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Therapie Covid-19-Infektion
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Das Paxlovid-Update

Die Erkältungswelle ist bereits kräftig am Rollen. Die Zahlen an Corona-Infektionen steigen kontinuierlich an - und damit auch die Zahl Infizierter aus potenziellen Risikogruppen. Der rechtzeitige Einsatz von Paxlovid™, das einzige spezifische SARS-CoV-2-Therapeutikum, wird also in Offizinen und Arztpraxen wieder vermehrt Thema.
AutorKontaktElke Wolf
Datum 15.11.2023  09:00 Uhr

Risikoabschätzung

Die enthaltene Arzneistoffkombination Nirmatrelvir/Ritonavir ist bei allen Erkrankten indiziert, bei denen Risikofaktoren für einen schweren Infektionsverlauf vorliegen – also im Wesentlichen Senioren und chronisch Kranke – und die keine zusätzliche Sauerstoffzufuhr benötigen, empfiehlt die Covid-19-Leitlinie der Fachgruppe Intensivmedizin, Infektiologie und Notfallmedizin (COVRIIN) am Robert-Koch-Institut. Und sie kann unabhängig vom Impfstatus erfolgen. Die Anwendung der Arzneistoffkombination kann nachweislich dazu beitragen, das Risiko schwerer Verläufe, die zu Hospitalisierungen oder zum Tod führen können, zu reduzieren.

Molnupiravir spielt mittlerweile als Zweite-Wahl-Antivirustatikum keine Rolle mehr. Was die monoklonalen Antikörper betrifft, wird in der Leitlinie Sotrovimab als zweite Wahl-Behandlungsmöglichkeit genannt. Alle anderen Antikörper sind aufgrund von Mutationen beziehungsweise Resistenzen aus der Leitlinie verschwunden, führte Schubert-Zsilavecz aus.

Für die Wirkung gegen das Coronavirus ist Nirmatrelvir verantwortlich. Es hemmt die Virusvermehrung, indem es die SARS-CoV-2-spezifische virale Protease 3CL blockiert. Das wird möglich über eine Nitrilgruppe im Nirmatrelvir-Molekül, die mit einem Cystein-Rest im katalytischen Zentrum der Protease interagiert. So hindert der Arzneistoff das Enzym daran, seiner Aufgabe im Zuge der Virusvermehrung nachzukommen. Aufgrund seiner ungünstigen pharmakokinetischen Eigenschaften benötigt der Proteaseinhibitor die Hilfe von Ritonavir. Dieses hemmt als Booster den schnellen Abbau von Nirmatrelvir über CYP3A4 und sorgt so für einen ausreichend hohen Plasmaspiegel.

Extrem erklärungsbedürftig

»Wir sollten mit den Arznei- und Impfstoffen, die wir haben, klug und mit Bedacht umgehen«, mahnte der Apotheker. Deshalb sei der frühzeitige Paxlovid-Einsatz zeitnah nach Symptombeginn so wichtig. Allerdings sei die Arzneistoffkombination ein extrem erklärungsbedürftiges Medikament.

Die Beratungsintensität fängt schon mit der farblichen Unterteilung des Blisters an. Sowohl die gelbe als auch blaue Seite enthält drei Tabletten: zwei rosafarbene Tabletten mit je 150 mg des Wirkstoffs Nirmatrelvir und eine weiße bis cremefarbene Tablette mit 100 mg des »Wirkverstärkers« Ritonavir. Die drei Tabletten entsprechen im Regelfall einer Einzeldosis (300 mg Nirmatrelvir + 100 mg Ritonavir) und sind zusammen einzunehmen. Nur bei Patienten mit mäßigen Nierenfunktionsstörungen (GFR zwischen 30 und 60 ml/min) wird die Einzeldosis auf 150 mg Nirmatrelvir + 100 mg Ritonavir reduziert (= 1 rosafarbene + 1 weiße Tablette). Bei schweren Nieren- und Leberfunktionsstörungen ist Paxlovid nicht geeignet. Die Tabletten werden alle zwölf Stunden über einen Zeitraum von fünf Tagen eingenommen (siehe Grafik).

Das große Interaktionspotenzial der Arzneistoffkombination ist der zweite große Hemmschuh einer patientenreundlichen Anwendung. Der pharmakokinetische Wirkverstärker Ritonavir hat ein extrem hohes Wechselwirkungspotenzial aufgrund seiner CYP3A4- und seiner CYP2D6-Aktivität, zudem inhibiert es das p-Glykoprotein. »Das Problem: Patienten mit einem erhöhten Covid-19-Risiko nehmen meist aufgrund einer Grunderkrankung dauerhaft Arzneimittel ein. Bevor zusätzlich Nirmatrelvir/Ritonavir zum Einsatz kommen können, müssen bei diesen Patienten mögliche Wechselwirkungen überprüft werden.«

In der Tat ist die Liste potenzieller Interaktionen recht umfangreich. Um die Beratung zu Paxlovid zu erleichtern, hat die AMK in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie des Universitätsklinikums Heidelberg das Interaktionspotenzial bewertet. Die übersichtliche Grafik kann etwa über die Seiten der ABDA abgerufen werden. Weitere Informationen bietet auch ein webbasierter Interaktionscheck von Pfizer.

Schubert-Zsilavecz forderte einen pragmatischen Umgang mit den vielen Wechselwirkungen. Er warb dafür, genau zu prüfen, bei welchen Kombinationspartnern die Tagesdosis der Dauermedikation während der fünf Behandlungstage mit Paxlovid halbiert werden kann. »Eine gezielte Dosisminderung verhindert überschießende Plasmaspiegel.« Auch eine Therapiepause während der fünftägigen Paxlovid-Einnahme sei abhängig vom betreffenden Arzneistoff durchaus in Erwägung zu ziehen. »Mal fünf Tage auf sein Statin zu verzichten, ist doch eine Frage der Risikoabwägung und sollte vertretbar sein«, meinte der Referent. Anders sehe es freilich bei verschiedenen Antikoagulanzien aus. Die Paxlovid-Einnahme ist bei diesen Patienten kontraindiziert, weil das Virostatikum die blutverdünnende Wirkung abschwächen kann. Das würde das Risiko für thromboembolische Ereignisse erhöhen, weshalb das Absetzen des Antikoagulans für die Dauer einer Paxlovid-Therapie als nicht akzeptabel angesehen wird.

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