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Gendergerechte Versorgung
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»Es findet eine Revolution von unten statt«

Femna Health, mkk und nexxt level luden gestern zur Veranstaltung »Wie gelingt geschlechtergerechte Versorgung?« in Berlin ein. Im Rahmen des Events diskutierten Andrea Galle, Professorin Sylvia Thun, Ute Wiedemann, Julia Rotherbl und Martina Waldherr über Wege zu einer fairen und geschlechtergerechten Gesundheitsversorgung. Das Panel wurde von Nicole Lauscher von Vita Health Media moderiert. 
AutorKontaktPaulina Kamm
Datum 16.01.2026  15:30 Uhr

Dass die Qualität der gesundheitlichen Versorgung vom Geschlecht abhängt, kann und darf nicht sein. Darüber scheinen sich Veranstalterinnen und Geladene einig zu sein. Maxie Matthiessen, die Gründerin von Femna Health, begrüßt mit einem Zitat der Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) von der Herbsttagung der Healthcare Frauen: »Gleichbehandlung ist eben nicht gleiche Behandlung.«

Die bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention, Judith Gerlach (CSU), eröffnet mit einer Videobotschaft: »Unter dem Motto ›Frauen sichtbar und gesund‹ will ich ein Bewusstsein für die besonderen gesundheitlichen Belange von Mädchen und Frauen schaffen«, so die Ministerin. Laut Gerlach braucht es das Erkennen und Einbeziehen von individuellen Unterschieden, um die Basis für eine geschlechtergerechte Versorgung für alle zu schaffen. Deshalb habe sie sich für die Implementierung von Gendermedizininhalten in das Medizinstudium stark gemacht. Auch die Verankerung der frauengesundheitlichen Forschung im Koalitionsvertrag begrüße sie sehr. 

Aktuelle Herausforderungen einer geschlechtergerechten Versorgung

Die Vorständin von meine krankenkasse (mkk), Andrea Galle differenziert zu Beginn die elementaren Begriffe der Geschlechtsspezifik, also der Bezug auf das biologische Geschlecht und der Geschlechtssensibilität, das soziale Geschlecht. Den Auftrag der Krankenkassen sehe sie in der Unterstützung hinsichtlich Organisation und sei in §2b Sozialgesetzbuch (SGB) 5 geregelt: »Bei den Leistungen der Krankenkassen ist geschlechts- und altersspezifischen Besonderheiten Rechnung zu tragen«, heißt es dort.

Sie sehe hier noch hohen Bedarf, vor allem kassenübergreifend. Hilfreich könne dabei sein, die Versorgung anhand der Lebensphasen (Pubertät, Zyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre) der Frauen zu gestalten, so Galle. Die DAK-Vorständin Wiedemann sehe in den Kassen vor allem die Verantwortung, frauengesundheitliche Themen zu verbreiten und Aufmerksamkeit dafür zu generieren. Ihr Schema sei ADD: Ausbildung der Medizinerinnen, Mediziner, aber auch Datenscientists, Journalistinnen und Journalisten, Diagnostik und Daten. 

»Wir müssen lauter werden, wir müssen wahrgenommen werden«, so Wiedemann. Das bestätigt die Chefredakteurin der Apothekenumschau, Julia Rotherbl. Sie versuche mit einem redaktionellen Fokus auf Frauengesundheit und entsprechenden Informationen, Patientinnen zu ermächtigen, für ihre Gesundheit einzustehen. »Frauen waren Tabuthemen«, erinnert sich Galle und betont, dass dies heute teilweise anders sei.

Auch Martina Waldherr, Notfallärztin und Leiterin des Projekts »Culture, Sex & Gender in der Notfallmedizin« aus der Klinik Bogenhausen in München, berichtet aus der Praxis von vielen Vorbehalten. »Es gibt im Prinzip in jeder Stufe der notfallmedizinischen Versorgung Geschlechterunterschiede, die berücksichtigt werden müssen und die, wenn sie nicht berücksichtigt werden, tatsächlich auch therapie- und prognoserelevant sind«, so Waldherr.

Das mangelnde geschlechterbezogene Grundwissen sei eine große Herausforderung , denn ohne dieses, werde keine Notwendigkeit für Schulungen und Fortbildungen gesehen, so Waldherr. Weibliche Abbildungen in medizinischen Fachbüchern oder weibliche Reanimationspuppen seien weiterhin Mangelwahre, bestätigt Galle. »Trotz alledem bekomme ich Angst, dass ich, weil ich Brüste habe, vielleicht von einem Ersthelfer nicht gerettet werde«, nennt Galle als Beispiel für die auch heute noch eher zögerliche Notfallversorgung von Frauen.

Soziodemografie und Ansprache 

Galle begegnen auch heute noch Männer mit dem Argument, dass sie benachteiligt seien, weil sie eine kürzere Lebenserwartung haben. Frauen leben zwar länger, verbringen aber laut Galle etwa 25 Prozent mehr Lebensjahre in schlechterer Gesundheit als Männer. Das Phänomen wird als Gender Health Gap bezeichnet. Gründe hierfür seien zum Teil soziodemografisch – also Altersarmut und Care Arbeit – und medizinisch: spätere Diagnosen, Chronifizierung, (psychiatrische) Fehldiagnosen. Wann die betroffene Person einen Notruf absetze, oder überhaupt die Bereitschaft zeige ein Krankenhaus aufzusuchen variiere je nach sozialer und familiärer Verpflichtung.

Neben dem tatsächlichen Notfalltraining setze Waldherr in ihren interdisziplinären Fortbildungsformaten auch einen Schwerpunkt auf zielgerechte Ansprache. Hier spiele nicht nur das Geschlecht eine Rolle, sondern auch Kultur und sprachliche Kompetenzen der Betroffenen. Frauen mit Migrationshintergrund haben es exemplarisch exponentiell schwerer, eine adäquate Gesundheitsversorgung zu erhalten. Auch hinsichtlich Datenbasis und Erfahrung zur Versorgungsgestaltung von trans-, intersexuellen und nicht binären Personen bestehe noch ein hohes Optimierungspotenzial, so Waldherr. 

Frauen selbst haben laut Waldherr kaum Möglichkeiten sich auf den Krankenhausbesuch vorzubereiten, um ernster genommen zu werden. Für Betroffene spiele eine Rolle, wie sie gelernt haben, Schmerzen äußern zu dürfen und für das Personal wie ernst sie diese Äußerung nehmen, so Waldherr. Auch Offenheit, Erfahrungsaustausch, Selbstreflektionsbereitschaft und -kompetenzen des Personals haben laut Waldherr einen Einfluss auf Outcome ihrer Fortbildungsformate und zukünftige Behandlungsqualität. 

Wege zu einer fairen und geschlechtergerechten Gesundheitsversorgung

»Count Women, wir brauchen bessere Daten«, stellt Matthiessen mit Blick auf Professor Sylvia Thun, Direktorin für E-Health und Interoperabilität an der Charité, fest. »Invest in Women, wir brauchen bessere Finanzierung in der Frauengesundheit und dabei spielen die Krankenkassen natürlich eine Schlüsselrolle«, betont die Gastgeberin in Richtung Andrea Galle (mkk) und Ute Wiedemann (DAK). »Care for Women, die Leitlinien sollen im besten Falle nicht nur auf dem Papier existieren«, verweist Matthiessen auf Notfallärztin Martina Waldherr. »Awareness, es ist ganz wichtig, dass die Presse Aufmerksamkeit für dieses Thema schafft«, begrüßt die Gastgeberin Chefredakteurin, Julia Rotherbl.

Medizin basiere auf Evidenz, so Thun. Dass vor dem Jahr 1994 überhaupt nicht an Frauen geforscht wurde, habe selbst heute noch fatale Folgen, denn die meisten Arzneien seien davor zugelassen worden. In der Gegenwart habe man noch immer das Problem, dass Daten für zum Beispiel verschiedene Altersgruppen, Frauen, Schwangere, oder auch Kinder gänzlich fehlen.

Der Bereich der Data Science sei ein sehr männlich geprägtes Feld, die Folgen wiederum wiegen schwer: unpassende Dosierungen, gänzlich falsch gewählte Präparate, oder welche, die nicht zum Lebensabschnitt der Patientin passen.Die Professorin sehe hinsichtlich Gender Data Gap und Hochskalierung fehlender Daten große Chancen in der Künstlichen Intelligenz (KI), insofern man diese adäquat trainiere.

»Wir müssen wieder hin zu einer medizinischen Fachdokumentation, mal weg von diesen Diagnostic Related Groups (DRG)«, so Thun. Universitätskliniken haben laut Thun mittlerweile Daten aus medizinischen Texten wie Pathologiebefunden oder Arztbriefen, die in Zukunft der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden sollen. 

Welche Stellschrauben hemmen Fortschritte in der Forschung?

Der Contergan-Skandal wurde als Grund genannt, warum Frauen aus der Arzneimittelforschung ausgeschlossen wurden und werden. »Aber es gibt ja auch nicht schwangere Frauen«, kontert Moderatorin Lauscher. Man habe früher nicht garantieren können, dass die Frauen nicht während der Studie schwanger werden, so Galle. »Es ging gar nicht um die schwangere Frau, sondern darum ›die Leibesfrucht des Mannes‹ zu schützen«, erinnert sich Galle an die Sprech- und Denkweise von früher. 

Später und heute habe man entschieden, der Zyklus menstruierender Personen sei nun das Problem. Trotzdem habe man auch keine Forschung an Frauen über 60 vorgenommen, kritisiert das Panel gemeinsam. Thun ergänzt: »Meines Erachtens haben Männer auch hormonelle Schwankungen« und stellt die Frage, warum der Hormonhaushalt mit der heutigen Technik nicht einfach gemessen werde. »Das bedeutet doch, Frauen, die menstruieren, sind in ihrem Zyklus so krass unterschiedlich, dass wir so tun, als wären sie Männer«, fasst Lauscher kopfschüttelnd zusammen. 

»Eine der größten Hebel, um die Versorgung von Frauen zu verbessern, sind Frauen selbst«

Chancen, die Frauengesundheit zu verbessern, sehe Rotherbl in verschiedenen Social Media Bewegungen durch Betroffene und Aktivistinnen. Deren unermüdliche  Einsatz habe zum Beispiel hinsichtlich Endometriose einiges in Bewegung gesetzt. »Es findet ein bisschen eine Revolution von unten statt«, bemerkt die Chefredakteurin. Sie betont hier die Rolle der vor Ort Apotheken: »Über die Apotheken haben wir eine geringe Schwelle, die die Menschen überwinden müssen, um an Informationen zu kommen«, so Rotherbl. 

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