| Daniela Hüttemann |
| 28.01.2026 18:00 Uhr |
Wer abnimmt, senkt in der Regel auch seinen Blutdruck – und braucht mitunter weniger Medikamente. Apotheken können hier Anstöße geben. / © Getty Images/PeopleImages
Eigentlich ist ein gesunder Lebensstil ganz einfach: gesund essen, viel bewegen, genug schlafen, nicht rauchen. Und doch fällt es vielen schwer, das umzusetzen. Vielen Menschen sei auch immer noch nicht klar, wie viel sie selbst präventiv für ihre langfristige Gesundheit tun können, beobachtet Apothekerin Dr. Doreen Kessner immer wieder. Manchmal betrifft das auch das Gesundheitspersonal selbst. Kessner hatte zur pDL-Akademie der Pharma4u im Januar einen besonderen Patientenfall mitgebracht. Es ging dieses Mal nicht um eine geriatrische Kundin, sondern eine eigene Mitarbeiterin im mittleren Alter.
Die 48-jährige Kollegin hatte die ärztlichen Diagnosen erhebliche Adipositas (BMI über 40 kg/m2), ein metabolisches Syndrom mit Hauptsymptom Hypertonie und eine Hypothyreose. Obwohl sie alle ihre Medikamente inklusive fünf Bluthochdruckmitteln wie verordnet regelmäßig einnahm, fühlte sie sich schlecht und der Blutdruck war trotzdem noch zu hoch. Sie bat Kessner, einmal auf ihre Medikation zu schauen.
Die ärztliche Wirkstoffauswahl der fünf Antihypertensiva war etwas eigen, bemerkten der Pharmakologie-Experte Dr. Alexander Ravati und der Internist Dr. Alexander Keil bei der Falldiskussion. Die Patientin bekam Candesartan/HCT, den Betablocker Metoprololsuccinat und außerdem den α1-Antagonisten Urapidil und den α2-Agonisten Moxonidin. Ein Calciumkanalblocker, der gemäß Leitlinien indiziert gewesen wäre, fehlte dagegen. Zusätzlich nahm die Patientin Levothyroxin und Iodid für ihre Schilddrüse sowie das Antihistaminikum Ebastin gegen allergische Beschwerden. Was fehlte, war gemäß der aktuellen Leitlinien eine medikamentöse Therapie der Adipositas.

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Auf die Bedeutung der Prävention und was die Apotheke vor Ort hier alles leisten kann, geht Dr. Doreen Kessner auch in einem Vortrag beim PZ-Management-Kongress vom 25. bis 27. März in Palma de Mallorca ein. Wie sie bei ihren Kundinnen und Kunden ein größeres Bewusstsein für mehr Vorsorge und Selbstfürsorge schaffen können, beleuchtet Kessner aus ihrer täglichen Arbeit in der Altstadt Apotheke in Magdeburg, die sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester als OHG führt. Vom Krebspatienten bis zum Leistungssportler setzen sie sich hier für eine ganzheitliche Versorgung all ihrer Patientinnen und Patienten ein. Denn Gesundheit ist weit mehr als das Fehlen von Krankheit, betont die Apothekerin. Melden Sie sich jetzt noch an unter www.pz-kongress.de.
Die Experten und das Publikum hatten diverse Vorschläge zur Optimierung der Therapie. Letztlich lag die Lösung jedoch ganz woanders, verriet Kessner. »Wir wollten primär die Frage klären, ob es an den Medikamenten liegt, dass es ihr so schlecht geht – aber das war es nicht.« Die Medikationsanalyse war bereits zwei Jahre her – seitdem tut die Patientin dank Beratung ihrer Chefin aktiv etwas für ihre Gesundheit.
Kessner führte nämlich nicht nur eine Medikationsanalyse durch – sie nutze auch einen selbst mit Hilfe von KI erstellten Fragebogen, um der Patientin ihren Gesundheitsstatus zu spiegeln: Vor zwei Jahren gab diese an, nur mäßig körperlich aktiv zu sein. Ihr Blutdruck sei seit sie 17 Jahre alt war zu hoch. Sie ernähre sich unregelmäßig mit sehr viel Fast Food und Snacks bei vier Mahlzeiten am Tag. Sie trinke zwei Liter Wasser täglich, aber »mit Geschmack«, also gesüßt. Es gebe keine Sportarten, die ihr Spaß machen und sie stufte ihre Fitness selbst als schwach ein. Sie war nun aber an einem Punkt angekommen, wo sie sich Unterstützung wünschte.
»Wir haben ihr kardiovaskuläres Risiko ausgerechnet und gemeinsam ein realistisches Ziel festgelegt: 10 kg abnehmen in drei Monaten. Dazu haben wir ihr einen Ernährungs- und Bewegungsplan erstellt«, berichtete Kessner. Die Mitarbeiterin fing daraufhin mit Intervallfasten und zweimal die Woche Nordic Walking und Gartenarbeit an. Zusätzlich empfahl Kessner Vitamin D, Biotin, Magnesium und aufgrund häufiger Infekte auch Vitamin C und Zink zur Substitution.
Dr. Doreen Kessner führt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester die Altstadt Apotheke in Magdeburg. / © Altstadt Apotheke OHG
»Es gab schnell einen Effekt – und plötzlich hat sich auch ihr Aussehen und Auftreten verändert, sie ist weniger krank und belastbarer, auch im Arbeitsalltag, und hat eine Fremdsprache angefangen«, erzählte Kessner weiter.
Der BMI ist auf aktuell 35 kg/m2 runtergegangen, der letzte Blutdruck lag bei 120 zu 80 mmHg und sie fühlt sich deutlich besser. Die Bluthochdruckmedikamente konnten von fünf auf drei Wirkstoffe reduziert werden (Uradipil und Moxonidin wurden gemeinsam mit der Ärztin abgesetzt), wobei die Metoprolol-Dosis halbiert werden konnte.
»Die Kollegin ernährt sich weiter im Intervall und ausgewogen, trinkt nur noch reines Wasser, hat mehr Energie, Kraft und Fitness, sodass sie sich nun mehrmals pro Woche bewegt und weiter abnehmen will: von aktuell 100 auf 80 Kilogramm. Ihr Ziel: Sie will nicht krank werden.«
Weitere Tipps der Expertenrunde waren, die Ernährung weg vom Intervall auf drei Mahlzeiten mit unterschiedlicher Nährstoffdichte umzustellen, einmal pro Woche Krafttraining einzubauen und noch einmal das ärztliche Gespräch zu suchen, ob eventuell doch noch zusätzlich eine Abnehmspritze infrage kommt, um die Gewichtsabnahme zu beschleunigen. Auch Schilddrüsen- und Blutfettwerte sollten überprüft werden, ob die Levothyroxin-Dosis angepasst und ein Statin sinnvoll sein können.
»Der Fall zeigt sehr schön, was eine ganzheitliche Beratung bewirken kann«, kommentierte Internist Keil. Hinter den Medikationsanalysen von Apothekern stecke immer sehr viel Fachwissen, wie er selbst aus seiner Praxis weiß. »Sie müssen sich da nicht verstecken – jede Analyse hat einen Mehrwert für mich und meine Patienten.« Er sei offen für weitere Dienstleistungen in der Apotheke, auch wenn das nicht von allen Ärzten gern gesehen werde. Keil ermunterte die Apotheken »dranzubleiben«. Gesundheitskioske brauche es nicht, wohl aber mehr präventive und unterstützende Angebote.
»Wir haben einen großartigen Beruf mit so viel Wissen, das ständig wächst«, betonte auch Kessner. Die Apotheken müssen »einfach machen«, denn gerade diese Leistungen stärken den Standort. Und auch wenn so eine aufwendige, teils nicht vergütete Beratung nicht immer möglich ist: »Bei jeder Medikamentenabgabe kann man noch zwei oder drei zusätzliche Tipps geben, wie der Patient schneller wieder gesund werden kann. Ich stelle immer wieder fest, dass hier oft grundsätzliches Wissen fehlt.«
Ernährung, Bewegung und Schlaf seien die wichtigsten Stellschrauben – hier gib es zahlreiche Studien, die zeigen, dass schon kleine Veränderungen große Wirkung entfalten können, gerade langfristig.
Der nächste Fall der pDL-Akademie wird am 12. Februar vorgestellt. Es geht um die interprofessionelle Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Pflegekräften und einen Patienten zwischen häuslichem Umfeld, Krankenhaus und Pflegeheim. Die Teilnahme ist kostenlos.