Das deutsche Gesundheitssystem wird immer teurer. / © Imago/Zoonar
Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen sind in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres mit rund 7,6 Prozent deutlich stärker als die Beitragseinnahmen (ohne Zusatzbeiträge) mit rund 4,1 Prozent gestiegen. Das geht aus einer Mitteilung des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) hervor.
Das Ministerium spricht daher von einem »weiterhin zu hohen Druck auf die Beitragssätze«. Zwar hätten die 93 gesetzlichen Krankenkassen im ersten Quartal 2026 einen Überschuss in Höhe von 1,3 Milliarden Euro erzielt. Dieser Überschuss sei jedoch Ergebnis der Beitragssatzanhebungen zum Jahresbeginn und diene vorrangig der Auffüllung der Finanzreserven der Krankenkassen auf das gesetzliche Mindestniveau.
Die Finanzreserven der Krankenkassen betrugen demnach zum Quartalsende rund 6,18 Milliarden Euro. Dies entspricht rund 0,2 Monatsausgaben und liegt damit – im Durchschnitt über alle Kassen – erstmals seit dem 3. Quartal 2024 wieder auf Höhe der gesetzlich vorgesehenen Mindestreserve.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ist trotzdem nicht glücklich: »Die Finanzergebnisse für das erste Quartal unterstreichen die extrem angespannte Lage in der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Ausgaben steigen nahezu doppelt so stark wie die Einnahmen. Diese vom Schätzerkreis unerwartet ungebrochene Ausgabenentwicklung führt noch mal zu einer höheren Finanzierungslücke im kommenden Jahr von insgesamt 19 Milliarden Euro«, so die Ministerin.
Um weitere Beitragssteigerungen auszuschließen, müsse das Entlastungsvolumen des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes um zusätzliche 2,5 Milliarden Euro erhöht werden. »Das sollte gemeinsames Ziel im parlamentarischen Verfahren sein. Bei diesem Finanzvolumen ist es unvermeidbar, dass alle Leistungsbereiche einen Beitrag leisten. Der Reformdruck ist gewaltig, doch bietet er auch die Chance, unser Gesundheitssystem zukunftsfest und nachhaltig finanzierbar aufzustellen«, so Warken.
Den Einnahmen der gesetzlichen Krankenkassen in Höhe von 94,4 Milliarden Euro standen laut dem BMG im ersten Quartal 2026 Ausgaben in Höhe von 93,1 Milliarden Euro gegenüber. Die Ausgaben für Leistungen und Verwaltungskosten verzeichneten bei einer gleichbleibenden Anzahl von Versicherten einen Zuwachs von 7,7 Prozent. Der durchschnittlich von den Krankenkassen erhobene Zusatzbeitragssatz entsprach Ende März 3,13 Prozent und lag damit oberhalb des Ende Oktober 2025 für das Jahr 2026 bekanntgegebenen durchschnittlichen ausgabendeckenden Zusatzbeitragssatzes von 2,9 Prozent.
Der Gesundheitsfonds, der zum Stichtag 15. Januar 2026 über eine Liquiditätsreserve von rund 7,1 Milliarden Euro verfügte, verzeichnete im ersten Quartal 2026 ein Defizit von 3,0 Milliarden Euro. Der größere Teil dieses Defizits ist nach Aussage des BMG saisonüblich: So fließen die Ausgaben des Gesundheitsfonds als monatliche Zuweisungen in konstanter Höhe an die Krankenkassen, während die Einnahmen unterjährig erheblich schwanken und insbesondere im vierten Quartal aufgrund der Verbeitragung von Jahressonderzahlungen wie dem Weihnachtsgeld höher ausfallen.
Die Aufwendungen für die Versorgung mit Arzneimitteln stiegen um 6,4 Prozent beziehungsweise 0,9 Milliarden Euro und damit etwas stärker als im Gesamtjahr 2025 (+5,7 Prozent). Auch in diesem Bereich liegt die Ausgabendynamik damit deutlich oberhalb der Zuwächse bei den beitragspflichtigen Einnahmen sowie oberhalb der durchschnittlichen jährlichen Zuwächse im Zeitraum 2013 bis 2024. Innerhalb der Arzneimittel verzeichnen die Aufwendungen für Arzneimittel im Rahmen der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung deutlich überdurchschnittliche Zuwächse (+29,6 Prozent beziehungsweise +242 Millionen Euro).
Aufgrund der finanziellen Schieflage der gesetzlichen Krankenversicherung arbeitet Gesundheitsministerin Warken derzeit an einem umfangreichen Spargesetz. Das Vorhaben ist aufgrund der teils empfindlichen Einschnitte umstritten. Gerade die Pharmaindustrie warnt immer wieder vor den geplanten Sparmaßnahmen. So verweist der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) angesichts der neuen Zahlen darauf, dass die Arzneimittelausgaben langsamer wachsen als die Gesamtausgaben der GKV.
»Das Ministerium betont wiederholt, dass die GKV-Ausgaben stärker wachsen als die Beitragseinnahmen. Die Fakten bestätigen das, allerdings darf eine Branche nicht für die gesamtwirtschaftliche Lage in Haftung genommen werden – etwa durch den geplanten dynamischen Herstellerabschlag und andere Maßnahmen. Dies entzieht der Branche jegliche Planungssicherheit«, sagt vfa-Präsident Han Steutel.
Die Politik müsse die veränderte Versorgungslage und die wirtschaftlichen Herausforderungen in ihren Reformvorhaben zusammendenken. »Für stabile Beitragssätze braucht es nachhaltige Antworten auf die strukturellen Finanzierungsprobleme der GKV statt punktueller Maßnahmen in einzelnen Leistungsbereichen. Das diskutierte Beitragssatzstabilisierungsgesetz wird diesem Anspruch aus Sicht des vfa bislang nicht ausreichend gerecht«, so Steutel.