Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Multiple Sklerose
-
Fenebrutinib bremst Behinderungsprogression

Für Patienten mit der seltenen Multiple-Sklerose-Form PPMS gibt es neue Hoffnung: In einer Phase-III-Studie war der Bruton-Tyrosinkinase-Hemmer Fenebrutinib wirksamer als das bisher einzige zugelassene Standardmedikament Ocrelizumab. Er senkte das Risiko für eine Behinderungsprogression um 12 Prozent und kann oral eingenommen werden.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 10.02.2026  11:06 Uhr

Die primär progrediente Multiple Sklerose (PPMS) ist eine seltenere Verlaufsform der MS, von der etwa 10 bis 15 Prozent aller Menschen mit Multiple Sklerose (MS) betroffen sind. Es handelt sich um eine fortschreitende Form der MS, bei der die Einschränkungen von Anfang an zunehmen, ohne dass akute Schübe auftreten. Der derzeit einzige zugelassene Wirkstoff zur krankheitsmodifizierenden Therapie dieser MS-Form ist der Antikörper Ocrelizumab (Ocrevus®).

Das könnte sich zukünftig ändern: Das Pharmaunternehmen Roche informiert in einer Pressemitteilung über neue Phase-III-Daten zu seinem Bruton-Tyrosinkinase-(BTK-)Inhibitor Fenebrutinib bei PPMS. Fenebrutinib ist ein oral verfügbarer, ZNS-gängiger, reversibler BTK-Inhibitor, der anders als andere Inhibitorem das Enzym nicht-kovalent bindet. Das reversible Targeting von Fenebrutinib und die hohe Selektivität ermöglichen ein günstigeres Off-Target-Profil, so das pharmazeutische Unternehmen.

Die Bruton-Tyrosinkinase (BTK) ist eine zytoplasmatische Tyrosinkinase. Sie wird unter anderem in B-Zellen sowie in Makrophagen und Mikroglia exprimiert und ist an der Regulation der B-Zellreifung und -funktion beteiligt. Durch Hemmung des Enzyms werden Signalwege unterbrochen, die für die Mikroglia-Aktivierung und für B-Zellfunktionen essenziell sind.

Dies bildet die Ratio für den Einsatz von BTK-Inhibitoren zur Behandlung der Multiplen Sklerose. Der Wirkmechanismus zielt auf zwei zentrale Achsen: Zum einen auf periphere B-Zell-vermittelte Entzündungen, die als relevant für Schubaktivität gesehen werden. Zum anderen auf die Mikroglia-getriebene chronische Neuroinflammation im zentralen Nervensystem, die als wesentlicher Treiber der Progression gilt.

Positive Daten aus der FENtrepid-Studie

Die randomisierte, doppelblinde, double-dummy kontrollierte Phase-III- Studie FENtrepid umfasste 985 erwachsene PPMS-Patienten, die im Verhältnis 1:1 entweder täglich oral Fenebrutinib (plus intravenös Placebo) oder intravenös Ocrelizumab (plus orales Placebo) über mindestens 120 Wochen erhielten. Der primäre Endpunkt war die Zeit bis zum Auftreten einer bestätigten, kombinierten Behinderungsprogression nach zwölf Wochen (cCDP12). Der cCDP umfasste drei Maße der Behinderung: die Gesamtfunktionsbeeinträchtigung gemessen anhand der Expanded Disability Status Scale (EDSS), die Gehgeschwindigkeit gemessen anhand des Timed 25-Foot Walk (T25FW) und die Funktion der Feinmotorik/Arm-Hand-Funktion gemessen anhand des  Nine-Hole Peg Tests (9HPT).

Fenebrutinib war gegenüber Ocrelizumab hinsichtlich der Reduktion der Behinderungsprogression nicht unterlegen. Darüber hinaus zeigte sich ein numerischer Vorteil, als das Risiko für cCDP12 unter Fenebrutinib um 12 Prozent (Hazard Ratio 0,88) reduziert war. Bemerkenswert war zudem, dass sich die Kaplan-Meier-Kurven laut der Pressemitteilung bereits ab Woche 24 auseinanderentwickelten, was Roche als Hinweis auf einen relativ frühen klinischen Effekt interpretiert. Der Effekt war konsistent über Subgruppen und die gesamte Studiendauer.

Besondere Vorteile bei der Arm-Hand-Funktion

Besonders hervorgehoben wird in der Meldung die Wirkung auf die Arm-Hand-Funktion. Beim Nine-Hole Peg Test zeigte sich für Fenebrutinib der stärkste Effekt unter den Teilendpunkten, mit einer 26-prozentigen Risikoreduktion für eine Verschlechterung gegenüber Ocrelizumab (HR 0,74). 

Im Sicherheitsprofil zeigten sich insgesamt vergleichbare Häufigkeiten bei häufig (≥ 10 Prozent) auftretenden Nebenwirkungen zwischen den Behandlungsarmen. Infektionen traten in beiden Gruppen sehr häufig auf (67,0 versus 70,9 Prozent), ebenso Übelkeit (12,0 versus 7,1 Prozent) und Blutungen (10,2 versus 8,1 Prozent).

Ein klarer Unterschied fand sich bei Leberenzym-Erhöhungen, die unter Fenebrutinib häufiger beobachtet wurden (13,3 versus 2,9 Prozent). Diese Veränderungen seien transient und reversibel gewesen und hätten sich nach Absetzen des Studienmedikaments vollständig zurückgebildet.

Mehr von Avoxa