| Lukas Brockfeld |
| 16.10.2026 13:55 Uhr |
Im Gesundheitswesen treffen enorme Summen auf komplizierte Strukturen. Das macht Betrug attraktiv. / © Imago/suedraumfoto
Abrechnungsbetrug und andere Formen des kriminellen Fehlverhaltens sind ein vergleichsweise seltenes, aber dennoch relevantes Problem im deutschen Gesundheitswesen. Die AOK Bayern und die ZKG haben deshalb am Freitagmorgen zu einer Pressekonferenz nach Nürnberg eingeladen.
Irmgard Stippler, Vorstandsvorsitzende der AOK Bayern, betonte gegenüber der Presse, dass ein solidarisches Gesundheitssystem vom Vertrauen der Menschen lebe: »Deswegen bekämpfen wir Fehlverhalten im Gesundheitswesen. Aber wir stellen niemanden unter Generalverdacht. Die große Mehrheit der Ärzte, Apotheker und Pflegekräfte arbeitet jeden Tag regelkonform und verantwortungsbewusst. Dafür haben sie unser großes Vertrauen und unsere Wertschätzung.« Doch es gebe schwarze Schafe, die das System organisiert und systematisch ausnutzen.
Man wolle daher vor allem dort konsequent hinschauen, wo Muster von Fehlverhalten erkennbar seien. Um diese aufzuspüren, sei man primär auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Oft kämen diese von Menschen, die selbst im Gesundheitswesen arbeiten und denen etwas komisch vorkomme. Inzwischen setze man aber auch auf digitale Plattformen für anonyme Hinweisgeber und auf Künstliche Intelligenz. »KI kann helfen, wiederkehrende Unregelmäßigkeiten und Muster zu identifizieren und so auf Auffälligkeiten hinzuweisen«, erklärte Stippler.
Für Torsten Haase, Leitenden Oberstaatsanwalt und Leiter der Bayerischen Zentralstelle
zur Bekämpfung von Betrug und Korruption im Gesundheitswesen, ist es nicht überraschend, dass es immer wieder zu Betrugsfällen kommt. Allein im Jahr 2024 seien 538 Milliarden Euro im Gesundheitswesen ausgegeben worden. »Dort, wo diese enormen Geldströme auf komplizierte Abrechnungsstrukturen treffen, entsteht ein attraktives Betätigungsfeld für Betrüger«, erklärte der Oberstaatsanwalt. Abrechnungsbetrug sei häufig sehr einfach, Kontrollmechanismen ließen sich leicht umgehen.
Der Betrug sei nicht die Hauptursache der finanziellen Misere des deutschen Gesundheitssystems. »Dennoch sprechen wir über erhebliche Schäden, die nach Schätzungen jährlich im Milliardenbereich liegen«, sagte Haase. Jeder erschlichene Euro fehle den Patienten und den ehrlichen Leistungserbringern. Die Betrugsbekämpfung sei daher auch ein Beitrag zur Stabilisierung des Gesundheitssystems.
Einige Betrüger gingen sehr professionell vor, doch oft sei das gar nicht nötig. »Es genügen fingierte Leistungen, manipulierte Dokumentationen oder falsche Abrechnungen. Besonders problematisch ist aus unserer Sicht, dass Kassenpatienten keine Rechnungen erhalten und deshalb keine Möglichkeit haben, fehlerhafte oder erfundene Leistungen zu erkennen«, klagte der Oberstaatsanwalt. Außerdem hätten die Patienten keinen finanziellen Anreiz, genau hinzuschauen, da die Bezahlung der Leistung ohnehin über die Krankenkasse erfolge. »Damit fehlt dem System eine natürliche Kontrollinstanz.«