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Wechseljahre

Neuer Ansatz gegen Hitzewallungen

12.04.2017
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Von Kerstin A. Gräfe / Der Arzneistoffkandidat MLE4901 hat in einer Phase-II-Studie bei Frauen mit Wechseljahresbeschwerden die Gesamtzahl an vasomotorischen Symptomen wie Hitzewallungen um knapp drei Viertel reduziert. Der Neurokinin-3 (NK3)-Antagonist greift in die hormonelle Thermoregulation des Hypothalamus ein und verhindert so eine gesteigerte Wärmeproduktion.

Neurokinine sind Neuropeptide, die im zentralen und peripheren Nervensystem als Neurotransmitter und Neuromodulatoren fungieren. Genauer charakterisiert sind bisher die drei Neurokinine Substanz P, Neurokinin-A und Neurokinin-B, die mit unterschiedlicher Präferenz an den jeweiligen Rezeptor binden. So bevorzugen Substanz P den NK1-, Neurokinin A den NK2- und Neurokinin B den NK3-Rezeptor. Letzterer wird unter anderem durch Estrogen reguliert.

 

Negative Rückkopplung

Hohe Hormonspiegel bewirken im Sinne einer negativen Rückkopplung eine verminderte Neurokinin-B-Ausschüttung und umgekehrt. Tritt nun bei einer Frau die Menopause ein, sinken die Estro­genspiegel, da die Ovarien das Hormon nur noch vermindert oder gar nicht mehr produzieren. In der Folge wird vermehrt Neuro­kinin B ausgeschüttet. Neuro­kinin-B-Neuronen haben zugleich auch eine Verbindung zu einer bestimmten Region im Gehirn: der Area prae­optica. Diese ist für die Thermoregulation verantwortlich. Liegt viel Neurokinin B vor, reguliert die Region die Temperatur hoch und die Folge sind Hitzewallungen und Nachtschweiß. NK3-Antagonisten wie MLE4901 verhindern das durch Blockade des Rezeptors.

 

An der jetzt im Fachmagazin »The Lancet« veröffentlichten, placebokontrollierten randomisierten Studie nahmen 28 menopausale Frauen teil, die täglich sieben oder mehr Hitzewallungen hatten (DOI: 10.1016/S0140-6736(17)30823-1). Sie bekamen in einem Crossover-Design über jeweils vier Wochen entweder zweimal täglich 40 mg MLE4901 oder Placebo. Der NK3-Ant­agonist senkte die Gesamtzahl der Hitzewallungen um 73 Prozent; in der Placebogruppe konnte ein Rückgang um 28 Prozent verzeichnet werden. Laut den Studienautoren um Professor Dr. Waljit Dhillo vom Imperial College London wurde die Behandlung gut vertragen. Daher eigne sich MLE4901 vor allem für Frauen, die sich aus Angst vor Estrogen-vermittelten Nebenwirkungen gegen eine Hormonersatz-Therapie (HRT) entschieden haben oder für solche, für die eine HRT kontraindiziert ist, so Dhillo in einer Pressemitteilung des College. Wirksamkeit und Sicherheit von MLE4901 müssten nun zunächst in größeren Studien überprüft werden.

 

MLE4901 wird von Astra-Zeneca entwickelt und ist oral verfügbar. Mit Fezolinetant von Astellas Pharma befindet sich ein weiterer NK3-Antagonist zur Behandlung von vasomotorischen Symptomen in den Wechseljahren in der klinischen Prüfung. Auch der NK1-Rezeptor wird bereits als pharmako­logisches Target genutzt: Ihn blockieren Wirkstoffe wie Aprepitant oder Fosaprepitant, die gegen verzögertes Erbrechen bei Chemo­therapie eingesetzt werden. /

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