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Medikamentenabhängigkeit
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Apotheken können frühzeitig gegensteuern

Aus einer medizinisch notwendigen Behandlung kann schleichend eine Abhängigkeit werden. Besonders Benzodiazepine, Schlafmittel und opioidhaltige Schmerzmittel bergen Risiken. Warum Apotheken bei der Prävention eine wichtige Rolle spielen.
AutorKontaktMelanie Höhn
Datum 22.10.2026  13:00 Uhr

Medikamentenabhängigkeit ist laut AOK ein »weit verbreitetes, aber häufig unterschätztes Problem« in Deutschland. Schätzungen zufolge seien hierzulande zwischen 1,1 und 1,9 Millionen Menschen betroffen. Die Spanne habe mehrere Gründe: Privatrezepte würden nicht systematisch erfasst und illegal beschaffte Arzneimittel entzögen sich der Statistik. Zudem gebe es keine ICD-Hauptdiagnose »Medikamentenabhängigkeit«. Die Zahl der Medikamentenabhängigen lässt sich jedoch nur schwer beziffern. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) geht von einer hohen Dunkelziffer aus. 

Die Entwicklung verlaufe meist schleichend und bleibe lange unbemerkt, oft werde eine Abhängigkeit weder von Verordneten noch von Betroffenen als Abhängigkeit wahrgenommen. Besonders relevant sind laut AOK Medikamente mit Wirkung auf das zentrale Nervensystem, darunter Benzodiazepine, Z-Substanzen und opioidhaltige Schmerzmittel. Bei längerer Einnahme könnten sie zu Toleranzentwicklung und Abhängigkeit führen, wobei insbesondere ältere Menschen gefährdet seien.

Datenlücken und illegale Arzneimittel

Der Mediziner und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Professor Hendrik Streeck, sagte in einem Interview mit der Krankenkasse: »Was ärztlich verordnet wird und gegen Beschwerden hilft, wird kaum als mögliche Suchtgefahr wahrgenommen.« Er forderte, dass verschreibungspflichtige Medikamente grundsätzlich nur noch elektronisch verordnet werden, »unabhängig davon, ob jemand gesetzlich oder privat versichert ist oder selbst bezahlt«.

Bei Arzneimitteln mit Suchtpotenzial seien nachvollziehbare und fälschungssichere Verschreibungsprozesse entscheidend. Sie würden es ermöglichen, Mehrfachverordnungen und ungewöhnliche Verschreibungsmuster frühzeitig zu erkennen. Dazu zähle auch die Einführung des E-Rezepts für Betäubungsmittel; hierfür erwarte er bald eine Lösung.

Ein zentrales Problem ist laut AOK die mangelnde Transparenz bei der Verschreibung und Einnahme. Längerfristige Verschreibungen würden häufig auf Privatrezept erfolgen. »Damit fehlt uns ein wichtiger Teil des Gesamtbildes«, kritisiert Professor Tom Bschor, Autor des Medikamentenkapitels im »DHS Jahrbuch Sucht 2026«, gegenüber der AOK. Hinzu komme die mangelnde Vernetzung: Betroffene könnten sich bei mehreren Praxen kleine Mengen verschreiben lassen und verschiedene Apotheken nutzen, ohne dass die Verordnenden voneinander wüssten. »Das ist formal legal, entspricht aber nicht einer leitliniengerechten Versorgung«, so Bschor.

Apotheken als wichtige Schnittstellen

Die Prävention von Medikamentenabhängigkeit beginne vor der ersten Verordnung, es brauche vor allem eine gründliche Suchtanamnese. Von Anfang an müsse festgelegt werden, aus welchem Grund und für welchen Zeitraum ein Medikament benötigt werde und wann die Behandlung erneut überprüft werden soll. Zudem könne die elektronische Patientenakte dabei helfen, Mehrfachverordnungen zu erkennen, sofern die behandelnden Ärzte Zugriff auf die entsprechenden Informationen haben. Auch Apotheken sind laut AOK wichtige Schnittstellen. Sie können beispielsweise Patientinnen und Patienten beraten und auf Risiken einer langfristigen Einnahme hinweisen.

Darüber hinaus fordert Bschor, die gesetzlichen Vorgaben für bestimmte Medikamente mit Abhängigkeitspotenzial zu verschärfen. Aus seiner Sicht sollten Wirkstoffe wie Tramadol, Tilidin und Benzodiazepine stärker unter das Betäubungsmittelrecht fallen. Eine solche Verschärfung könnte seiner Ansicht nach zugleich die Dokumentation verbessern und für mehr Transparenz bei den Verschreibungen sorgen.

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