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Drogensucht bei Tieren

Highlife zwischen Land und Meer

13.12.2017
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Von Jennifer Evans / Delfine kiffen mit Kugelfischen, Rentiere ­halluzinieren nach dem Pilzkonsum, Kängurus randalieren nach Opiaten und Bienen fabulieren unter Koks. Der Karlsruher Biologe Dr. Mario Ludwig hat sich auf ungewöhnliche Phänomene aus dem Tierreich spezialisiert. Dem Wissenschaftler zufolge werden nicht nur Menschen süchtig nach dem Rausch.

PZ: Wo trifft man auf tierische Junkies?

 

Ludwig: Als größtes Drogen-Eldorado erweist sich die nördliche Erdhalbkugel. In Skandinavien und Sibirien fressen beispielsweise Rentiere für ihr Leben gern Fliegenpilze.

Die psychoaktiven Substanzen darin rufen bei ihnen ähnliche Halluzinationen hervor wie die chemische Droge LSD. Besonders im Winter sind Rentiere scharf auf den Rausch. Dann suchen sie ganz gezielt nach Fliegenpilzen, die sie sogar unter der Schneedecke ausgraben.

 

PZ: Wie wirken die Pilze auf Rentiere? Und warum suchen die Tiere überhaupt den Kick?

 

Ludwig:Nach dem Pilzkonsum schwanken sie hin und her, haben einen unsicheren Tritt und geben seltsame Geräusche von sich. Bei einigen beobachteten Forscher auch eine Art Headbanging.

Eigentlich verhalten sie sich ähnlich wie Menschen, die sogenannte Magic Mushrooms geraucht oder gegessen haben. Warum Tiere den Kick suchen, ist wissenschaftlich schwer zu belegen, weil keiner sie wirklich fragen kann. Eine nicht ganz so ernst zu bewertende Theorie besagt, dass die Pilze den Rentieren dazu dienen, um kurz der depressiv stimmenden Monotonie der dunklen Winter zu entfliehen. Ob grundsätzlich ein psychischer oder physischer Zwang hinter dem Drogenkonsum verschiedener Tierarten steckt, ist nicht immer eindeutig klar. Dafür liegen zu wenige Daten vor. Im Fall der Rentiere weiß man jedoch sicher, dass sogar indigene sibirische Völker ihren Urin tranken, um selbst einen Rausch zu bekommen. Ein durchaus sinnvolles Vorgehen.

 

PZ: Was meinen Sie damit?

 

Ludwig: Im Körper der Rentiere wird die Droge praktisch verfeinert. Während frische Fliegenpilze noch größere Mengen der giftigen Ibotensäure enthalten, ist diese nach der Verdauung im Rentiermagen zu Muscimol umgebaut. Diese Substanz ist weniger giftig, hat gleichzeitig eine deutlich höhere halluzinogene Wirkung und wird nahezu unverändert mit dem Urin wieder abgegeben.

 

PZ: Wie kommen Tiere auf den Geschmack von Drogen?

 

Ludwig: Manchmal ist es Zufall wie bei den Braunbären im russischen Kronozkij-Naturreservat. Sie haben entdeckt, dass Kerosin-Schnüffeln sie in einen Trancezustand versetzt. Ausgerechnet die Wildhüter hatten einmal die Kerosinfässer zum Betanken ihrer Hubschrauber unbeaufsichtigt stehen gelassen.

Durch diesen Fauxpas entstand ein echtes Drogenproblem. Einige Bären liefen später sogar startenden Hubschraubern hinterher, um noch eine Dosis aus dem tropfenden Motor zu erhaschen. Laut Beobachtungen hat das Kerosin ihnen ein Gefühl von Schwerelosigkeit gegeben. Nach dem Konsum legten sie sich ganz friedlich in eine Kuhle auf den Rücken und schliefen den Rausch wieder aus. Die Sucht der Bären entstand übrigens – wie beim Menschen auch – über die Aktivierung des Belohnungssystems im Gehirn. Die ausgesendeten Botenstoffe signalisierten ein Wohlgefühl.

 

PZ: Bestimmt schlafen aber nicht alle Tiere ihren Rausch einfach aus, oder?

 

Ludwig: Ganz und gar nicht. Im australischen Bundesstaat Tasmanien sind einige Schlafmohnproduzenten geradezu erzürnt über die Hüpforgien abhängiger Kängurus. Die Beuteltiere zerstören einen erheblichen Teil ihrer Ernte. Ein echtes Problem. Denn Tasmanien ist weltweit der größte Produzent von legal angebautem Schlafmohn für pharmazeutische Produkte, liefert 50 Prozent des Rohstoffs für Morphin und andere Opiate. Doch die reifen Mohnkapseln, die zum Beispiel Morphin und Codein enthalten, ziehen einige Kängurus magisch an. Nach dem Verzehr sind sie derart high, dass sie wie verrückt mit ihren großen Füßen den Mohn zertrampeln.

 

PZ: Leiden Tiere auch unter Entzugserscheinungen?

 

Ludwig: Durchaus. Tagelanger Kokain-Konsum macht Bienen beispielsweise so süchtig, dass sie später eindeutige Entzugserscheinungen wie verminderte Lernfähigkeit zeigen. Entomologen wissen schon länger, dass einige Bienenarten bevorzugt Pflanzen aufsuchen, deren Nektar berauschende Substanzen wie Nikotin oder Koffein enthält. Amerikanische Wissenschaftler dopten sogar einmal Bienen über das Futter mit einer Dosis Kokain. Danach neigten die Tiere zu Übertreibungen. Bei ihren sogenannten Schwänzeltänzen, mit denen sie Artgenossen über die Qualität einer Futterquelle informieren, legten sie sich übermäßig ins Zeug. Im Vergleich zur Kontrollgruppe drogenfreier Bienen berichteten die Bienen auf Koks, ein wahres Nektar-Schlaraffenland entdeckt zu haben.

 

PZ: Können sich Tiere eigentlich vor einer Überdosis schützen?

Ludwig: Zumindest zeigen einige viel Fingerspitzengefühl. In afrikanischen Gewässern vor Mozambik beobachteten englische Wissenschaftler, wie Delfine Kugelfische schnappten und vorsichtig auf ihnen herumkauten, bis diese kleine Mengen des Nervengifts Tetrodotoxin abgaben. Und zwar gerade so viel, dass es zwar berauschend wirkte, aber nicht zur tödlichen Vergiftung führte. Nur ein Milligramm reicht allein aus, um einen erwachsenen Menschen zu töten. Damit ist Tetrodotoxin mehr als zehntausendmal tödlicher als Zyankali. Stark verdünnt kommt das Gift auch zur Schmerzbehandlung etwa in der Krebstherapie zum Einsatz.

 

PZ: Zeigen alle Delfine dieses Verhalten?

 

Ludwig: Das Phänomen wurde bislang nur bei Kälbern der Großen Tümmler festgestellt. Nach einer Weile fallen die bekifften Tiere in einen tranceähnlichen Zustand und lassen sich ohne jegliche Körperspannung an der Wasseroberfläche treiben. Sensationell sind die Aufzeichnungen eines britischen Fernsehteams von einer Delfingruppe. Zunächst kreisten die Tiere den Kugelfisch ein, nahmen ihn dann der Reihe nach sanft in die Schnauze, kauten auf ihm herum und reichten danach den Fisch mit dem Maul weiter. Die Delfine ließen den Kugelfisch in Gesellschaft also wie einen Joint kreisen.

 

PZ: Nutzen Tiere unabhängig vom Rauscherlebnis auch aus anderen Gründen Drogen?

 

Ludwig: Die Kapuzineraffen schützen sich etwa vor Moskitostichen mit dem Abwehr-Sekret von Tausendfüßlern. Amerikanische Wissenschaftler haben beobachtet, wie die Affen sich rund zehn Zentimeter lange sogenannte Orthoporus dorsovittatus aus Baumrinden schnappten und mit ihrer Faust so lange auf diese einprügelten, bis die Tausendfüßler zur Verteidigung Sekret absonderten. Damit schmierten die Affen sich gründlich ein. Das darin enthalte Benzochinon hält aber nicht nur Moskitos fern, sondern hat auch eine halluzinogene Wirkung. Die Affen bekommen glänzende Augen, erweitere Pupillen und beginnen zu taumeln. Der Rauschzustand dauert etwa 20 Minuten. /

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