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Ernährung: Wenn Kalorien auf die Leber schlagen

MEDIZIN

 
Ernährung

Wenn Kalorien auf die Leber schlagen

Von Kerstin Pohl

 

Als zentrales Stoffwechselorgan des Körpers muss die Leber viele Funktionen erfüllen. Wenn sie nicht mehr richtig arbeiten kann, laufen deshalb viele Stoffwechselprozesse nur noch eingeschränkt ab. Die Ernährung kann dann einen wesentlichen Beitrag leisten, die Leber gesund zu erhalten und im Krankheitsfalle zu unterstützen.

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Frühere Diätempfehlungen für Lebererkrankungen sollten das Organ schonen und so wurden ein hoher Kohlenhydrat-, dafür aber ein geringer Fett- und Eiweißgehalt der Nahrung empfohlen. Da diese Diäten aber keinen Nutzen brachten und zudem die Patienten in ihrer Nahrungsmittelauswahl sehr einschränkten, ist der Einsatz einer solchen »Leberschonkost« heute überholt.

 

Nur wenige Lebererkrankungen benötigen eine spezielle Kostform. Dazu gehören die Fettleber und die Leberzirrhose. Virushepatitiden hingegen lassen sich durch eine spezielle Ernährungstherapie nicht beeinflussen.

 

Wenn die Leber verfettet

 

Normalerweise liegt der Fettanteil der Leber unter 5 Prozent. Von einer Fettleber spricht man, wenn mehr als die Hälfte der Leberzellen verfettet sind. Die Leber ist dabei stark vergrößert und weich. Diese Erkrankung ist weit verbreitet. Schätzungen sprechen von circa 25 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, die eine Fettleber haben. Sie wird oft nicht diagnostiziert, da sie asymptomatisch verlaufen kann. Betroffene klagen zum Teil aber über ein Druckgefühl oder Schmerzen im rechten Oberbauch.

 

Die Ursachen sind vielfältig. So entsteht eine Mastfettleber durch eine hyperkalorische Ernährung mit Fetten und Kohlenhydraten oder auch durch exzessiven Alkoholkonsum (Alkoholfettleber). Der Alkohol ist dabei die häufigste Ursache einer Fettleber und kann zu einer Fibrose und weiter zu einer Leberzirrhose führen.

 

Auch ein Hungerstoffwechsel kann eine Fettleber verursachen, die sogenannte Mangelfettleber. Sie entsteht durch eine kohlenhydratreiche Ernährung bei gleichzeitigem Mangel an Eiweiß (Kwashiorkor).

 

Eine Stoffwechselfettleber findet sich bei 30 bis 40 Prozent der Adipösen und 15 bis 50 Prozent der Diabetiker. Diskutiert wird auch eine Zöliakie als mögliche Ursache. Eine glutenarme Ernährung, die bei dieser Erkrankung einzuhalten ist, scheint auf die Fettleber einen positiven Einfluss zu haben, die sich unter einer solchen Kost vollständig zurückbilden kann. Die genauen Zusammenhänge sind aber noch nicht erforscht, sodass noch keine entsprechenden Ernährungsempfehlungen gegeben werden können.

 

Eine Fettleber ist voll reversibel und führt zu keiner Einschränkung der Leberfunktion. Deshalb ist bei dieser Erkrankung auch keine spezielle Kostform erforderlich. Sie sollte lediglich abwechslungsreich und vollwertig sein. Gemieden werden sollten allerdings die Auslöser, so beispielsweise Fett und Zucker bei einer Mastfettleber oder Alkohol bei einer alkoholischen Fettleber. Alkohol sollte auch bei einer Mangelfettleber weggelassen werden.

 

Generell sollte die Kost fett- und zuckerreduziert sein, dafür aber reich an Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, Kochfisch, magerem Fleisch und Milchprodukten.

 

Leberzellen irreversibel zerstört

 

Wenn eine Fettleber nicht entdeckt und behandelt wird, kann sie sich über eine Fibrose zu einer Leberzirrhose entwickeln. Hierbei werden die Leberzellen in Narben- und Bindegewebe umgewandelt, das die ursprüngliche Funktion der Leberzellen nicht mehr ausführen kann. Die Leber ist nicht mehr weich, sondern gehärtet. Patienten, die eine Leberzirrhose haben, sind appetitlos, leiden an Übelkeit und Oberbauchschmerzen. Ihre körperliche Leistungsfähigkeit ist vermindert.

 

Oft bleiben die Symptome über Jahre hinweg eher unauffällig, erst wenn ernsthafte Beschwerden wie Blutungen aus Krampfadern der Speiseröhre auftreten, wird eine entsprechende Diagnose gestellt.

 

Der häufigste Erkrankungsgrund ist ein chronischer Alkoholmissbrauch. So sind Frauen, die über lange Jahre hinweg täglich 20 bis 40 g reinen Alkohol am Tag konsumieren, gefährdet, eine Zirrhose zu entwickeln. Das entspricht täglich 0,5 bis 1 Liter Bier oder 0,2 bis 0,4 Liter Rotwein.

 

Bei Männern besteht ein Risiko bei etwa 60 g reinem Alkohol am Tag. Diese Menge ist beispielsweise enthalten in 1,5 Litern Bier oder 0,6 Litern Wein. Selbst alkoholfreies Bier oder Sekt enthalten noch geringe Mengen Alkohol (bis zu 0,5 g pro 100 ml) und sind deshalb auch zu meiden.

 

Aber nicht nur Alkohol kann eine Zirrhose auslösen. Auch Autoimmunerkrankungen, bakterielle Entzündungen und Stoffwechselerkrankungen wie Hämochromatose (verminderte Speicherung von Eisen) oder Morbus Wilson (verminderte Speicherung von Kupfer) sind mögliche Ursachen.

 

Ernährung anpassen

 

Die Ernährung bei einer Zirrhose richtet sich nach ihrem Schweregrad. Bei einer kompensierten Form kann die Leber den Schaden noch ausgleichen (»kompensieren«) und ist daher noch funktionsfähig. Hier muss keine besondere Ernährungsform eingehalten werden. Patienten sollen sich ausgewogen und vollwertig ernähren. Das heißt: Täglich reichlich Obst, Gemüse, Salat, Vollkornprodukte, Kartoffeln, Reis oder Nudeln essen. Die Mahlzeiten sollten auf mehrere Male am Tag verteilt sein, und vor allem sollte Alkohol strikt gemieden werden. Die tägliche Eiweißzufuhr sollte nicht eingeschränkt werden und bei 1,2 g pro Kilogramm Körpergewicht liegen.

 

Wenn eine dekompensierte Form, also ein Funktionsverlust, vorliegt, sind Patienten häufig appetitlos und fühlen sich schwach und schläfrig. Daher nehmen sie oft nicht die erforderlichen Nahrungsmengen auf. So finden sich oft Defizite bei der Eiweiß- und Energieversorgung. Deshalb wird in solchen Fällen eine erhöhte Eiweißzufuhr von 1,5 g je Kilogramm Körpergewicht empfohlen. Fast die Hälfte aller Patienten mit einer Lebererkrankung weist Defizite an Vitaminen auf. Hier sind sowohl die wasserlöslichen B-Vitamine, Folsäure und Niacin betroffen, als auch die fettlöslichen (A, D, E, K). Ein Mangel kann auch bei Mineralstoffen bestehen (Zink, Selen, Natrium, Kalium, Magnesium, Phosphor). Hier sollten gegebenenfalls nach Absprache mit dem Arzt Supplemente zum Ausgleich genommen werden.

 

Eine Malnutrition wird nur schwer erkannt, da das Körpergewicht oder der Body-Mass-Index (BMI) hier nicht weiterhelfen. Die Muskelmasse hat sich zwar reduziert, dafür ist aber der Fettgehalt angestiegen, sodass der BMI gleich bleibt.

 

Wesentliche Komplikationen einer Leberzirrhose sind Aszites (Bauchwassersucht), Ödeme in den Beinen, Ösophagusvarizen (Krampfadern in der Speiseröhre) und eine hepatische Enzephalopathie. Wenn diese auftreten, muss die Ernährung entsprechend angepasst werden.

 

Bei einer Aszites und Ödemen wird eine Natriumrestriktion empfohlen, um das Wasser auszuschwemmen. So sollte das Kochen ohne Salzzusatz erfolgen und auch bei Tisch darf nicht nachgesalzen werden. Da viele Fertiggerichte und Konserven größere Mengen Salz enthalten, sind sie vom Speiseplan zu streichen und durch frisch zubereitete Speisen zu ersetzen. Brot, Back- und Wurstwaren und auch Käse sollten in geringerem Maße verzehrt werden. Natriumarme Produkte, die im Handel sind, können eine Alternative darstellen. Sie enthalten statt des Natriums Kaliumsalz. Einen erheblichen Salzgehalt haben auch einige Mineralwässer. Sie sollten maximal 150 mg Natrium pro Liter enthalten.

 

Da eine natriumarme Kost mit 3 g Kochsalz am Tag schwer einzuhalten ist, auch geschmacklich nicht akzeptiert wird und häufig nur stationär eingesetzt wird, kann die Salzmenge bei einer ambulanten Behandlung (natriumreduzierte Kost) verdoppelt werden. Diese 6 g Kochsalz am Tag entsprechen dabei den DGE-Empfehlungen.

 

Eine Einschränkung der Flüssigkeitsversorgung wird bei einer Aszites und bei Ödemen unterschiedlich bewertet. Wenn das Natrium im Serum unter 130 mmol/l sinkt (Verdünnungshyponatriämie), sollten täglich nur noch 750 bis 1000 ml Flüssigkeit aufgenommen werden. Diese geringe Trinkmenge erfordert aber sehr viel Durchhaltevermögen des Patienten. Deshalb sollten auch nur Getränke ausgewählt werden, die den Durst gut löschen. Ungeeignet sind Milch, süße Limonaden oder Tees und natriumreiche Mineralwässer.

 

Eine andere Komplikation sind Ösophagusvarizen, die einreißen und zu gefährlichen Blutungen führen können. Deshalb sollte die Nahrung bei solchen Patienten nicht zu grob oder scharfkantig sein, wie bei Zwieback, Knäckebrot, Bratkartoffeln, Chips oder grobem Gemüse. Die Mahlzeit sollte immer zerkleinert und gut gekaut, gegebenenfalls püriert werden.

 

Mehrere kleine Mahlzeiten am Tag sind dabei günstiger als drei große am Tag, da sich nach einer großen Mahlzeit die Durchblutung des Darms erhöht und sich damit auch der Druck auf die Ösophagusvarizen verstärkt.

 

Gutes und schlechtes Eiweiß

 

Besondere Anforderungen an die Ernährung stellt eine hepatische Enzephalopathie (Hirnfunktionsstörung). Durch das mangelnde Entgiftungsvermögen der Leber wird die Gehirnfunktion beeinträchtigt, was sich in Desorientierung, Gangunsicherheit und Tremor äußert.

 

Eiweiße spielen dabei eine ganz entscheidende Rolle. Zirrhose-Patienten haben einen Mangel an verzweigtkettigen Aminosäuren im Blut. Diese sind in Milch- und Milchprodukten und pflanzlichem Eiweiß enthalten und haben einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf, da sie in den Muskelzellen unabhängig von der Leber abgebaut werden.

 

Anders sieht es bei den aromatischen Aminosäuren aus. Sie sind in großer Konzentration im Blut enthalten, werden in der Leber abgebaut und wirken schädlich auf das Gehirn. Sie sind in Bluteiweiß, Fleisch, Wurst, Fisch und Ei enthalten. Da es sehr schwierig ist, gezielt die verzweigtkettigen Aminosäuren zuzuführen, gibt es Eiweißpräparate, die diese Mischung enthalten. Sie müssen ärztlich verordnet werden.

 

Der schlimmste Fall, der bei einer hepatischen Enzephalopathie auftreten kann, ist das Coma hepaticum (Leberkoma), bei dem eine entsprechende parenterale Ernährung zum Einsatz kommt.


Serie Ernährung

Dieser Artikel ist Teil der Serie Ernährung. Die nächste Folge zum Thema »Ernährung und Krebs« erscheint in PZ 42 und ist bereits am Montag, dem 12. Oktober, online verfügbar unter »Zum Thema«.


Literatur

Biesalski, H.-K., Ernährungsmedizin, Thieme Verlag (2004)
Kasper, H., Ernährungsmedizin und Diätetik (Elsevier, Urban und Fischer, 2009)

Buch-Empfehlungen

Unsere Autorinnen und Autoren haben eine Literaturliste mit empfehlenswerten Büchern zum Thema Ernährung zusammengestellt:

 

Ernährung allgemein

Hans-Konrad Biesalski u. a., Ernährungsmedizin (2004), Thieme Verlag
Hans-Konrad Biesalski und Peter Grimm, Taschenatlas der Ernährung (2007), Thieme Verlag

 

Kalorien/Vitamine

DGE, Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (2008), Umschau Verlag
Ibrahim Elmadfa u. a., Die große GU Nährwert-Kalorien-Tabelle 2008/2009, Gräfe und Unzer Verlag (2008)
Nestlé Deutschland, Kalorien mundgerecht (2006), Umschau Verlag
Karl-Heinz Bässler u. a., Vitamin-Lexikon (2007), Komet-Verlag

 

Gewichtsreduktion

Alfred Wirth, Adipositas: Ätiologie, Folgekrankheiten, Diagnostik, Therapie, Springer-Verlag Berlin (2007)
Martin Wabitsch und andere, Adipositas bei Kindern und Jugendlichen: Grundlagen und Klinik (2004), Springer-Verlag
Joachim Westenhöfer, Abnehmen ab 50 (2005), Govi-Verlag
Tanja Schweig, Abnehmen und schlank bleiben (2002), Govi-Verlag

 

Diabetes mellitus

A. Liebl und E. Martin, Diabetes mellitus Typ 2 (2005), Govi-Verlag
J. Petersen-Lehmann, Diabetes heute, mehr Sicherheit und Freiheit (2003), Govi-Verlag
J. Petersen-Lehmann, Diabetes-Wissen von A bis Z (2006), Govi-Verlag
Arthur Teuscher, Gut leben mit Diabetes Typ 2 (2006), Trias Verlag
Eberhard Standl, Hellmut Mehnert, Das große Trias-Handbuch für Diabetiker (2005), Trias Verlag
Annette Bopp, Diabetes, Stiftung Warentest (2001)

 

Allergien/Intoleranzen

Andrea Betz-Hiller, Zöliakie. Mehr wissen, besser verstehen (2006), Trias Verlag
Thilo Schleip, Fructose-Intoleranz (2007), Trias Verlag
Thilo Schleip, Lactose-Intoleranz (2005), Ehrenwirth Verlag

 

Cholesterin

C. Eckert-Lill, Kampf dem Cholesterin (2003), Govi-Verlag

 

Hypertonie

M. Conradt, Blutdruck senken, der richtige Weg (2004), Govi-Verlag

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.govi.de.



Links zum Thema Ernährung


Weitere Themen im Ressort Medizin...

Beitrag erschienen in Ausgabe 40/2009

 

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