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Vorhautverengung: Kein Grund zu übereilten Eingriffen

MEDIZIN

 
Vorhautverengung

Kein Grund zu übereilten Eingriffen

Von Christina Hohmann

 

Fast alle Jungen kommen mit einer natürlichen Vorhautverengung zur Welt, die in den ersten Jahren von selbst verschwindet. Eine Behandlung ist nur dann nötig, wenn Probleme auftreten oder die Phimose bis zur Pubertät noch besteht.

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Elternratgeber enthalten viele Tipps zur Nabelpflege bei Neugeborenen, zum Baden, Eincremen und Ohrensäubern. Über die Intimhygiene bei kleinen Jungen ist aber kaum etwas zu lesen. Dabei sind gerade Mütter oft unsicher, wie der Penis des Sohnes richtig zu pflegen ist. Wie sollte er gewaschen werden? Ab wann lässt sich die Vorhaut zurückziehen?

 

Im Säuglings- und Kleinkindalter ist bei den meisten Jungen die Vorhaut noch zu eng, um sie zurückschieben zu können. Etwa 95 Prozent der Jungen kommen mit einer sogenannten natürlichen Vorhautverengung (Phimose) zur Welt. Diese Engstellung schützt die empfindliche Eichel und die Harnröhre vor Keimen und irritierenden Substanzen. Mit der Zeit löst sich die Verklebung und die Vorhaut dehnt sich von selbst. Im Alter von zwei Jahren lässt sie sich bei der Hälfte und mit drei Jahren bei fast 80 Prozent der Jungen zurückziehen. Ein gewaltsames Zurückziehen zur Übung oder zur Reinigung ist unnötig und sogar schädlich. Es können sich nämlich kleine Verletzungen und Narben an der Vorhaut bilden, die zu einer Verengung führen können.

 

Solange die Vorhaut sich nicht zurückschieben lässt, reicht es aus, den Penis von außen mit Wasser zu waschen. Es ist nicht ratsam, die Vorhaut innen mithilfe von Wattestäbchen oder Ähnlichem reinigen zu wollen. Wenn das Kind alt genug ist, kann es die Vorhaut beim Baden selbst zurückziehen und sich waschen.

 

Besteht bei Kindern, die drei Jahre oder älter sind, ein Missverhältnis zwischen der Größe der Eichel und der dehnbaren Weite der Vorhautöffnung, sodass sich die Vorhaut nicht oder nur unter Schmerzen über die Eichel zurückziehen lässt, liegt eine Phimose vor. Diese kann angeboren sein. Eine solche primäre Vorhautverengung tritt bei etwa 8 Prozent der Siebenjährigen und einem Prozent der 16- bis 18-Jährigen auf. Bei der erworbenen oder sekundären Phimose ist die Vorhaut zunächst normal weit. Durch wiederkehrende Entzündungen oder gewaltsames Zurückschieben kann es zu einer Vernarbung kommen. Da vernarbtes Gewebe enger ist als gesundes, kann eine Phimose entstehen. Ein Risikofaktor hierfür ist Diabetes mellitus, da Diabetiker ein erhöhtes Infektionsrisiko in der Geschlechtsregion haben.

 

Von einer Phimose zu unterscheiden ist eine Verklebung von Vorhaut und Eichel. Diese löst sich meist während der Entwicklung von selbst. Noch im Jugendalter bestehende Verklebungen können vom Arzt unter lokaler Betäubung mit einer Sonde gelöst werden.

 

Eine Phimose kann unangenehme Folgen haben. Das Zurückziehen ist schmerzhaft, und Erektionen können zu Spannungen und Einrissen führen. Ist die Vorhautöffnung relativ eng, kann sich die Vorhaut beim Wasserlassen aufblähen. Dieses »Ballonieren« ist vergleichsweise harmlos. Wenn jedoch Schmerzen auftreten oder der Urinfluss behindert ist, sollte ein Arzt aufgesucht werden, denn ein Harnverhalt kann auf Dauer Niere und Blase in Mitleidenschaft ziehen.

 

Eine Phimose kann wegen der erschwerten Hygiene auch zu Entzündungen der Eichel (Balanitis) meist in Kombination mit der Entzündung des inneren Vorhautblattes (Balanoposthitis) führen. Die Betroffenen Bereiche sind rot, geschwollen und schmerzen. Zum Teil tritt eitriger Ausfluss auf. Hält die Infektion an, können Fieber, Probleme beim Urinieren oder eine Blutvergiftung hinzukommen. Ursache der Infektion sind Bakterien oder Pilze. Diese siedeln sich auf dem Smegma, den Absonderungen der Eichel- und Vorhautdrüsen, unter der Vorhaut an.

 

Eine ernste Komplikation der Phimose ist die als »Spanischer Kragen« bezeichnete Paraphimose. Diese entsteht, wenn die enge Vorhaut beim Zurückstreifen im Eichelkranz hängenbleibt und einen Schnürring bildet. Sie unterbindet damit den Blutabfluss. Dieser Zustand ist schmerzhaft und gefährlich, da die Eichel anschwillt, schlecht durchblutet wird und sogar absterben kann.

 

Die Paraphimose stellt einen urologischen Notfall dar, der sofort behandelt werden muss. Durch Druck und Massage des Gewebes wird versucht, die Schwellung zu beseitigen, um die Vorhaut wieder in die normale Position zu bringen. Hierfür ist meist eine lokale oder sogar eine allgemeine Betäubung nötig. Hilft die manuelle Kompression nicht, muss wegen der akuten Gefahr der Nekrose der Schnürring eingeschnitten werden. Nach dem Abheilen der Paraphimose ist eine Behandlung der Vorhautverengung sinnvoll, um Rezidive zu vermeiden.

 

Dehnen und Cremen

 

Die Therapie einer Phimose besteht darin, die Enge entweder durch eine Erweiterung oder eine Entfernung der Vorhaut zu beseitigen. Eine Beschneidung ist neuen Erkenntnissen zufolge nur bei Komplikationen nötig. Wenn nur eine Verengung vorliegt, aber keine Symptome auftreten, reicht eine konservative Therapie aus, bei der die Vorhaut vorsichtig durch tägliche Dehnübungen geweitet wird. Unterstützt wird die Therapie durch Eincremen der Eichel mit cortisonhaltigen (zum Beispiel 0,05 Prozent Betamethason) oder hormonhaltigen Salben zweimal täglich. Eine vier- bis sechswöchige Behandlung hat eine Erfolgsquote von etwa 80 Prozent.

 

Schlägt die konservative Therapie nicht an oder treten Symptome wie Harnwegsinfekte, wiederkehrende Balanitis oder eine Paraphimose auf, sollte operiert werden. Die Engstellung kann dann durch minimal-invasive Operationsverfahren, bei denen die Vorhaut erhalten bleibt, behoben werden. Hierbei wird die Vorhaut eingeschnitten und längs vernäht, sodass die Enge beseitigt ist. In seltenen Fällen, vor allem bei starker Narbenphimose durch chronische Entzündungen, ist eine Beschneidung mit vollständiger oder teilweiser Entfernung der Vorhaut nötig. Dies sollte aber Mittel der letzten Wahl und nicht wie noch vor einigen Jahren die Routinebehandlung einer Vorhautverengung sein.

 

Die Komplikationsrate der operativen Therapie liegt der »Leitlinie zur Phimose« von der Deutschen Gesellschaft für Urologie zufolge bei 1,4 bis 3 Prozent. Als Komplikationen können Nachblutungen, Hämatome, Wundinfektionen oder erneute Verengung bei Vorhauterhalt auftreten.

 

Pro und kontra Beschneidung

 

Die männliche Vorhaut ist kein Hautlappen, sondern ein hoch spezialisiertes und sensibles Organ. Sie besteht aus fünf Gewebeschichten, die dicht mit Nervenzellen besetzt sind. Dieser normale Bestandteil des äußeren Geschlechts sollte nicht grundlos entfernt werden, argumentieren Beschneidungsgegner. Die Vorhaut gehöre zur Eichel wie das Lid zum Auge und erfülle spezielle Funktionen beim Fortpflanzungsprozess. Sie ermögliche einen speziellen Gleitmechanismus beim Geschlechtsverkehr, der die Reibung mindere. Bei beschnittenen Männern keratinisiere die Eichel, was zu einer verminderten Sensibilität führen könne.

 

Befürworter der Beschneidung dagegen argumentieren, dass die Zirkumzision die Rate frühkindlicher Harnwegsinfektionen, die Übertragung von Geschlechtskrankheiten und das Risiko für Peniskrebs senke. Diese Argumente sind nach Ansicht der Beschneidungsgegner aber nicht mehr haltbar und rechtfertigten nicht, einen gesunden Körperteil, meist ohne Zustimmung des Patienten, zu entfernen.

 

Auch über den idealen Zeitpunkt einer Operation beim Kind, wenn sie denn nötig ist, gibt es unterschiedliche Ansichten. Derzeit neigen Mediziner eher zu einer abwartenden Haltung. Aktuell empfehlen viele Mediziner eine Operation erst zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr, da viele Phimosen bis dahin noch von selbst verschwinden.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2007

 

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