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Metaanalyse
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Hirnaneurysmen häufiger als gedacht

Hirnaneurysmen sind Aussackungen von Blutgefäßen im Gehirn. Ihre Zahl hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt, zeigt eine aktuelle Metaanalyse. Wer hat ein hohes Risiko und was bedeutet die Diagnose Hirnaneurysma?
AutorKontaktChristina Hohmann-Jeddi
Datum 11.09.2026  16:20 Uhr

Bei Hirnaneurysmen handelt es sich um Aussackungen der Hirnarterien, die im Laufe des Lebens entstehen können und sich nicht wieder zurückbilden. Am häufigsten bilden sie sich am Arterienring des Gehirns, dem Circulus arteriosus cerebri. In der Regel machen sie keine Beschwerden und werden zufällig in der Bildgebung entdeckt. Drücken sie auf einen Nerv, kann es etwa zu Sehstörungen, Lähmungen der Augenmuskulatur oder zu Kopfschmerzen führen.

Gefährlich wird ein Aneurysma allerdings, wenn es reißt. Bei einer Ruptur kommt es zu einer aneurysmatischen Subarachnoidalblutung, einer schweren Hirnblutung, die fast bei einem Drittel der Betroffenen tödlich verläuft. Besonders häufig tritt sie bei jüngeren Erwachsenen (um 50 Jahre) auf.

Ein deutsches Forschungsteam um Dr. Judith Dremel von der Universitätsmedizin Mannheim hat nun eine Metaanalyse zur Häufigkeit und Gefährlichkeit von Hirnaneursymen im Fachjournal »The Lancet Neurology« veröffentlicht (DOI: 10.1016/S1474-4422(26)00276-0). Eingeschlossen waren 162 Studien aus sieben Jahrzehnten mit insgesamt 316.131 untersuchten Personen, darunter 11.822 mit einem unrupturierten Hirnaneurysma.

Starker Anstieg der Häufigkeit

Das zentrale Ergebnis: Bei gesunden Erwachsenen hat sich die Häufigkeit der mit moderner Bildgebung entdeckten Hirnaneurysmen innerhalb der letzten 20 Jahre mehr als verdoppelt. Waren in den Jahren 2002 bis 2015 noch 2,9 Prozent der erwachsenen Bevölkerung betroffen, stieg dieser Anteil zuletzt auf 6,6 Prozent in den Jahren 2016 bis 2022. Damit sei heute einer von 15 gesunden Erwachsenen Träger eines Hirnaneurysmas, informiert die Universitätsmedizin Mannheim in einer Pressemitteilung.

Die Analyse zeigt auch, wer ein erhöhtes Risiko für ein Hirnaneurysma hat. Ein Risikofaktor ist dabei das weibliche Geschlecht: Frauen sind nahezu doppelt so häufig betroffen wie Männer. Deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung kommen die Aussackungen bei Menschen mit autosomal-dominanter polyzystischer Nierenerkrankung vor (12,8 Prozent), bei Personen mit einer Subarachnoidalblutung oder einem Aneurysma in der Familie (7,9 Prozent) oder bei Betroffenen mit genetischen Bindegewebserkrankungen wie dem Marfan- oder Ehlers-Danlos-Syndrom (10,3 Prozent).

Auch der Lebensstil und Grunderkrankungen beeinflussen das Risiko. Der Analyse zufolge erhöht aktives Rauchen das Risiko um den Faktor 1,4 und Bluthochdruck um den Faktor 1,6. In den genannten Risikogruppen sind gezielte Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll. Zudem lässt sich das Risiko für Hirnaneurysmen und deren Ruptur durch Rauchstopp und Einstellung des Blutdrucks senken.

Die Gründe für den Anstieg

Dass die Häufigkeit der Hirnaneurysmen so stark gestiegen ist, kann den Autoren zufolge auf eine bessere oder häufigere Anwendung der Bildgebung und auf die Alterung der Bevölkerung zurückgehen. Die Verdopplung in den vergangenen Jahren lasse sich aber nur zum Teil durch diese beiden Faktoren erklären, heißt es von den Experten.

Dagegen, dass allein durch sensitivere Bildgebungsverfahren mehr Aneurysmen gefunden werden, spreche, dass im selben Zeitraum nicht nur mehr kleine, sondern auch mehr größere Aneurysmen ab 5 mm entdeckt wurden. Auch die demografische Entwicklung trage nur zum Teil zum Anstieg der Zahlen bei, da eine Zunahme auch dann in der Analyse bestehen blieb, wenn das Alter statistisch herausgerechnet wurde.

Da zudem die bekannten Risikofaktoren in der Bevölkerung stetig abnähmen, müssten »weitere, bislang unbekannte Einflüsse eine Rolle spielen – Umweltfaktoren beispielsweise«, sagt Professor Dr. Gabriel J. E. Rinkel, Mitautor der Studie, in der Mitteilung. »Diese unklaren Faktoren zu identifizieren, gehört zu den drängendsten offenen Fragen der nächsten Jahre.«

Nur jedes 1000. Aneurysma reißt

Zusammen mit den Risikofaktoren hat in den vergangenen Jahrzehnten auch die Zahl der Subarachnoidalblutungen abgenommen. Das hatte die Arbeitsgruppe um Rinkel und Seniorautor Professor Dr. Nima Etminan bereits in einer früheren Untersuchung festgestellt. Wie das Team 2019 im Fachjournal »JAMA Neurology«  berichtete, gingen die Hirnblutungen durch geplatzte Aneurysmen weltweit über drei Jahrzehnte um rund 40 Prozent zurück.

Die Zahl der Hirnaneurysmen steigt also, während die Zahl der Rupturen sinkt. Das bedeutet, dass das Risiko für ein Platzen des Aneurysmas zurückgeht. Wie die Experten in der Mitteilung betonen, platzt nur etwa eines von 1000 Aneurysmen pro Jahr.

Häufig kann daher ein Hirnaneurysma ausschließlich beobachtet – also regelmäßig kontrolliert – werden. Bei einem erhöhten Rupturrisiko lässt sich ein Hirnaneurysma auch vorsorglich operativ entfernen. Ein erhöhtes Risiko besteht etwa bei großen und schnell wachsenden Aneurysmen, bei einer unregelmäßigen Form, was auf eine instabile Gefäßwand hindeutet, bei Hypertonie, Rauchen, regelmäßigem Alkoholkonsum, einer familiären Vorbelastung oder vorausgegangenen Blutungen.

Clipping und Coiling als Therapie

Zur Entfernung der Hirnaneurysmen werden vor allem zwei Verfahren eingesetzt: das Clipping und das Coiling. Beim Clipping öffnen Neurochirurgen den Schädel, legen das Aneurysma frei und klemmen es mit einem kleinen Metall-Clip vom Blutgefäß ab. Der Clip verbleibt im Kopf. Für die Operation ist eine Vollnarkose nötig und das Verfahren birgt auch Risiken. So kann der Eingriff selbst Blutungen und Schlaganfälle auslösen oder zu Nervenverletzungen und damit zu Sprach-, Seh- oder Gefühlsstörungen sowie Lähmungen führen.

Bei schlecht zugänglichen Aneurysmen wird das endovaskuläre Coiling eingesetzt. Dabei führen die Behandler ein Endoskop über die Arm- oder Leistenvene ein, schieben es bis zum betroffenen Gefäß im Gehirn vor und platzieren eine kleine Platinspirale im Aneurysma. Diese soll das Blut im Innern zum Gerinnen bringen und somit verhindern, dass weiter Blut hereinfließen kann. Weil das nicht immer vollständig gelingt, muss die operierte Stelle lebenslang regelmäßig nachkontrolliert werden. Das Coiling ist für den Patienten zwar weniger belastend als das Clipping, aber auch nicht risikofrei: Blutgefäße können verletzt werden und es kann zu Blutungen und Schlaganfällen sowie Hirnschäden kommen.

Beratung in spezialisierten Zentren

Insgesamt hätten Patienten ein Risiko von etwa 2 bis 3 Prozent, durch einen solchen Eingriff einen Schlaganfall zu erleiden oder zu versterben – während das jährliche Rupturrisiko eines unbehandelten Aneurysmas etwa 1 Promille betrage, betonen die Autoren. »Unsere Daten belegen, dass ein zufällig entdecktes Aneurysma heute im Mittel weniger gefährlich ist als noch vor 20 Jahren. Für die allermeisten Betroffenen ist die richtige Antwort deshalb kein präventiver Eingriff, sondern eine sorgfältige Einschätzung des individuellen Risikos und eine verlässliche Überwachung der Risikofaktoren mit bildgebenden Kontrollen über die Zeit«, erklärt Etminan. Spezialisierte Kliniken wie etwa das Zentrum für Hirnaneurysmen in Mannheim sind für Betroffene gute Anlaufstellen.

In Zukunft könnten auch nicht invasive Therapien zur Verfügung stehen, denn an der Entwicklung von medikamentösen Ansätzen wird intensiv geforscht. So untersucht zum Beispiel die Universitätsmedizin Mannheim in Kooperation mit niederländischen Kollegen in der Phase-III-Studie PROTECT-U, ob die Gabe von 100 mg Acetylsalicylsäure (ASS) täglich plus intensive Blutdruckeinstellung das Rupturrisiko besser senkt als die Blutdruckeinstellung allein.

Auch Atorvastatin in der Dosierung 20 mg/Tag wurde in einer kleinen klinischen Studie schon eingesetzt, um die Inflammation in der Gefäßwand zu reduzieren. Erste klinische Studien liefen zudem bereits zum Einsatz von Dimethylfumarat, Betablockern und Methotrexat.

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