Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Neue Daten
-
Gürtelrose-Impfung kann Alzheimer-Progression bremsen

Inzwischen ist gut belegt, dass eine Impfung gegen Gürtelrose vor einer Demenzerkrankung schützt. Aktuelle Daten zeigen, dass die Impfung auch den Krankheitsverlauf bei bestehender Alzheimer-Demenz in verschiedenen Stadien teils drastisch verlangsamt.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 04.12.2025  14:30 Uhr

Herpesviren, zu denen auch der Erreger der Windpocken und der Gürtelrose (Varizella-Zoster-Virus) gehört, könnten an der Entwicklung von Demenz beteiligt sein. Für diesen Befund gibt es zwischenzeitlich robuste Evidenz. So weisen zwei unabhängige Datensätze aus unterschiedlichen Teilen der Welt – nämlich aus Wales und aus Australien – mittlerweile darauf hin, dass eine Impfung gegen die Gürtelrose das Risiko für eine Demenz senkt.

Jetzt hat ein internationales Forschungsteam um Dr. Min Xie vom Uniklinikum Heidelberg und der Stanford University in Kalifornien die verfügbaren Daten aus Wales weiter ausgewertet und die Ergebnisse im Fachjournal »Cell« veröffentlicht. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, wie sich eine Herpes-zoster-(HZ-)Impfung auf die klinische Entwicklung von Demenzerkrankungen in unterschiedlichen Stadien auswirkt.

Die Studie nutzte das sogenannte natürliche Experiment, das sich aus den strikten geburtsdatumsbasierten Berechtigungskriterien für das HZ-Impfprogramm des britischen NHS ergibt. Personen, die ihr 80. Lebensjahr kurz nach dem Stichtag 2. September 2013 erreichten, waren für ein Jahr impfberechtigt, während solche mit Geburtstag kurz vor dem 2. September 1933 dauerhaft ausgeschlossen blieben. Diese minimale Altersdifferenz bei gleichzeitig massiver Differenz der Impfquoten (45,9 Prozentpunkte bei kognitiv gesunden Personen) ermöglicht ein quasirandomisiertes Studiendesign.

Damit werden zentrale Confounder ausgeschlossen, die klassischerweise Beobachtungsstudien belasten, zum Beispiel der »Healthy Vaccinee Bias«, worunter man eine systematische Verzerrung in Beobachtungsstudien zur Impfwirksamkeit versteht, weil geimpfte Personen im Durchschnitt gesünder oder gesundheitsbewusster sind als ungeimpfte Personen.

Auf Basis von Routinedaten wurden zwei Kohorten analysiert: erstens 282.557 Personen ohne vorherige kognitive Einschränkungen zur Untersuchung von Neudiagnosen einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (Mild Cognitive Impairment, MCI) und zweitens 14.350 bereits demenzkranke Personen zur Analyse der demenzbedingten Mortalität.

Im Verlauf von neun Jahren zeigte sich ein signifikanter protektiver Effekt der Impfung: Unter denjenigen, die Anspruch auf die Impfung hatten, lag das Risiko einer MCI-Diagnose um 1,5 Prozentpunkte unter dem der nahezu Gleichaltrigen, die nicht anspruchsberechtigt waren. Wurden in die Berechnung nur diejenigen einbezogen, die sich tatsächlich impfen ließen, war der Effekt sogar doppelt so groß (3,1 Prozentpunkte).

Bei demenzkranken Personen reduzierte die Impfberechtigung die demenzbedingte Mortalität um 8,5 Prozentpunkte. Skaliert auf die tatsächlich Geimpften entsprach dies einer Reduktion um 29,5 Prozentpunkte. Sämtliche Sensitivitätsanalysen bestätigten die Robustheit dieser Ergebnisse.

Frauen profitieren deutlich mehr als Männer

Ein besonders bemerkenswerter Aspekt der Studie betrifft die geschlechtsspezifischen Unterschiede. Es zeigte sich nämlich, dass Frauen deutlich stärker von der Impfung profitierten als Männer. Bei Frauen reduzierte die Impfberechtigung die MCI-Diagnosen um 2,5 und die demenzbedingte Mortalität um 13,9 Prozentpunkte. Bei tatsächlich geimpften Frauen betrugen die Unterschiede sogar 5,1 beziehungsweise 52,3 Prozentpunkte.

Bei Männern waren die Effekte statistisch nicht signifikant. Dieses Muster entspricht früheren Hinweisen, dass immunologische Off-Target-Effekte, insbesondere bei Lebendimpfstoffen, häufig bei Frauen ausgeprägter auftreten.

Mögliche Ursachen des Schutzeffektes 

Die Forschenden diskutieren mehrere denkbare Mechanismen. Zum einen könnten Reaktivierungen des Varizella-Zoster-Virus in den Nervenzellen chronische neuroinflammatorische Prozesse anheizen und dadurch kognitive Degeneration fördern. Zum anderen werden pathogenunabhängige immunologische Mechanismen, etwa eine Modulation der Immunseneszenz, als mögliche Erklärung angeführt.

Aus den Daten ergeben sich keine Hinweise darauf, dass die Effekte durch andere Interventionen oder systematische Unterschiede über die Altersschwelle hinweg verzerrt wurden. Negative Kontrollanalysen bestätigten zudem, dass die beobachteten Effekte spezifisch für kognitive Endpunkte waren.

In ihrer Gesamtheit sprechen die Ergebnisse dafür, dass die HZ-Impfung nicht nur die Inzidenz von Demenz und MCI reduzieren, sondern auch den Krankheitsverlauf bei bereits Erkrankten verlangsamen kann. Damit deutet die Arbeit auf potenziell breite gesundheitsfördernde Effekte von Impfungen im höheren Lebensalter hin, die über den Schutz vor spezifischen Pathogenen hinausgehen könnten.

Mehr von Avoxa