| Jennifer Evans |
| 18.08.2026 18:00 Uhr |
Lachen wird unterschätzt: Laut einer Studie ist Humor im Alter nicht nur komplexer als gedacht, sondern auch gesundheitlich bedeutsam. / © Adobe Stock/Yakobchuk Olena
Ältere Menschen verlieren durch kognitiven Verfall nicht ihren Sinn für Humor – sie haben nur kaum noch Gelegenheiten, ihn zu zeigen, zu teilen und zu genießen. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie der walisischen Universität Aberystwyth gekommen, die auf 20 ausführlichen Interviews mit Senioren und Seniorinnen ab einem Alter von 60 Jahren basiert. Während er für viele ein zentraler Bestandteil des Lebens war, nahmen ihn andere dagegen als Unbehagen wahr, wie im Fachjournal »Cogent Gerontology« veröffentlichten Ergebnisse zeigen.
Viele der Befragten beschrieben Humor als emotionale Stütze im Alltag, besonders angesichts von Einsamkeit, körperlichen Einschränkungen oder dem Verlust nahestehender Menschen. Ein 72-Jähriger formulierte es so: »Wenn ich nicht über mich selbst lachen würde, müsste ich weinen.« Humor erscheint weniger als Ausdruck von Leichtigkeit, sondern als Werkzeug, um Belastungen zu verarbeiten. Frühere Untersuchungen haben beispielsweise schon gezeigt, dass Humor die Schmerztoleranz erhöht.
Gleichzeitig zeigt die Analyse, dass Humor im Alter stark von sozialen Kontexten abhängt, er quasi als gemeinsames Erlebnis verstanden wird. Wer allein lebt, lacht seltener – nicht, weil er nicht könnte, sondern weil ihm dafür die sozialen Räume fehlten, heißt es. Ein 75-Jähriger sagte: »Sobald ich jemanden treffe, kommt der Humor im Umgang mit anderen Menschen zum Vorschein. Nicht, wenn ich alleine bin.«
Dabei kommt dem Autorenteam zufolge etwa die sozio-emotionale Selektivitätstheorie zum Tragen. Sie besagt, dass Menschen mit begrenzter Zukunftsperspektive, wie etwa im höheren Alter, sich häufig auf wenige, vertraute Beziehungen konzentrieren. Viele gaben sogar an, kontaktfreudiger zu sein und ihren Humor weniger zu unterdrücken als noch in der Jugend. Humor wird praktisch zu einem Kriterium dafür, mit wem man gerne Zeit verbringt.
Ein weiteres Thema ist die Verschiebung dessen, was bei jüngeren Generationen als gesellschaftlich akzeptabler Humor gilt. Viele Teilnehmende berichteten, dass sie sich in Gegenwart Fremder stärker zensieren – aus Angst, jemanden zu verletzen. Humoristische Äußerungen haben demnach das Spielerische verloren. Ein 62-jähriger Mann erzählte: »Wenn es jemand ist, den man nicht kennt, könnte man [Humor] nutzen, um das Eis zu brechen – aber da sind diese sozialen Barrieren. Man kennt sie nicht, also will man es nicht wirklich übertreiben.« Diese Unsicherheit, so die Forschenden, könnte erklären, warum Menschen mit zunehmendem Alter seltener Witze wagen.
Altersbezogene Witze nehmen die Befragten mit gemischten Gefühlen wahr. Frauen empfanden die Stereotype häufiger als verletzend oder beleidigend, Männer stuften sie eher als harmlos oder missverstanden ein, waren sich der negativen Aspekte weniger bewusst. Entscheidend war demnach auch die Vertrautheit – während derselbe Witz unter Freunden nachvollziehbar und lustig wirkt, kann er von Fremden abwertend rüberkommen.
Wer altersdiskriminierende Sprüche nicht auf die leichte Schulter nahm, bei dem hatte Humor negative Auswirkungen, rief etwa Schuldgefühle oder vermindertes Selbstvertrauen hervor. Die Studie nennt als mögliche Erklärung, dass Humor von der sozialen Identität der Zielperson abhängt. Auf jeden Fall entscheide die Vertrautheit darüber, ob der Humor als höflich oder unhöflich wahrgenommen werde, heißt es.
Bemerkenswert ist laut den Forschenden die Vielfalt der Humorstile, die ältere Erwachsene schätzen. Demnach lieben viele positive, situationsbezogene Komik und trockene Witze; aggressive oder obszöne Formen, insbesondere gegen eine einzelne Person, lehnen sie tendenziell eher ab. Dennoch nutzen viele selbstironischen oder schwarzen Humor, um schwierige Situationen und Gespräche zu meistern.
Diese Beobachtung widerspricht den Studienautorinnen und -autoren zufolge teilweise bisheriger Forschung und deutet darauf hin, dass dunkler bis hin zu schwarzem Humor im Alter als adaptive kognitive Neubewertungsstrategie dienen kann. Eine Regulationsstrategie, die Akzeptanz oder die Suche nach sozialer Unterstützung signalisiert.
Besonders klar zeigt sich der Zusammenhang zwischen Humor und Wohlbefinden. Personen mit hohen WEMWBS-Werten (Warwick-Edinburgh Mental Well-Being Scale) nutzten ihn prosozial, sprich: zur Stimmungsaufhellung, zur Beziehungspflege oder zur Entlastung. In der Vergangenheit stand er mit weniger Angstzuständen und Depressionen in Verbindung.
Menschen mit niedrigen Wohlbefindenswerten hingegen beschrieben ihn als Abwehrmechanismus, um zugrunde liegende Gefühle zu verbergen. So sagte eine 62-Jährige: »Ich nutze Humor als Maske.« Dieser sogenannte defensive Humor ging mit stärkerer Sensibilität für negative Aspekte und niedrigeren Wohlbefindenswerten einher. »Sich auf Humor als Abwehrmechanismus zu verlassen, könnte Menschen daran hindern, emotionale Bedürfnisse anzugehen und positive soziale Bindungen zu pflegen«, warnen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Seniorinnen und Senioren dagegen, die Humor positiver einsetzten – beispielsweise zur Verbesserung ihrer sozialen Beziehungen oder zur Stimmungsaufhellung –, wiesen tendenziell ein höheres Wohlbefinden auf. Humor könnte damit ein potenzieller Indikator für psychische Gesundheit im Alter sein, heißt es.
Die Forschenden weisen zuletzt auf die grundlegende Unterscheidung zwischen Humor und Lachen hin, die unabhängig voneinander auftreten können. Jedes davon könne unterschiedliche biologische, psychologische, soziale, umweltbezogene und verhaltensbezogene Auswirkungen haben. Doch in alltäglichen Erfahrungen seien sie meist vermischt – so auch bei den Teilnehmenden.
Die Studie kommt zu dem Schluss: Humor ist für ältere Erwachsene ein sozialer Katalysator, ein Bewältigungsinstrument und ein Spiegel ihrer emotionalen Lage. Geschlecht, Kultur, Vertrautheit und gesellschaftliche Normen prägen, wie er erlebt und eingesetzt wird. Die Ergebnisse legen nahe, Humor künftig stärker als Marker für Wohlbefinden zu erforschen – und als Möglichkeit, die soziale Verbundenheit stärkt und die psychische Gesundheit fördert.