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Mehr als nur Exponate
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Föten erzählen von Macht und Kontrolle

Wie die Überreste von Babys in Museen landeten und woher sie kamen, macht nun eine Forschungsarbeit sichtbar. Die Autorinnen wollen auf die Geschichte hinter den Präparaten aufmerksam machen und an die Föten erinnern.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 17.07.2026  07:00 Uhr

Viele Exponate anatomischer Museen handeln nicht nur von Biologie und medizinischem Fortschritt. Sie stecken auch voller Geschichten, die von Ungleichheit, Stigmatisierung und Verlust erzählen. Vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert sammelte man Föten und Säuglinge für anatomische Untersuchungen und als Anschauungsmaterial pathologischer Veränderungen. Doch wo kamen sie her? Damit beschäftigt sich eine Forschungsarbeit um Hauptautorin Dr. Siân Halcrow, Professorin für Biologische Anthropologie an der Universität Otago.

Demnach stammen viele aus Zeiten, in denen arme Familien kaum Einfluss darauf hatten, was nach dem Tod ihrer Kinder geschah. Besonders in kolonialen Gesellschaften wie Neuseeland entschieden nicht die Eltern, sondern Institutionen oder Ärzte, wessen Körper in Sammlungen landete und warum.

Die Studie, die im »American Journal of Biological Anthropology« erschien, greift beispielhaft das »W. D. Trotter Anatomy Museum« der Universität Otago auf. Dort stammten – ähnlich wie in anderen Ländern auch – die meisten Föten und Säuglinge aus den schwächsten Gesellschaftsschichten: Kinder armer oder unverheirateter Mütter, Babys mit Erkrankungen oder aus Heimen. Solche Einrichtungen seien darauf ausgelegt gewesen, »gefallene Frauen« durch Arbeit und Disziplin wieder auf den vermeintlich rechten Weg zu bringen, schreiben die Autorinnen.

Entbehrungen sollten die moralischen Verfehlungen der Mütter tilgen. Doch wie Untersuchungen sowohl aus Irland, England, den USA, Kanada und Schweden als auch aus Australien und Neuseeland gezeigt hätten, herrschten in den Heimen Missbrauch, Vernachlässigung, hohe Säuglingssterblichkeit sowie Zwangsadoptionen vor.

Vorurteile und Entmenschlichung

In einer Ära, die von eugenischer Gesinnung geprägt war, galten manche Eigenschaften wie Behinderungen oder angeborene Anomalien – und damit auch einige Leben – als weniger wert. Viele Frauen hatten kaum Mitspracherecht bei der Bestattung toter Kinder. Und Ärzte behielten die Leichen für die Forschung einfach ein, was seinerzeit in Neuseeland – auch ohne Zustimmung der Eltern – erlaubt war.

Mütter sahen ihre verstorbenen Babys oft nie wieder. Manche Föten galten gar als »klinischer Abfall«, der keiner Bestattung bedurfte, oder man stempelte sie als »wertvolle Lehrstücke« ab. In den medizinischen Sammlungen verloren sie dann ihre Identität – Namen, Schicksale und Biografien ausgelöscht, stattdessen katalogisiert und ausgestellt. Ein Archiv-Eintrag bezeichnete ein Kind als »Entwicklungsstörung – Anenzephalie. Monster«. Ausdrücke wie diese zeigen, wie Wissenschaft und gesellschaftliche Vorurteile zur Entmenschlichung beitrugen.

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