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Die Wearable-Lücke
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Große Verbreitung der Geräte, wenig Effekt 

Wearables und mobile Gesundheitsanwendungen gelten seit Jahren als Hoffnungsträger einer skalierbaren, kostengünstigen kardiovaskulären Versorgung. Doch zwei aktuelle US-Studien zeichnen ein erheblich nüchterneres Bild davon, wie weit der Weg von der Geräteverbreitung bis zur klinischen Wirksamkeit tatsächlich noch ist.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 24.06.2026  15:00 Uhr

Die Hoffnung, dass Wearables und Smartphone-Apps die Prävention und Versorgung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachhaltig verbessern können, erhält durch zwei aktuelle wissenschaftliche Arbeiten neue Nahrung, allerdings mit wichtigen Einschränkungen. Während eine Metaanalyse randomisierter Studien zeigt, dass digitale Interventionen die körperliche Aktivität von Herz-Kreislauf-Patienten messbar steigern können, dokumentiert eine bevölkerungsrepräsentative US-Analyse zugleich erhebliche Defizite bei der langfristigen Nutzung und der Einbindung der generierten Daten in die klinische Versorgung.

Bedingter Nutzen von Wearables für die kardiovaskuläre Gesundheit

Die bislang stärksten Evidenzen für einen unmittelbaren Nutzen von Wearables stammen aus der im Fachblatt »Journal of the American Heart Association« veröffentlichten Metaanalyse von Dr. Ajith Kumar Vemuri und Kollegen von der Pennsylvania State University in Hershey, USA. Die Autoren werteten 14 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 1057 Patienten mit unterschiedlichen kardiovaskulären Erkrankungen aus, darunter koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Schlaganfall. Ziel war die Frage, ob Interventionen, die auf Wearables und Smartphone-Anwendungen basieren, körperliche Aktivität wirksamer fördern als die Standardversorgung.

Die Ergebnisse fallen zumindest ansatzweise positiv aus. Teilnehmer digital unterstützter Programme absolvierten im Durchschnitt 1097 zusätzliche Schritte pro Tag gegenüber Kontrollgruppen und steigerten ihre moderate bis intensive körperliche Aktivität um knapp vier Minuten täglich. Beide Effekte waren statistisch signifikant.

Dagegen zeigten sich keine signifikanten Verbesserungen bei Parametern wie der maximalen Sauerstoffaufnahme oder der zurückgelegten Distanz im Sechs-Minuten-Gehtest. Die Forschenden interpretieren dies als Hinweis darauf, dass digitale Interventionen zwar Verhaltensänderungen fördern können, sich dies jedoch nicht automatisch in messbaren Verbesserungen der körperlichen Leistungsfähigkeit niederschlägt.

Bemerkenswert ist zudem die Analyse der eingesetzten Verhaltensänderungsstrategien. Nahezu alle erfolgreichen Programme basierten auf Selbstmonitoring, Feedbackmechanismen und konkreten Aktivitätszielen. Verhaltenspsychologische Konzepte wie Zielvereinbarungen, Erinnerungsfunktionen, soziale Unterstützung und Gamification wurden häufig eingesetzt. Gleichzeitig kritisieren die Forschenden, dass nur wenige Studien auf etablierte theoretische Modelle der Verhaltensänderung zurückgriffen oder Möglichkeiten boten, die Intervention zu personalisieren. Daraus ergibt sich ein erhebliches Optimierungspotenzial für zukünftige digitale Therapieprogramme.

Die Frage, ob diese positiven Effekte auf die körperliche Aktivität tatsächlich zu besseren klinischen Endpunkten führen, bleibt allerdings offen. Die Metaanalyse liefert keine Evidenz dafür, dass die beobachteten Aktivitätssteigerungen langfristig Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Mortalität reduzieren. 

Kritische Studie aus der Yale-Universität

Während die zuvor beschriebene Metaanalyse die Wirksamkeit digitaler Interventionen untersuchte, beleuchtet die im Fachjournal »JAMA Network Open« publizierte Studie eines Teams um Dr. Aline F. Pedroso von der Yale School of Medicine in New Haven, USA, die tatsächliche Nutzung von Wearables in der US-Bevölkerung. Grundlage waren drei aufeinanderfolgende Erhebungszyklen der national repräsentativen Health Information National Trends Survey (HINTS) aus den Jahren 2020, 2022 und 2024 mit insgesamt 17.395 Teilnehmern. Die Forschenden analysierten sowohl die Verbreitung von Wearables als auch deren regelmäßige Nutzung und die Bereitschaft zur Datenweitergabe an medizinische Fachkräfte.

Die Ergebnisse zeigen zunächst ein deutliches Wachstum der Wearable-Nutzung. Der Anteil der US-Erwachsenen, die ein Gerät zur Gesundheitsüberwachung einsetzen, stieg von 30,2 Prozent im Jahr 2020 auf 41,1 Prozent im Jahr 2024. Ein ähnlicher Trend zeigte sich bei Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen oder entsprechenden Risikofaktoren. Damit haben Wearables inzwischen eine Reichweite erreicht, die sie grundsätzlich zu einem relevanten Instrument für die öffentliche Gesundheit macht.

Die Studie offenbart jedoch eine erhebliche Diskrepanz zwischen Besitz und tatsächlicher Nutzung. Trotz der steigenden Verbreitung verwendete nur etwa die Hälfte der Nutzer ihr Gerät täglich. Dieser Wert verbesserte sich über den Beobachtungszeitraum nicht. Gleichzeitig nahm die Bereitschaft, die gesammelten Gesundheitsdaten mit Ärzten zu teilen, sogar von über 81 Prozent im Jahr 2020 auf rund 73 Prozent im Jahr 2024 ab. Noch gravierender ist, dass die tatsächliche Datenweitergabe auf niedrigem Niveau stagnierte. Selbst 2024 berichteten lediglich rund 19 Prozent der Nutzer, ihre Daten aktiv mit medizinischem Personal geteilt zu haben.

Die Forschenden identifizieren digitale Gesundheitskompetenz als wichtigen Einflussfaktor. Personen mit höherer digitaler Kompetenz nutzten Wearables häufiger, verwendeten sie regelmäßiger und waren eher bereit, Daten weiterzugeben. Interessanterweise führte dies jedoch nicht zu einer höheren tatsächlichen Datenübermittlung an Behandelnde. Daraus schließen die Forschenden, dass die wesentlichen Hürden inzwischen weniger auf Seiten der Patienten als vielmehr innerhalb der Versorgungssysteme liegen könnten. Fehlende Interoperabilität, unzureichende Integration in klinische Workflows und mangelnde Routinen für den Umgang mit patientengenerierten Gesundheitsdaten dürften eine zentrale Rolle spielen.

Wertende Zusammenfassung und Ausblick

Genau diesen Widerspruch greift die journalistische Analyse von Mario Aguilar, Autor bei der News-Plattform »STAT Health Tech« auf. Der Beitrag ordnet die beiden Studien als komplementäre Perspektiven auf dieselbe Entwicklung ein. Einerseits zeigen klinische Studien, dass Wearables das Gesundheitsverhalten positiv beeinflussen können. Andererseits wird deutlich, dass die bloße Verbreitung der Geräte wenig über ihren tatsächlichen Nutzen in der medizinischen Versorgung aussagt.

Aguilar spricht von einer kritischen Lücke zwischen Konsumententechnologie und klinischem Mehrwert. Besitz und Nutzung seien nicht gleichbedeutend mit einer erfolgreichen Integration in die Gesundheitsversorgung.

Insgesamt zeichnen die drei Veröffentlichungen ein differenziertes Bild der aktuellen Entwicklung. Die Evidenz dafür, dass Wearables und Smartphone-Apps körperliche Aktivität bei Herz-Kreislauf-Patienten fördern können, wird zunehmend robuster. Gleichzeitig zeigen Bevölkerungsdaten, dass die Mehrheit der Nutzer die Geräte nicht konsequent verwendet und nur ein kleiner Teil der generierten Daten tatsächlich in medizinische Entscheidungsprozesse einfließt.

Die größte Herausforderung der kommenden Jahre dürfte daher weniger in der technischen Weiterentwicklung der Geräte liegen als vielmehr in der Schaffung interoperabler Versorgungsstrukturen, die patientengenerierte Gesundheitsdaten sinnvoll, effizient und vertrauenswürdig in die klinische Praxis integrieren. Erst wenn dieser Schritt gelingt, könnte sich das Potenzial von Wearables von einem Instrument der Selbstvermessung zu einem festen Bestandteil einer datengetriebenen Herz-Kreislauf-Medizin entwickeln.

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