zumindest keine befriedigende Behandlung gibt. Von diesen Krankheiten ist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, meist seit Geburt oder früher Kindheit betroffen.
  • Produkte, die aus wirtschaftlichen oder therapeutischen Gründen vom Markt genommen wurden (sogenanntes Wirtschaftlichkeitskriterium): Ein Beispiel ist Thalidomid, das bis in die 1960er-Jahre als Schlafmittel weitverbreitet war, aber aufgrund des hohen teratogenen Risikos vom Markt genommen werden musste. Dieser Arzneistoff wirkt interessanterweise auch antiinflammatorisch und analgetisch bei Krankheiten wie Lepra und Lupus erythematodes, für die bisher keine zufriedenstellende Behandlung zur Verfügung steht. In Kombination mit Melphalan und Prednison ist Thalidomid auch zugelassen zur Behandlung von Patienten mit nicht vorbehandeltem multiplen Myelom ab 65 Jahren oder bei Patienten, bei denen eine hoch dosierte Chemotherapie nicht in Betracht kommt.
  • Produkte, die im allgemeinen Interesse für wichtig erachtet werden, aber bisher nicht zur Zulassung gebracht wurden: Es handelt sich um Präparate, die beispielsweise im Rahmen eines nicht patentierbaren Forschungsprozesses entwickelt wurden. Pharmaunternehmen können dann nicht damit rechnen, ihre Forschungsausgaben wieder zu erwirtschaften. Oder es handelt sich um Produkte, die für bestimmte Märkte wichtig sind, die aber nicht als zahlungskräftig angesehen werden. Beispielsweise wurde dem Wirkstoff Oleylphosphocholin zur Behandlung der Leishmaniose der Orphan-Drug-Status zuerkannt. Während die parasitäre Erkrankung in Europa selten ist und damit als Orphan Disease eingeordnet wird, ist sie in den Entwicklungsländern weitverbreitet. Die Weltgesundheitsorganisation geht von zwei Millionen Erkrankungen jährlich aus, davon rund ein Viertel mit Organbefall. Vom Orphan-Drug-Anreiz in der EU sollen auch die Entwicklungsländer profitieren.




Orphan Drugs sind Arzneimittel für wenige Patienten, für diese aber meist überlebenswichtig.

Foto: Fotolia/sunabesyou


Anreize zur Zulassung

 

Das Verfahren zur Zulassung eines Wirkstoffs als Orphan Drug verläuft zweistufig. Nötig ist zunächst die Zuerkennung des Orphan Status durch den Ausschuss für Arzneimittel gegen seltene Krankheiten (Committee for Orphan Medicinal Products, COMP) bei der europäischen Arzneimittelagentur EMA. Ein Antrag kann in jedem Stadium der Entwicklung vor Einreichen des Zulassungsantrags gestellt werden. Dem COMP gehören 33 stimmberechtigte Mitglieder an, davon 28 aus EU-Mitgliedsstaaten, zwei von Patientenorganisationen und drei von der Europäischen Kommission. Die Zulassung eines Orphan Drug erfolgt durch den Ausschuss für Humanarzneimittel (Committee for Medicinal Products for Human Use, CHMP). Dieser empfiehlt entweder eine »normale« Zulassung oder eine »bedingte« Zulassung mit der Aufforderung zur Nachlieferung von Daten.

 

Die Basis für die Vergabe des Orphan-Drug-Status bilden vom Hersteller einzureichende belastbare Unterlagen. Erhält ein Entwicklungskandidat diesen Status, bringt dies dem entwickelnden Unternehmen etliche Vorteile.


Tabelle 2: Lysosomale Speicherkrankheiten als Beispiel für Orphan Diseases und zugelassene Arzneistoffe zur Substitutionstherapie

Krankheit, Erläuterung Zahl der Patienten in der EU Arzneistoff (Handelsname) 
Morbus Gaucher: Enzym Glukocerebrosidase fehlt 15 000 Velaglucerase alfa (VPRIV®
Morbus Pompe: gestörter Glykogenabbau durch das Fehlen der Alpha-1,4-Glykosidasse 6850 Alglucosidase alfa (Myozyme®
Mukopolysaccharidose I: gestörter Abbau von Mukopolysacchariden durch das Fehlen des Enzyms Alpha-L-Iduronidase 1250 Laronidase (Aldurazyme®
Mukopolysaccharidose II: gestörter Abbau von schwefelhaltigen Mukopolysacchariden durch das Fehlen des Enzyms Iduronat-2-Sulfatase 1000 Idursulfase (Elaprase®

Dazu gehört eine zunächst zehnjährige Marktexklusivität, die sich auf zwölf Jahre verlängert, wenn ein Wirkstoff auch eine Indikation zur Behandlung von Kindern erhält. Hat sich nach Ablauf des fünften Jahres die Prävalenz, beispielsweise gerade auch durch die neue Therapieoption, so weit erhöht, dass die Voraussetzungen für einen Orphan-Drug-Status nicht mehr gegeben sind, wird die Marktexklusi­vität auf sechs Jahre reduziert. In den USA ist die Marktexklusivität generell auf sieben Jahre bemessen.

 

Ein weiterer Vorteil ist die Unterstützung bei der Erstellung des Prüfplans und des Zulassungsantrags, zum Beispiel durch Scientific Advice und Protokoll-Assistenz, ohne dass Gebühren erhoben werden. Zudem sind die Gebühren für die Antragstellung sowie für Maßnahmen vor und nach der Zulassung, zum Beispiel Inspektionen und jährliche Gebühren, reduziert. Eine wissenschaftliche Beratung durch die EMA kostet etwa 75 000 Euro, die Gebühren für ein Zulassungsverfahren liegen bei rund 250 000 Euro. Kleinen und mittleren Unternehmen werden diese Kosten erlassen; größere Unternehmen erhalten eine Kostenreduktion von gut 80 000 Euro. Eine direkte Forschungsförderung kann aus dem 7. EU-Forschungsrahmenprogramm (7. FRP 2007 bis 2013) abgerufen werden.

 

Orphan Drugs können sehr viel leichter als andere Wirkstoffe ein beschleunigtes Beurteilungsverfahren (Fast Track Procedure) zugesprochen bekommen. Der pharmazeutische Hersteller kann einen entsprechenden Antrag stellen, wenn der Wirkstoff für die öffentliche Gesundheit und insbesondere unter dem Gesichtspunkt der therapeutischen Innovation von hohem Interesse ist. Diesen Antrag muss er gebührend begründen. Akzeptiert der Ausschuss den Antrag, so verkürzt sich die vorgesehene Bearbeitungsfrist auf 150 Tage.




Grafik 1: Zahl der Zulassungen von Orphan Drugs in der EU; deutlich sichtbar ist der Anstieg seit Inkrafttreten der EG-Verordnung über Arzneimittel für seltene Krankheiten


Ferner gibt es die Zulassung vorbehaltlich besonderer Bedingungen (conditional marketing authorisation) gemäß der Verordnung (EG) 726/2004, Art. 14 (7). In diesem Fall wird das Arzneimittel jährlich von der Agentur neu beurteilt. Eine weitere Besonderheit ist eine Zulassung vorbehaltlich der Verpflichtung des Antragstellers, Verfahren zu etablieren, die die Sicherheit des Arzneimittels, die Information der zuständigen Behörde über alle Zwischenfälle im Zusammen­hang mit der Verwendung und die zu ergreifenden Maßnahmen betreffen (authorisation under exceptional circumstances).

 

Darüber hinaus können die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten weitere Anreize, beispielsweise durch steuerliches Entgegenkommen, Schaffung von Exzellenzzentren oder Förderung von Datenbanken, schaffen.

 

Seltene Erkrankungen

 

Seltene Krankheiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie verhältnismäßig wenige Menschen betreffen. Selten ist dabei kein eindeutiger Begriff. So kennt man Krankheiten, von denen in Deutschland im Schnitt nur vier Patienten betroffen sind. Aber auch vierstellige Patientenzahlen gelten noch als »selten«.

 

Die Zahl der Krankheiten, für die derzeit keine Behandlung zur Verfügung steht, wird weltweit auf 4000 bis 5000 geschätzt. Manche Quellen gehen sogar von 8000 aus. Viele seltene Erkrankungen sind angeboren, zum Beispiel die lysosomalen Speicherkrankheiten (Tabelle 2). Wegen ihrer Seltenheit und der oft erst deutlich später erkennbaren Symptomatik werden sie aber meist nicht unmittelbar nach der Geburt diagnostiziert.




Grafik 2: Indikationsgebiete zugelassener Orphan Drugs; modifiziert nach VFA

Interessanterweise gehören auch etliche Krankheiten aus dem onkolo­gischen Spektrum zu den seltenen Erkrankungen. Das beruht auf dem mit unglaublicher Geschwindigkeit wachsenden Detailwissen über Krebserkrankungen und ihre Ursachen. So kann man heute genetische Veränderungen identifizieren, die zum Verlust der Replikationskontrolle führen. Diese Mutationen können im Detail sehr unterschiedlich sein, auch wenn die Tumoren vergleichbare histologische Charakteristika aufweisen. Betroffen sind vor allem, jedoch nicht ausschließlich Stoffwechselwege. Der Unterschied zu anderen seltenen Erkrankungen besteht »nur« darin, dass die Mutationen in der Regel nicht angeboren sind, sondern durch Umwelteinflüsse, eventuell begünstigt durch bestimmte vererbte Konstellationen, erworben wurden. Wie eine solche erbliche »Begünstigung« aussehen kann, hat der Fall Angelina Jolie jetzt eindrucksvoll gezeigt. Sie hatte durch eine besondere, ererbte genetische Konstellation – eine Muta­tion im sogenannten Brustkrebsgen BRCA 1 – ein massiv erhöhtes Risiko, an einem Mammakarzinom zu erkranken. Damit die Erkrankung dann letztlich eintritt, bedarf es aber mindestens einer weiteren Mutation.

 

Einige Beispiele für seltene Erkrankungen und dafür zugelassene Arzneistoffe zeigen die Tabellen 2 und 3.

 

Zugelassene Wirkstoffe

 

Die EMA hat anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der EG-Verordnung über Arzneimittel für seltene Krankheiten im Jahr 2010 eine Zwischenbilanz gezogen, die die Bedeutung dieser Initiative unterstreicht (2). Danach wurden bis Ende April 2010 insgesamt 1113 Anträge zur Ertei­lung des Orphan-Drug-Status gestellt, von denen 724 positiv beschieden wurden. Fast die Hälfte der Wirkstoffe ist auch für den Einsatz bei Kindern bestimmt. Vor dem Inkrafttreten der EG-Verordnung (1999) gab es in Europa nur fünf Arzneimittel für seltene Erkrankungen (Grafik 1).

 

Aktuell stehen den Patienten in der Europäischen Union 67 zugelassene Orphan-Medikamente zur Verfügung, die auf einer stetig aktualisierten Liste des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA) zu finden sind (3). Wichtigstes Indikationsgebiet ist die Onkologie (Grafik 2). 39 Wirkstoffe werden bei Krankheiten eingesetzt, an denen EU-weit weniger als 230 000 Patienten, das heißt weniger als 1 von 2000 EU-Bürgern leiden. Neben den »klassischen« Orphan-Medikamenten enthält die Liste auch 22 Wirkstoffe, die den besonderen Status nicht mehr besitzen. Entweder ging dieser nach zehn Jahren verloren oder die Firma hat ihn zurückgegeben.

 

Bis heute erhielten etwa 970 Wirkstoffe in Europa den Orphan-Drug-Status. In den USA, wo Sonderregelungen für Arzneimittel für seltene Krankheiten schon 17 Jahre länger in Kraft sind, erfolgten etwa 2300 Zuerkennungen und 405 Zulassungen. In Analogie kann man mit einem schnellen Anstieg verfügbarer Medikamente für die Behandlung seltener Krankheiten in der EU rechnen.


Besonderheiten klinischer Prüfungen mit wenigen Patienten

Bei weit verbreiteten Krankheiten sind klinische Studien mit einigen Hundert oder mehreren Tausend Teilnehmern üblich. Im Gegensatz dazu können bei der Prüfung von Orphan Drugs auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit häufig nur wesentlich weniger Patienten einbezogen werden, da von seltenen Krankheiten oft nur wenige Tausend oder sogar weniger als 100 Menschen in der gesamten EU betroffen sind. Für diese Fälle hat die Europäische Arzneimittelagentur EMA mithilfe ihrer Experten eine Leitlinie erstellt, in der Alternativen zu den sonst für die Zulassung geforderten großen randomisierten, kontrollierten, klinischen Studien aufgezeigt werden. Darin wird betont, dass auch für kleine Studien im Prinzip die gleichen Anforderungen wie für große gelten, wobei besonders große Sorgfalt auf folgende Punkte gelegt werden muss:

 

  • Auswahl geeigneter Modelle zur Prüfung der Wirkungen des Prüfarzneimittels vor Beginn der Prüfungen am Menschen;
  • Auswahl geeigneter Prüfkriterien für die Erfolgsmessung, zum Beispiel Verbesserung der Lebensqualität oder Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung;
  • statistische Methoden zur Auswertung der Ergebnisse von klinischen Studien.

Sind klinische Studien ausnahmsweise nicht möglich, kann auch eine Zulassung auf Basis von sehr gut dokumentierten Berichten über einzelne Behandlungsfälle erteilt werden, wenn danach weitere Belege für die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit des Präparates erbracht werden.

 

Quelle: www.vfa.de/de/ arzneimittel-forschung/artikel-arzneimittel-forschung/­orphan-drugs.html/_2-orphan-drug-act-in-den-usa


Die Anforderungen für die klinische Erprobung und Zulassung von Medikamenten sind unabhängig von der Häufigkeit der Krankheit immer gleich. Stets müssen Wirksamkeit, Verträglichkeit und pharmazeutische Qualität des Medikaments belegt werden. Die Planung und Durchführung der Studien ist bei seltenen Krankheiten jedoch besonders schwierig, weil die Studienteilnehmer weltweit rekrutiert werden müssen (Kasten). Ist das Mittel nach der Zulassung im Einsatz, verlangen die Behörden vom Hersteller noch Berichte über das Behandlungsergebnis bei weiteren Patienten.

 

Die Tabellen 2 und 3 zeigen beispielhaft einige zugelassene Orphan Drugs aus verschiedenen Indikationsgebieten. Weniger bekannt ist, dass auch vertraute Wirkstoffe dazu zählen. So ist zum Beispiel Ibuprofen als Injektionslösung als Orphan Drug bei Frühgeborenen zur Behandlung eines Ductus arteriosus, einem angeborenen Herzfehler, zugelassen (Pedea®). Mannitol wird bei der Behandlung einer zystischen Fibrose zur Verbesserung der mukoziliären Clearance als Pulver inhaliert. An diesen wenigen Beispielen erkennt man die Heterogenität der Wirkstoffe, die vom einfachen Zuckeralkohol bis hin zum gentechnisch hergestellten Protein reichen.

 

Orphan Drugs werden – wie viele sehr spezielle Arzneimittel – normalerweise in Zentren erstverschrieben, die auf die Behandlung der jeweiligen Erkrankung spezialisiert sind. Dann verschreiben sie Hausärzte, Pädiater oder Internisten weiter, sodass diese Medikamente auch in jeder öffentlichen Apotheke vorkommen.


Tabelle 3: Beispiele für Orphan Diseases und dafür zugelassene Arzneistoffe

Krankheit, Erklärung Zahl der Patienten in der EU Arzneistoff (Handelsname) 
Akute lymphatische Leukämie (ALL), häufigste Blutkrebsform bei Kindern 25 000 Clofarabin (Evoltra®) Mercaptopurin (Xaluprine®
Akute myeloische Leukämie (AML), gekennzeichnet durch eine Granulozyten- Überproduktion 101 000 Histamin-Dihydrochlorid (Ceplene®) in Kombination mit Interleukin (IL)-2 
Chronische Lungenentzündung bei Mukoviszidose-Patienten, verursacht durch Pseudomonas aeruginosa 65 000 Aztreonamlysin (Cayston®) zur Therapie einer bakteriell verursachten Lungenentzündung Mannitol (Bronchitol®) zur Verbesserung der mukoziliären Clearance Ivacaftor (Kalydeco®) zur Behandlung von Mukoviszidose-Patienten mit G551D-Mutation (etwa 1100 in der EU) 
Chronisch lymphatische Leukämie (CLL) nach Therapieversagen von Fludarabin und Alemtuzumab 176 000 Ofatumumab (Arzerra®
Muckle-Wells-Syndrom und familiäres kälteinduziertes autoinflammatorisches Syndrom (Cryopyrin-assoziierte periodische Syndrome, CAPS) Weniger als 2500 Rilonacept (Rilonacept Regeneron®
Idiopathische thrombozytopenische Purpura 50 000 Romiplostim (Nplate®
Arterieller Lungenhochdruck 110 000 Iloprost (Ventavis®
Multiples Myelom mit Überproduktion maligner Plasmazellen 65 000 Lenalidomid (Revlimid®
Phenylketonurie (PKU) und Tetrahydrobiopterin-(BH4)-Mangel 84 000 Sapropterin (Kuvan®
Systemische Sklerodermie mit Bildung überschüssigen Bindegewebes in der Haut und in inneren Organen 66 000 Bosentan (Tracleer®
Hyperammonämie, verursacht durch einen Enzymmangel im Harnstoffzyklus 60 Carglumsäure (Carbaglu®

Sonderstellung im AMNOG

 

Durch das am 1. Januar 2011 in Kraft getretene Arzneimittel-Neuordnungs­ge­setz (AMNOG) sind Orphan Drugs wieder in den Blickpunkt der gesund­heitspolitischen Debatten geraten, denn sie nehmen im AMNOG eine Sonderstellung hinsichtlich der Regeln für die frühe Nutzenbewertung ein. Bei Orphan Drugs gilt der medizinische Zusatznutzen – im Gegensatz zu anderen Arzneimitteln – bereits durch die Zulassung als belegt. Dies ist insofern konsequent und nachvollziehbar, da es nach der Definition für Orphan Drugs für die Behandlung der entsprechenden Krank­heit keine therapeutisch gleichwertige Alternative gibt. Dieser besondere Sachverhalt wird unmittelbar vor Erteilung der Zulassung erneut geprüft.

 

Diese Sonderstellung der Orphan Drugs wird zum Beispiel von den Kos­ten­trägern, aber auch vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) oder der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft massiv kritisiert. »Zu guter Letzt ist alles selten« überschrieben beispielsweise Windeler und Kollegen einen Beitrag in Deutschen Ärzteblatt (4). Sie argumentieren, dass sich Pharmaunternehmen zunehmend strategisch so aufstellen, dass sie »relativ häufige Krankheiten, wie zum Beispiel Krebserkrankungen, in kleine Untergruppen zerlegen« (man spricht hier von »Slicing«), um für den zu entwickelnden Wirkstoff für die Patienten dieser Untergruppe einen Orphan-Drug-Status zu erlangen. Nach Erteilung der Zulassung würden die Firmen sehr schnell eine schleichende Indika­tionsausweitung vorantreiben. Kritiker sprechen von Missbrauch des Orphan-Drug-Status als »Trojaner«, um damit einen Fuß in die Tür der Indikationsausweitung zu bekommen.




Top! Orphan Drugs sind für die Betroffenen ein Segen.

Foto: Fotolia/LiliGraphie


Dass dies zumindest bisher von untergeordneter Bedeutung war, zeigt sich daran, dass von den bislang zugelassenen Orphan Drugs nur vier Produkte mehr als eine Indikation aufweisen. Drei Präparate haben zwei Indikationen, ein Präparat allerdings neun. Dieses Arzneimittel mit dem Wirkstoff Imatinib hat in der Tat eine beachtliche Indikationsliste (Fachinformation Glivec®). Allerdings sei daran erinnert, dass es die Krankheiten sind, die den Orphan-Status für einen Wirkstoff definie­ren. Tatsächlich wird kein Hämatologe von der gleichen Krankheit sprechen, wenn beispielsweise eine Philadelphia-Chromosom (bcr-abl)-positive chronische myeloische Leukämie (Ph+-CML), eine Philadelphia-Chromosom-positive akute lymphatische Leukämie (Ph+-ALL), eine myelodysplastische/myelo­proliferative Erkrankung (MDS/MPD) in Verbindung mit Genumlagerungen des PDGF-Rezeptors (platelet-derived growth factor) oder ein c-Kit-(CD 117)-positiver maligner gastrointestinaler Stromatumor (GIST) nebeneinander gestellt werden.

 

Zudem wird der unterstellte Missbrauch der Sonderstellung von Orphan Drugs durch »Slicing« oder als »Trojaner« durch § 35a SGB V eingeschränkt. Demnach muss auch für einen solchen Wirkstoff ein (Zusatz-)Nutzennachweis erbracht werden, wenn damit ein Umsatz nach Apothekenverkaufspreisen (AVP) von mehr als 50 Millionen Euro in den letzten zwölf Kalendermonaten erreicht wurde. Als ein typischer Kompromiss wird diese Lösung weder die eine noch die andere Seite befriedigen. Der Sache ist sie aber sehr wohl dienlich. Denn tatsächlich erfüllen Tumor­erkrankungen heute zunehmend den Status einer seltenen Krankheit. Dies liegt daran, dass durch die rasant wachsenden Erkenntnisse aus der molekularen Tumorforschung Wirkstoffe entwickelt werden, deren Einsatz nur bei Subformen von Tumoren sinnvoll ist, die ganz spezielle genetische oder molekulare Charakteristika aufweisen. Die Folge dieser immer stärkeren Differenzierung sind immer kleinere Patientengruppen, die dann auch immer gezielter behandelt werden können. Es entspricht dem Geist der Verordnungen über Arzneimittel für seltene Krankheiten, die Entwicklung solcher Wirkstoffe zu fördern.

 

Der Konflikt zwischen den pharmazeutischen Unternehmen und den Kostenträgern und ihren zuarbeitenden Organisationen entzündet sich natürlich daran, dass Orphan Drugs nicht selten sehr hochpreisig sind. Die generelle Aussage, alle seien teuer, ist aber falsch. Nach Daten von INSIGHT Health erzielen alle Orphan Drugs zusammen einen Jahresumsatz von knapp einer Milliarde Euro – eine beachtliche Summe (5).

 

Erfolgsmodell

 

Das Thema Orphan Drugs ist äußerst facettenreich. Geboren aus der Not heraus, das medizinische Versorgungsdefizit von Patienten mit seltenen Krankheiten zu korri­gieren, entwickelte sich das Orphan-Drug-Konzept zu einem Erfolgsmodell. Das freut nicht jeden. Zumindest einige beobachten die Entwicklung eher mit Skepsis als mit Lob. Wieder einmal sind es die Kosten, die die Skepsis befeuern. Denn Orphan Drugs haben einen hohen, manchmal auch sehr hohen Preis. Zudem folgt das Konzept nicht dem Trend, medizinische Leistung einem scharfen Wettbewerb auszusetzen.

 

Für die betroffenen Patientinnen und Patienten ist es hingegen ein Segen, der sich längst nicht nur in der Entwicklung neuer Wirkstoffe erschöpft. Man spricht über seltene Krankheiten, sehr potente Netzwerke haben sich etabliert und es entstehen immer mehr und immer besser ausgestattete Kompetenzzentren. Es gibt sogar den internationalen »Tag der Seltenen Erkrankungen«, der am 28. Februar 2013 zum 6. Mal begangen wurde und unter dem Motto »Solidarität ohne Grenzen« stand. Dass dies sehr optimistisch gedacht ist, zeigen die kritischen Diskussionen, die ganz aktuell um Orphan Drugs geführt werden. /


Literatur

  1. www.orpha.net
  2. www.ema.europa.eu/docs/en_GB/ document_library/Report/2010/05/WC500090812.pdf
  3. www.vfa.de/print/de/arzneimittel- forschung/datenbanken-zu-arzneimitteln/orphan-drugs-list
  4. Windeler, et al., Dtsch. Ärztebl. 107 (42) (2010) A-2032
  5. Monitor Versorgungsforschung 01/2011


Der Autor

Theodor Dingermannstudierte Pharmazie in Erlangen. Nach der Approbation 1976 folgten Promotion und 1987 Habilitation. Seit 1991 ist er geschäftsführender Direktor des Instituts für Pharmazeutische Biologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Dingermann war von 2000 bis 2004 Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft, arbeitet in zahlreichen wissenschaftlichen Gremien, leitete seit 1992 die Arbeitsgruppe »Biotechnologisch hergestellte Arzneimittel« der Arzneibuch-Kommission beim BfArM und war bis 2010 Mitglied der Kommission. Ende 2009 wurde Dingermann zum »Professor des Jahres« in der Kategorie Naturwissenschaften und Medizin gewählt. Die Apotheker kennen ihn zudem als Referenten bei Fortbildungstagungen sowie als Autor und Co-Autor mehrerer Lehrbücher. Seit April 2010 ist er externes Mitglied der Chefredaktion der PZ. Seine Hauptforschungsgebiete umfassen Konzepte für die Verbesserung heutiger Gentherapie-Vektoren sowie die Identifizierung von Zielproteinen von Arzneistoffen durch Arzneistoff-Proteomik.

 

Professor Dr. Theo Dingermann, Institut für Pharmazeutische Biologie, Biozentrum, Marie-Curie-Straße 9, 60439 Frankfurt/Main, E-Mail: Dingermann(at)em.uni-frankfurt.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 22/2013

 

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