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ARZNEISTOFFE

Nalmefen|Selincro®|39|2014

STOFFGRUPPE
39 Entwöhnungsmittel/Mittel zur Behandlung von Suchterkrankungen
WIRKSTOFF
Nalmefen
FERTIGARZNEIMITTEL
Selincro®
HERSTELLER

Lundbeck

MARKTEINFÜHRUNG (D)
09/2014
DARREICHUNGSFORM

18 mg Filmtabletten

ATC-CODE
N07BB05
ORPHAN DRUG
Nein

Indikationen

Selincro ist indiziert zur Reduktion des Alkoholkonsums von erwachsenen Patienten mit Alkoholabhängigkeit, bei denen sich dieser auf einem hohen Risikoniveau befindet, bei denen keine körperlichen Entzugserscheinungen vorliegen und für die keine sofortige Entgiftung erforderlich ist.

 

Die Behandlung mit Selincro sollte nur bei Patienten eingeleitet werden, deren Alkoholkonsum sich zwei Wochen nach einer initialen Untersuchung weiterhin auf einem hohen Risikoniveau befindet.

 

Begleitend zur Nalmefen-Einnahme sollen die Patienten kontinuierlich psychosozial unterstützt werden, um sie in der Reduktion der Trinkmenge zu bestärken und die Therapietreue zu erhöhen.

Wirkmechanismus

Nalmefen ist ein Modulator des Opioidsystems mit antagonistischer Aktivität an μ- und δ-Rezeptoren und partiell agonistischer Wirkung an κ-Rezeptoren. Dadurch verändert sich die Aktivität dopaminerger Neurone im kortiko-mesolimbischen System, das auch als positives Belohnungssystem bezeichnet wird. Der Patient verspürt weniger Lust, Alkohol zu trinken, dessen berauschende Wirkung wird aber nicht verhindert.

Anwendungsweise und -hinweise

Die Dosierung von Selincro erfolgt nach Bedarf. Patienten sollen an jedem Tag, an dem sie das Risiko verspüren, Alkohol zu trinken, eine Tablette einnehmen, und zwar am besten eine bis zwei Stunden vorher. Wenn der Patient bereits Alkohol getrunken hat, soll er möglichst bald eine Tablette einnehmen. Die maximale Tagesdosis beträgt eine Tablette, also 18 mg Nalmefen.


Selincro kann mit oder ohne Nahrung eingenommen werden. Die Tabletten dürfen nicht geteilt oder zerdrückt werden, da Nalmefen bei direktem Kontakt zur Sensibilisierung der Haut führen kann.


Die Notwendigkeit zur Fortsetzung der Therapie soll regelmäßig kontrolliert werden, etwa durch einen Absetzversuch. Klinische Daten liegen für einen Behandlungszeitraum von sechs bis zwölf Monaten vor. Wird Selincro länger als Jahr verordnet,  ist Vorsicht geboten.

Wichtige Wechselwirkungen

Als partieller Opioid-Antagonist interagiert Nalmefen mit Opioid-Analgetika, aber auch -Antitussiva und -Antidiarrhoika. Patienten, die Opioid-Analgetika einnehmen, dürfen Nalmefen daher nicht erhalten. Das gilt auch für die missbräuchliche Anwendung, da sonst Entzugssymptome drohen.


Interaktionsgefahr besteht mit Arzneistoffen, die das UGT2B7-Enzym beeinflussen, über das Nalmefen hauptsächlich metabolisiert wird. Starke Inhibitoren des Enzyms können die Blutspiegel von Nalmefen signifikant ansteigen lassen. Zu diesen gehören unter anderem Diclofenac, Fluconazol oder Medroxyprogesterolacetat. Eine gelegentliche Anwendung gilt als unproblematisch. Bei regelmäßiger Anwendung ist jedoch Vorsicht geboten. Umgekehrt kann die gleichzeitige Behandlung mit UGT-Induktoren potenziell zu subtherapeutischen Nalmefen-Konzentrationen im Plasma führen. Zu diesen gehören unter anderem Dexamethason, Phenobarbital, und Omeprazol.

Nebenwirkungen

Die häufigsten unerwünschten Wirkungen in Studien zu Nalmefen waren Übelkeit, Schwindel, Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen. Diese Reaktionen waren in der Mehrzahl leicht bis mittelschwer, traten zu Behandlungsbeginn auf und gingen dann zurück. Ebenfalls beobachtete psychiatrische Symptome wie Verwirrtheit, Halluzinationen und Dissoziation (Trennung von normalerweise assoziierten Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten) könnten auch Zeichen einer alkoholischen Psychose, eines Alkoholentzugssymptoms oder einer begleitenden psychiatrischen Erkrankung sein.

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Nalmefen ist kontraindiziert bei Patienten, die Opioid-Antagonisten oder -Partialantagonisten einnehmen oder bei denen eine kürzliche Anwendung vermutet wird. Es darf außerdem nicht bei Patienten angewendet werden, bei denen eine aktuelle oder erst kurze Zeit zurückliegende Opioid-Abhängigkeit vorliegt oder die an akuten Opioid-Entzugssymptomen leiden.

 

Nalmefen ist außerdem kontraindiziert bei Patienten mit in jüngster Vergangenheit aufgetretenen akuten Alkohol-Entzugserscheinungen einschließlich Halluzinationen, Krampfanfällen und Delirium tremens.

 

Nicht angewendet werden darf es außerdem bei Patienten mit schwerer Leber- und/oder Nierenfunktionsstörung.

 

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Inhaltsstoffe ist das Arzneimittel kontraindiziert.

Studien

Die Wirksamkeit von Nalmefen wurde in zwei randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studien mit insgesamt 1941 Patienten untersucht. Von diesen wurden in einem ersten Besuch zunächst der klinische Status, die soziale Situation und das Trinkverhalten erfasst. Beim nächsten Arztkontakt nach einer bis zwei Wochen erfolgten der Start einer standardisierten psychosozialen Intervention sowie die Randomisierung in die Verum- oder Placebogruppe. Primäre Endpunkte waren die Änderung der monatlichen Anzahl von Tagen mit besonders hohem Alkoholkonsum (heavy drinking days, HDD) und die Änderung der täglich konsumierten Alkoholmenge (total alcohol consumption, TAC).


Der entscheidende Erfolgsfaktor bei der Behandlung von Alkoholkranken ist die Motivation des Patienten. Das zeigte sich auch in den Zulassungsstudien: 35 Prozent der Patienten motivierte offenbar allein die Aufnahme in die Studie so stark, dass sie ihren Konsum bereits zwischen dem ersten und dem zweiten Arztkontakt stark reduzierten. Sie wurden im Nachhinein (post hoc) aus der Zielpopulation ausgeschlossen. Deshalb findet sich jetzt auch ein entsprechender Passus in der Fachinformation.


Ein weiteres Indiz dafür dass nicht nur die pharmakologische Wirkung von Nalmefen für den Erfolg der Therapie verantwortlich ist, war ein relativ hoher Placeboeffekt in den Zulassungsstudien. In der ersten Studie sank die Zahl der HDD innerhalb von sechs Monaten unter Nalmefen von 23 auf 9 und der TAC von 102 auf 40 g pro Tag. In der Placebogruppe war bei den HDD ein Rückgang von 23 auf 14 und beim TAC von 99 auf 57 g pro Tag zu verzeichnen. In der ebenfalls sechsmonatigen Studie 2 reduzierten sich die HDD unter Nalmefen von 23 auf 10 (Placebo: 22 auf 12) und die TAC von 113 auf 44 g pro Tag (Placebo: 108 auf 52 g pro Tag).


In einer einjährigen Studie mit 179 auswertbaren Patienten war der Erfolg von Nalmefen deutlicher. Hier sank die Anzahl der HDD unter Verum von 19 auf 5 (Placebo: 19 auf 10). Die TAC ging mit Nalmefen von ausgangs 100 auf 24 g pro Tag zurück (Placebo: 101 auf 47 g pro Tag). Sowohl in dieser als auch in den beiden sechsmonatigen Studien brachen relativ viele Patienten (bis zu 50 Prozent) die Behandlung ab, und zwar häufiger unter Verum als unter Placebo – auch dies ein Zeichen dafür, welch große Rolle die Motivation für den Therapieerfolg spielt.

Hintergrundinfos

Dass das Ziel einer Behandlung mit Nalmefen nicht Abstinenz ist, sondern lediglich eine Reduktion der Trinkmenge, stellt einen Paradigmenwechsel dar. Bislang galt für die Entgiftung von Alkoholkranken, dass diese sich zum Therapieziel Abstinenz bekennen mussten, um überhaupt behandelt zu werden. Für viele ist das aber eine zu große Hürde. Zudem haben Studien gezeigt, dass auch schon eine Reduktion der Trinkmenge die alkoholbedingte Sterblichkeit senkt. Daher ist seit einer Änderung der Arzneimittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses Ende Februar 2014 auch eine Reduktion als Therapie(zwischen)ziel anerkannt, und Nalmefen kann unter bestimmten Voraussetzungen zulasten der Krankenkasse verordnet werden. Da Abstinenz aber nach wie vor das Fernziel ist, soll die Behandlung zeitlich begrenzt sein. Wie lange ein Patient das Mittel braucht, muss der behandelnde Arzt entscheiden.

Besonderheiten

Bei der Lagerung von Selincro sind keine besonderen Bedingungen zu berücksichtigen.

Selincro ist verschreibungspflichtig.

Formeln

Nalmefen

Nalmefen

Die dreidimensionale Strukturformel können Sie mit einem kostenlosen Zusatzprogramm aus dem Internet, zum Beispiel Cortona von Parallelgraphics, ansehen (externer Link).

Nalmefen.wrl

Weitere Hinweise

Tierexperimentelle Studien haben eine Reproduktionstoxizität gezeigt. Die Einnahme von Nalmefen während der Schwangerschaft wird daher nicht empfohlen.

 

Nalmefen und seine Metabolite gehen laut tierexperimentellen Untersuchungen in die Muttermilch über. In der Stillzeit muss entschieden werden, ob auf das Stillen oder auf die Therapie mit Nalmefen verzichtet werden soll.

Packshot

Letzte Aktualisierung: 29.09.2021

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