| Jennifer Evans |
| 07.07.2026 11:00 Uhr |
Wut trifft Überzeugungskraft: Schimpfwörter in der politischen Kommunikation zu nutzen, ist häufiger Risiko als Chance. / © Shotshop/stokkete
Schimpfwörter haben in den vergangenen Jahren an Wirkung verloren – Politikerinnen und Politiker scheint das jedoch kaum zu stören. Sie fluchen heute häufiger als früher. Was das über ihre Überzeugungskraft und ihre Emotionen verrät, haben der Kognitionswissenschaftler Professor Dr. Benjamin Bergen und die Politikwissenschaftlerin Dr. Pamela Ban von der University of California San Diego untersucht.
Bergen beschreibt – zumindest auf Basis von US-Daten – einen deutlichen Trend: Einstige Tabuwörter rund um Körperteile, Körperfunktionen, Sex und Religion verlieren an Schärfe. Mit dem Aufstieg sozialer Medien sei der Zugang zu informeller, unzensierter Sprache in den vergangenen 20 Jahren gewachsen, erklärt er in einem »Expert Pitch« auf der Plattform »Newswise«. Da informelle Äußerungen häufiger Schimpfwörter enthielten, steige allein die Quantität beleidigender Ausdrücke im Alltag. »Die verstärkte Konfrontation führt zu einer Desensibilisierung«, so Bergen – mit messbar schwächeren physiologischen und psychologischen Reaktionen auf Obszönitäten.
Was bedeutet es, wenn Politikerinnen und Politiker in Reden, Interviews oder Online-Beiträgen fluchen? Lassen sie Dampf ab oder ist es eine kalkulierte Inszenierung? Ban zufolge kann Fluchen dazu dienen, Nähe zu zeigen: »Die Funktion könnte darin bestehen, zu zeigen, wer sie im Verhältnis zu den Menschen sind, die sie vertreten.« Ein solcher Heimatstil – »Ich bin einer von euch« – solle Vertrauen über Identität statt über Inhalte schaffen.
Ebenso könne Fluchen Wut signalisieren. Es könne also sowohl eine gemeinsame soziale Identifikation mit Wählerinnen und Wählern ausdrücken, deren Alltagsvokabular in der offiziellen Politik sonst nicht vorkommt, als auch moralische Empörung im Namen jener kanalisieren, die sich ungehört fühlten.
Wie wirkt diese Ausdrucksform auf Zuhörende – ehrlich und leidenschaftlich oder eher theatralisch und berechnend? Bergen betont, dass die Bewertung stark vom Kontext abhängt. Wer die fluchende Person mag oder sich mit ihr identifiziert, reagiert eher positiv. Wer sie oder ihre Botschaft ohnehin ablehnt, nimmt Schimpfwörter tendenziell negativer wahr. Im Allgemeinen würden wetternde Menschen von anderen jedoch als weniger intelligent, gebildet sowie als unbeherrschter wahrgenommen – aber gleichzeitig als ehrlicher, authentischer und witziger.
Auch Ban verweist auf die Bedeutung des politischen Images. Wähler bewerteten nicht nur, was Politikerinnen und Politiker sagen, sondern auch, ob es zu dem Bild passe, das sie über die Zeit aufgebaut haben. Fluchen könne authentisch wirken, wenn es erstens zur etablierten Selbstdarstellung passe, zweitens ein Thema treffe, über das die Wählerschaft tatsächlich verärgert ist, und drittens im Einklang mit dem Ort stehe, an dem sie die Äußerung tätigen.
Stimme einer dieser Faktoren nicht, könne der Effekt ins Gegenteil umschlagen – viele reagierten empfindlich auf vermeintliche Anbiederung, hebt sie hervor. Zudem zeigen Studien zu Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit laut Ban, dass Menschen an Politikerinnen und Politiker aus Minderheiten andere Erwartungen stellen und sie für identische Ausdrucksweisen möglicherweise unterschiedlich stark bestrafen.