| Theo Dingermann |
| 16.03.2026 13:00 Uhr |
Professor Dr. Azim Surani (links) und Professor Dr. Davor Solter erhalten den Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis 2026 für ihre Entdeckung der genomischen Prägung. / © Uwe Dettmar
Der mit 120.000 Euro dotierte Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis ist eine der renommiertesten Auszeichnungen, die in der Bundesrepublik Deutschland auf dem Gebiet der Medizin vergeben werden. In diesem Jahr erhielten die Professoren Dr. Davor Solter vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg und Dr. Azim Surani vom Gurdon-Institut an der Universität Cambridge die renommierte Auszeichnung.
Solter und Surani zeigten 1984 nahezu zeitgleich und unabhängig voneinander, dass Säuger zwingend auf ein väterliches und ein mütterliches Genom angewiesen sind. Anders als bei vielen anderen Spezies ist eine eingeschlechtliche Fortpflanzung demnach bei Säugern nicht möglich. Der Grund liegt in dem Phänomen der genomischen Prägung (genomisches Imprinting), deren Grundlagen und deren Bedeutung für die moderne Biologie und Medizin Solter und Surani erforschten.
Nahezu 40 Jahre nach dieser bahnbrechenden Entdeckung wurden die beiden Wissenschaftler spät in ihrer Forscherkarriere nun mit dem Preis ausgezeichnet. Die Verleihung erfolgte traditionell am Geburtstag Paul Ehrlichs, dem 14. März, in der Frankfurter Paulskirche.
Auf die Spur des Imprintings gerieten beide Wissenschaftler durch Nukleartransfer-Experimente an Mäusen Anfang der 1980er-Jahre. Dabei geht es um die Pronuklei, also die beiden haploiden weiblichen und männlichen Keimbahnzellen in der Zygote, die noch nicht zu einem diploiden Embryo verschmolzen sind. In solchen Experimenten wird aus befruchteten Eizellen einer der Pronuklei entfernt und durch den Pronukleus einer Eizelle einer anderen Maus ersetzt. Als Resultat sind drei Kombinationen einzelliger Mäuseembryonen denkbar: Einer mit zwei männlichen Pronuklei, einer mit zwei weiblichen Pronuklei und einer mit je einem männlichen und einem weiblichen Pronukleus.
Die beiden Wissenschaftler stellten fest, dass in den Experimenten nur solche Embryonen heranwuchsen, die genetisches Material männlichen und weiblichen Ursprungs enthielten. Diese Ergebnisse widersprachen dem klassischen mendelschen Verständnis, nach dem die Herkunft der Gene – mütterlich oder väterlich – keine Rolle spielen sollte.
Die tiefere Erforschung dieses Phänomens führte zu der Erkenntnis, dass bestimmte Gene abhängig von ihrer elterlichen Herkunft unterschiedlich aktiviert oder stillgelegt werden. Dies geschieht durch Methylierung eines Guanin-Nukleotids an bestimmten, hoch konservierten genomischen Positionen. Ist das Guanin-Nukleotid methyliert, ist das nachfolgende Gen inaktiv. Ist das Guanin-Nukleotid nicht methyliert, ist es aktiv. Hier komplementieren sich mütterliche und väterliche Keimbahngenome, sodass ein funktionsfähiger Organismus nur entstehen kann, wenn in den diploiden Genomen beide Geschlechtstypen vorhanden sind.
Imprinting beschreibt also eine nicht genetische Markierung des Genoms, die die DNA-Sequenz selbst nicht verändert, wohl aber die Aktivität von Genen steuert. Anfangs war die Terminologie umstritten, da der Begriff auch in der Verhaltensbiologie verwendet wurde. Schließlich setzte sich jedoch der Begriff durch und wurde zentral für das neue Forschungsfeld der Epigenetik.