| Paulina Kamm |
| 16.01.2026 15:30 Uhr |
Galle begegnen auch heute noch Männer mit dem Argument, dass sie benachteiligt seien, weil sie eine kürzere Lebenserwartung haben. Frauen leben zwar länger, verbringen aber laut Galle etwa 25 Prozent mehr Lebensjahre in schlechterer Gesundheit als Männer. Das Phänomen wird als Gender Health Gap bezeichnet. Gründe hierfür seien zum Teil soziodemografisch – also Altersarmut und Care Arbeit – und medizinisch: spätere Diagnosen, Chronifizierung, (psychiatrische) Fehldiagnosen. Wann die betroffene Person einen Notruf absetze, oder überhaupt die Bereitschaft zeige ein Krankenhaus aufzusuchen variiere je nach sozialer und familiärer Verpflichtung.
Neben dem tatsächlichen Notfalltraining setze Waldherr in ihren interdisziplinären Fortbildungsformaten auch einen Schwerpunkt auf zielgerechte Ansprache. Hier spiele nicht nur das Geschlecht eine Rolle, sondern auch Kultur und sprachliche Kompetenzen der Betroffenen. Frauen mit Migrationshintergrund haben es exemplarisch exponentiell schwerer, eine adäquate Gesundheitsversorgung zu erhalten. Auch hinsichtlich Datenbasis und Erfahrung zur Versorgungsgestaltung von trans-, intersexuellen und nicht binären Personen bestehe noch ein hohes Optimierungspotenzial, so Waldherr.
Frauen selbst haben laut Waldherr kaum Möglichkeiten sich auf den Krankenhausbesuch vorzubereiten, um ernster genommen zu werden. Für Betroffene spiele eine Rolle, wie sie gelernt haben, Schmerzen äußern zu dürfen und für das Personal wie ernst sie diese Äußerung nehmen, so Waldherr. Auch Offenheit, Erfahrungsaustausch, Selbstreflektionsbereitschaft und -kompetenzen des Personals haben laut Waldherr einen Einfluss auf Outcome ihrer Fortbildungsformate und zukünftige Behandlungsqualität.
»Count Women, wir brauchen bessere Daten«, stellt Matthiessen mit Blick auf Professor Sylvia Thun, Direktorin für E-Health und Interoperabilität an der Charité, fest. »Invest in Women, wir brauchen bessere Finanzierung in der Frauengesundheit und dabei spielen die Krankenkassen natürlich eine Schlüsselrolle«, betont die Gastgeberin in Richtung Andrea Galle (mkk) und Ute Wiedemann (DAK). »Care for Women, die Leitlinien sollen im besten Falle nicht nur auf dem Papier existieren«, verweist Matthiessen auf Notfallärztin Martina Waldherr. »Awareness, es ist ganz wichtig, dass die Presse Aufmerksamkeit für dieses Thema schafft«, begrüßt die Gastgeberin Chefredakteurin, Julia Rotherbl.
Medizin basiere auf Evidenz, so Thun. Dass vor dem Jahr 1994 überhaupt nicht an Frauen geforscht wurde, habe selbst heute noch fatale Folgen, denn die meisten Arzneien seien davor zugelassen worden. In der Gegenwart habe man noch immer das Problem, dass Daten für zum Beispiel verschiedene Altersgruppen, Frauen, Schwangere, oder auch Kinder gänzlich fehlen.
Der Bereich der Data Science sei ein sehr männlich geprägtes Feld, die Folgen wiederum wiegen schwer: unpassende Dosierungen, gänzlich falsch gewählte Präparate, oder welche, die nicht zum Lebensabschnitt der Patientin passen.Die Professorin sehe hinsichtlich Gender Data Gap und Hochskalierung fehlender Daten große Chancen in der Künstlichen Intelligenz (KI), insofern man diese adäquat trainiere.
»Wir müssen wieder hin zu einer medizinischen Fachdokumentation, mal weg von diesen Diagnostic Related Groups (DRG)«, so Thun. Universitätskliniken haben laut Thun mittlerweile Daten aus medizinischen Texten wie Pathologiebefunden oder Arztbriefen, die in Zukunft der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden sollen.