| Theo Dingermann |
| 04.12.2025 14:30 Uhr |
Eine Impfung gegen Gürtelrose ist in Deutschland für alle Menschen ab 60 Jahren empfohlen. / © Adobe Stock/Alexey Novikov
Herpesviren, zu denen auch der Erreger der Windpocken und der Gürtelrose (Varizella-Zoster-Virus) gehört, könnten an der Entwicklung von Demenz beteiligt sein. Für diesen Befund gibt es zwischenzeitlich robuste Evidenz. So weisen zwei unabhängige Datensätze aus unterschiedlichen Teilen der Welt – nämlich aus Wales und aus Australien – mittlerweile darauf hin, dass eine Impfung gegen die Gürtelrose das Risiko für eine Demenz senkt.
Jetzt hat ein internationales Forschungsteam um Dr. Min Xie vom Uniklinikum Heidelberg und der Stanford University in Kalifornien die verfügbaren Daten aus Wales weiter ausgewertet und die Ergebnisse im Fachjournal »Cell« veröffentlicht. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, wie sich eine Herpes-zoster-(HZ-)Impfung auf die klinische Entwicklung von Demenzerkrankungen in unterschiedlichen Stadien auswirkt.
Die Studie nutzte das sogenannte natürliche Experiment, das sich aus den strikten geburtsdatumsbasierten Berechtigungskriterien für das HZ-Impfprogramm des britischen NHS ergibt. Personen, die ihr 80. Lebensjahr kurz nach dem Stichtag 2. September 2013 erreichten, waren für ein Jahr impfberechtigt, während solche mit Geburtstag kurz vor dem 2. September 1933 dauerhaft ausgeschlossen blieben. Diese minimale Altersdifferenz bei gleichzeitig massiver Differenz der Impfquoten (45,9 Prozentpunkte bei kognitiv gesunden Personen) ermöglicht ein quasirandomisiertes Studiendesign.
Damit werden zentrale Confounder ausgeschlossen, die klassischerweise Beobachtungsstudien belasten, zum Beispiel der »Healthy Vaccinee Bias«, worunter man eine systematische Verzerrung in Beobachtungsstudien zur Impfwirksamkeit versteht, weil geimpfte Personen im Durchschnitt gesünder oder gesundheitsbewusster sind als ungeimpfte Personen.
Auf Basis von Routinedaten wurden zwei Kohorten analysiert: erstens 282.557 Personen ohne vorherige kognitive Einschränkungen zur Untersuchung von Neudiagnosen einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (Mild Cognitive Impairment, MCI) und zweitens 14.350 bereits demenzkranke Personen zur Analyse der demenzbedingten Mortalität.
Im Verlauf von neun Jahren zeigte sich ein signifikanter protektiver Effekt der Impfung: Unter denjenigen, die Anspruch auf die Impfung hatten, lag das Risiko einer MCI-Diagnose um 1,5 Prozentpunkte unter dem der nahezu Gleichaltrigen, die nicht anspruchsberechtigt waren. Wurden in die Berechnung nur diejenigen einbezogen, die sich tatsächlich impfen ließen, war der Effekt sogar doppelt so groß (3,1 Prozentpunkte).
Bei demenzkranken Personen reduzierte die Impfberechtigung die demenzbedingte Mortalität um 8,5 Prozentpunkte. Skaliert auf die tatsächlich Geimpften entsprach dies einer Reduktion um 29,5 Prozentpunkte. Sämtliche Sensitivitätsanalysen bestätigten die Robustheit dieser Ergebnisse.