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Blei im Blut: Auch wenig ist giftig

MEDIZIN

 
Blei im Blut

Auch wenig ist giftig


Von Annette Mende / Das Schwermetall Blei schädigt den Organismus schon in niedrigen Dosen, etwa wenn das Trinkwasser belastet ist. Der international geltende Grenzwert ist daher zu hoch angesetzt, wie eine aktuelle Studie zeigt. Deutschland ist mit seinen niedrigen Referenzwerten ein Vorbild für andere Länder.

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Metallisches Blei und alle seine Verbindungen sind für den Menschen sehr giftig. Mögliche Symptome einer Bleivergiftung sind Darmkoliken, Anämie, Gicht sowie Schäden an der Leber, den Nieren und dem ZNS. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass bei Erwachsenen eine Bleibelastung von weniger als 250 µg/l (1,21 µmol/l) im Blut zu vernachlässigen ist.




Foto: Fotolia/Häßler


Studienergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass auch eine Belastung unterhalb dieses Grenzwerts die Nieren schädigt und die kardiovaskuläre Mortalität erhöht. Dass bereits niedrige Blutbleigehalte das Gichtrisiko steigen lassen, konnten jetzt Wissenschaftler um Eswar Krishnan von der kalifornischen Stanford University in den »Annals of Internal Medicine« zeigen (2012 Aug;175(4):233-241).

 

Gicht durch Bleibelastung

 

Im Rahmen ihrer Studie verwendeten sie Daten von mehr als 6100 Teilnehmern des National Health and Nutrition Examination Survey aus vier Jahren. Ziel dieser Querschnittsstudie war es gewesen, national repräsentative Statistiken über den Gesundheitszustand der US-Bevölkerung zu ermöglichen. Krishnan und Kollegen teilten die Probanden anhand ihrer Blutbleikonzentrationen in vier Gruppen ein und berechneten für jede dieser Gruppen die Gichtprävalenz.

 

In der Gruppe mit der höchsten Blei­belastung hatten die Probanden durchschnittlich 39,5 µg/l (0,19 µmol/l) Blei im Blut, also weniger als ein Sechstel des von der WHO und den US-amerikanischen Behörden als gefahrlos angesehenen Grenzwerts. Die Prävalenz der Gicht in dieser Gruppe war mit 6 Prozent mehr als dreimal so hoch wie in der Gruppe mit der niedrigsten Blutbleibelastung. Dort betrugen die Blutbleiwerte im Schnitt nur 8,9 µg/l (0,04 µmol/l) und die Gichtprävalenz 1,76 Prozent.

 

Auch unter Berücksichtigung diverser Risikofaktoren wie Nierenfunktion, Diuretika-Einnahme, Bluthochdruck und Body-Mass-Index hatten die Probanden mit der höchsten Bleibelastung ein 3,6-fach höheres Gichtrisiko als diejenigen mit den niedrigsten Bleikonzentrationen im Blut.

 

Auch eine Bleibelastung unterhalb des derzeit in den USA geltenden Schwellenwerts erhöht demnach signifikant das Risiko, an Gicht zu erkranken. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass es keine Grenze gibt, unterhalb derer eine Bleiexposition sicher ist, so das Fazit der Autoren. Sie fordern daher, die nationalen Grenzwerte zu senken und weitere Anstrengungen zu unternehmen, um die Belastung der Bevölkerung mit dem Schwermetall zu reduzieren.

 

Das hält auch Ashwini R. Sehgal, Professor an der Case Western Reserve University, in einem begleitenden Editorial in den »Annals« für notwendig (2012 Aug;157(4):292-293). Der Epidemiologe nennt als leuchtendes Beispiel Deutschland, wo die Kommission Human-Biomonitoring des Umweltbundesamts bereits 2010 die Grenzwerte für die Blutbleikonzentration abschaffte. »Jede Festlegung einer Wirkungsgrenze für die Blutblei­belastung wäre willkürlich und daher ungerechtfertigt«, schreiben Mitglieder der Kommission in einem Beitrag im »International Journal of Hygiene and Environmental Health« (doi: 10.1016/j.ijheh.2010.04.002).


Blei im Trinkwasser

Bleileitungen sind besonders haltbar, da sie durch dichte Deckschichten aus schwer löslichen Bleicarbonaten vor Korrosion geschützt sind. Trotzdem löst sich Blei in Form von Carbonat- und Hydroxokomplexen im Trinkwasser, vor allem wenn das Wasser über Nacht in den Leitungen steht. In Süddeutschland gibt es nahezu keine Bleileitungen mehr in Häusern, da sie dort bereits 1878 durch Erlass vorsorglich verboten wurden. In Nord- und Ostdeutschland wurde dagegen bis in die 1970er-Jahre hinein Bleileitungen verlegt. Man glaubte, dass sich durch das dort häufig harte Wasser Deckschichten aus Kalk bilden, die das Wasser vor Bleieinträgen aus der Leitung schützen. Das ist jedoch nicht der Fall. Informationen für Mieter und Hausbesitzer hat das Umweltbundesamt in der Broschüre »Trink was – Trinkwasser aus dem Hahn« zusammengestellt (tinyurl.com/2b93chx).


Als Referenzwerte nennt die Kommission 90 µg/l (0,43 µmol/l) für erwachsene Männer, 70 µg/l (0,34 µmol/l) für erwachsene Frauen und 35 µg/l (0,17 µmol/l) für Kinder. Blutbleikonzentrationen, die diese Werte übersteigen, hätten aller Wahrscheinlichkeit nach eine spezifische Ursache, seien potenziell gefährlich und müssten gesenkt werden.

 

Die Knochen sind am stärksten belastet

 

Blei als zwei- oder vierwertiges Kation lagert sich im Körper überall dort ab, wo Calcium vorhanden ist. Kinder und Jugendliche im Wachstum sind daher für eine erhöhte Bleibelastung besonders empfindlich. Bei ihnen kann Blei bereits in Konzentrationen unter 100 µg/l (0,48 µmol/l) das Nervensystem schädigen und zu neuropsychologischen Veränderungen führen. Psychomotorische und Intelligenzdefizite sowie Verhaltensauffälligkeiten sind mögliche Folgen.




Blei im Blut stammt häufig aus den Knochen, wo sich das Schwermetall anreichert.

Foto: picture-alliance


Problematisch ist, dass das Skelett dabei als eine Art Depot fungiert, aus dem das Schwermetall über Jahrzehnte freigesetzt wird. In den Knochen sind 90 Prozent des im Körper vorhandenen Bleis gespeichert. Im Steady-State-Zustand kann Blei aus den Knochen 45 bis 75 Prozent des Blutbleigehalts ausmachen. Der Bleigehalt des Bluts ist daher noch lange nach einer Zufuhr von außen erhöht.

 

Es lässt sich zwar mithilfe von Chelatbildnern wie Calcium-Dinatrium-EDTA, Dimercaptobernsteinsäure (DMSA, Succimer) oder Dimercaptopropansulfonsäure (Unithiol) aus dem Blut entfernen. Diese Verfahren waren jedoch in Studien nicht immer erfolgreich.

 

Die Belastung mit Blei aus der Umwelt war früher deutlich höher, als noch Tetraethylblei routinemäßig Kraftstoffen als Antiklopfmittel zugesetzt wurde. Heute sind die wichtigsten Kontaminationsquellen Bleiwasserleitungen in Altbauten (siehe Kasten). Um die Bleibelastung der Bevölkerung zu senken, empfahl das Umweltbundesamt bereits 2003, diese Leitungen aus allen Häusern zu entfernen und durch bleifreie zu ersetzen. Der Grenzwert für den maximal zulässigen Bleigehalt des Trinkwassers beträgt momentan 25 µg/l. Am 1. Dezember 2013 wird er auf 10 µg/l gesenkt. Da bereits ein Bleirohr von 5 m Länge so viel Blei ans Wasser abgibt, dass diese Konzentration überschritten wird, bedeutet die Absenkung des Grenzwerts de facto ein Verbot von Bleiwasserleitungen. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 34/2012

 

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