| Melanie Höhn |
| 13.10.2026 13:25 Uhr |
Da viele erfahrene HIV-Behandlerinnen und -Behandler vor dem Ruhestand stehen, drohen insbesondere regionale Versorgungslücken in den ländlichen Gegenden. / © Getty Images/dragana991
Die geplanten Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen könnten die HIV-Versorgung in Deutschland spürbar verändern, wie heute bei einer Online-Veranstaltung des Pharmaunternehmens ViiV Healthcare deutlich wurde. Dorian Dumit, Geschäftsführer der Deutschen Arbeitsgemeinschaft ambulant tätiger Ärztinnen und Ärzte für Infektionskrankheiten und HIV-Medizin (DAGNÄ), beleuchtete die Versorgungssicherheit aus ärztlicher und struktureller Perspektive.
Aktuelle Auswertungen von Abrechnungsdaten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für den Zeitraum von 2015 bis 2025 würden zeigen, dass die Zahl der Menschen mit HIV-Diagnose in der GKV innerhalb von zehn Jahren um 33,1 Prozent angestiegen sei. In der spezialisierten ambulanten Schwerpunktversorgung sei der Anstieg mit 39 Prozent noch deutlicher ausgefallen: 2025 seien dort rund 72.000 Menschen mit HIV-Diagnose versorgt worden. Da bislang keine heilende HIV-Therapie zur Verfügung stehe, rechnet Dumit damit, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Auch die Nutzung der HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) nehme stark zu: Allein 2024 und 2025 sei die Zahl der Nutzenden zusammengenommen und um 42 Prozent angestiegen.
Die Nachfrage wachse schneller als die Versorgungsstruktur, so Dumit. Da viele erfahrene HIV-Behandlerinnen und -Behandler vor dem Ruhestand stehen, drohten insbesondere regionale Versorgungslücken in den ländlichen Gegenden. Zugleich steige die Zahl der Menschen mit HIV, die aufgrund ihrer lebenslangen Infektion und zunehmender Begleiterkrankungen dauerhaft und teilweise intensiver medizinisch betreut werden müssen. Diese müssten in Zukunft auch weitere Wege zurücklegen, weil sich die Versorgung aufgrund der ländlichen Versorgungslücken eher auf die Großstädte konzentriere. Durch Komorbiditäten der HIV-Patientinnen und Patienten werde die Behandlung in Zukunft darüber hinaus auch komplexer.
Zugleich warnte Dumit vor den Folgen veränderter finanzieller Rahmenbedingungen durch das geplante GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, insbesondere der Umstellung von einer mengenunabhängigen auf eine budgetierte Vergütung von HIV-Leistungen. Aus seiner Sicht müssen die bestehenden Versorgungsstrukturen deshalb frühzeitig gesichert und an den steigenden Bedarf angepasst werden, damit auch künftig eine flächendeckende, qualitativ hochwertige und verlässliche HIV-Behandlung gewährleistet werden könne.
Siegfried Schwarze, langjähriger HIV-Aktivist und Vertreter der Community, beschrieb in seinem Vortrag »Die Angst geht um« die wachsende Verunsicherung von Menschen mit HIV hinsichtlich ihrer zukünftigen medizinischen Versorgung. Obwohl die HIV-Behandlung in Deutschland derzeit überwiegend gut funktioniere, werde es zunehmend schwieriger, zeitnah Termine bei spezialisierten Ärztinnen und Ärzten zu erhalten.
Besonders in ländlichen Regionen drohen Versorgungslücken, so Schwarze. Gleichzeitig würden die Wartezeiten steigen, während die Zeit für individuelle Beratung und Gespräche über moderne Therapieoptionen knapper werde. Schwarze warnte davor, dass die geplanten gesundheitspolitischen Einsparungen und die Einführung einer budgetierten Vergütung den Zugang zur Versorgung zusätzlich erschweren könnten. Auch die Verfügbarkeit innovativer Medikamente sieht er gefährdet, wenn Hersteller aufgrund der bestehenden Preis- und Bewertungsmechanismen auf eine Markteinführung in Deutschland verzichten.
Hinzu kommen laut Schwarze mögliche Lieferengpässe bei Arzneimitteln sowie die finanzielle Unsicherheit von Aidshilfen und Präventionsangeboten. »Sobald es sich herumspricht, dass es bei einem Präparat wahrscheinlich Lieferengpässe geben wird, gibt es Hamsterkäufe von Großhändlern, von einzelnen Apotheken und von Anwendern. Das verstärkt natürlich den Mangel auch noch«, sagte er.
Besonders kritisch bewertet der Experte die mögliche Einschränkung der PrEP, die wesentlich zur Verhinderung von Neuinfektionen beitrage. Er forderte deshalb den Erhalt einer flächendeckenden, spezialisierten Versorgung, den Ausbau telemedizinischer Angebote, eine gezielte Nachwuchsförderung und einen gesicherten Zugang zu Innovationen. Sein Fazit: »Versorgungssicherheit ist mehr als der Zugang zu Medikamenten. Versorgungssicherheit ist Therapiekontinuität, Wahlmöglichkeiten und eine spezialisierte Versorgungsstruktur für Menschen, die mit HIV leben.«