| Kerstin A. Gräfe |
| 09.02.2026 18:00 Uhr |
Eine Tablette oder Kapsel statt einer Spritze zum Abnehmen: Entsprechende Formulierungen mit Orforglipron und Semaglutid könnten zukünftig verfügbar sein. / © Adobe Stock/simz
An der Entwicklung von effektiven und nebenwirkungsarmen Wirkstoffen zur Behandlung von Adipositas waren Forschende jahrzehntelang gescheitert. Zahlreiche Hoffnungsträger verschwanden aufgrund von Nebenwirkungen nach kurzer Zeit wieder vom Markt, beispielsweise Rimonabant wegen eines erhöhten Suizidrisikos und Lorcaserin wegen eines potenziell erhöhten Krebsrisikos.
Mit den als »Abnehmspritzen« bekannt gewordenen Inkretinmimetika gelang vor einigen Jahr dann der therapeutische Durchbruch. Den Wendepunkt markierte der GLP-1-Agonist Liraglutid (Saxenda®), der 2015 zur Behandlung von Adipositas zugelassen wurde. Heutzutage dominieren der GLP-1-Agonist Semaglutid (Wegovy®) und der duale GLP-1/GIP-Agonist Tirzepatid (Mounjaro®) die Therapie, da sie wirksamer und anwendungsfreundlicher sind.
Auch wenn sich mit diesen beiden Wirkstoffen beachtliche Gewichtsabnahmen von 15 beziehungsweise 20 Prozent erzielen lassen, besteht Optimierungsbedarf. Zum einen scheint die gewichtsreduzierende Wirkung nach etwa einem Jahr zu stagnieren, zum anderen erreichen die Patienten nach dem Absetzen relativ schnell wieder ihr Ausgangsgewicht. Zudem stammt ein beträchtlicher Anteil des Gewichtsverlusts aus der Muskelmasse. Nicht zuletzt verursachen Inkretinmimetika häufig gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Sodbrennen.
Weltweit sind Dutzende Antiadiposita einer neuen Generation in der Entwicklung. Wie Professor Dr. Manfred Schubert-Szilavecz in der Ausgabe 1/2026 der DPhG-Mitgliederzeitschrift »Pharmakon« ausführt, sind viele davon so konzipiert, dass sie GLP-1-basierte Therapien ergänzen oder darauf aufbauen. Der pharmazeutische Chemiker von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main stellt in einem Beitrag unter anderem fünf Kandidaten vor, die bis 2033 die Marktreife erlangen könnten.
»Pharmakon« erscheint sechsmal jährlich. Jede Ausgabe hat einen inhaltlichen Schwerpunkt, der aus unterschiedlichen Perspektiven aufbereitet wird. / © Avoxa
Darunter sind zwei Multirezeptor-Agonisten, von denen man sich eine noch stärkere Wirksamkeit als mit GLP-1-Analoga allein erhofft. Mit Retatrutid von Eli Lilly ist ein Triple-Agonist an GLP-1-, GIP- und Glucagon-Rezeptoren in Phase III der klinischen Prüfung. In der Studie TRIUMPH-4 verloren Patienten mit Adipositas und Gonarthrose rund 30 Prozent Gewicht in 68 Wochen. Gute Chancen hat auch der duale Agonist an GLP-1- und Glucagon-Rezeptoren Survodutid von Boehringer Ingelheim und Zealand Pharma. Die Gabe von Survodutid bewirkte in einer Phase-II-Studie nach 46 Wochen einen Gewichtsverlust von nahezu 19 Prozent. Beide Wirkstoffe werden wie Semaglutid und Tirzepatid einmal wöchentlich gespritzt.
Ein weiterer aussichtsreicher Kandidat ist das Amylinanalogon Cagrilintid des dänischen Unternehmens Novo Nordisk, das in fixer Kombination mit Semaglutid (Cagri/Sema) einmal wöchentlich gespritzt wird. Von der Kombination mit einem Amylinanalogon erhofft man sich eine physiologische Gewichtsreduktion, bei der mehr Muskelmasse erhalten bleibt als unter den Inkretinmimetika allein. In der Phase-III-Studie REDEFINE 1 erzielte Cagri/Sema eine Reduktion des Ausgangsgewichts um durchschnittlich 23 Prozent nach 68 Wochen. Aus den Daten ließ sich zudem unter Cagri/Sema eine Tendenz zu einem physiologischen Abnehmen ableiten.
Unter den oralen GLP-1-Agonisten in der späten Entwicklungsphase hat Eli Lilly mit dem nicht peptidischen Wirkstoff Orforglipron die Nase vorn. Er wird einmal täglich eingenommen. Laut der Phase-III-Studie ATTAIN-1 bewirkte Orforglipron in einer Dosierung von 36 mg nach 72 Wochen einen Gewichtsverlust von durchschnittlich 11 Prozent. Wie unter den anderen GLP-1-Rezeptoragonisten traten auch hier als häufigste Nebenwirkungen gastrointestinale Beschwerden auf.
Auch eine perorale Anwendung von Semaglutid ist möglich. Ein entsprechendes Präparat ist mit Rybelsus® hierzulande seit Juli vergangenen Jahres verfügbar. Zugelassen ist es bislang allerdings ausschließlich zur Blutzuckerkontrolle bei Typ-2-Diabetes. In der Indikation Adipositas gibt es positive Daten aus der Phase-III-Studie OASIS 4.
In einer Dosierung von 25 mg täglich führte peroral verabreichtes Semaglutid nach 64 Wochen zu einem Gewichtsverlust von durchschnittlich 14 Prozent. Ein Gewichtsverlust von mindestens 20 Prozent wurde bei 30 Prozent der mit Semaglutid behandelten Personen erreicht. 74 Prozent der Patienten hatten bei dieser Dosis gastrointestinale Beschwerden, die aber nur selten zu einem Studienabbruch führten (3,4 Prozent).
Aufgrund dieser Daten ist in den USA Wegovy® als orale Formulierung zur Gewichtsreduktion und kardiovaskulären Prävention seit Ende vergangenen Jahres zugelassen. Auch hierzulande prüft die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) einen entsprechenden Antrag.